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Bewährung für 85-jährige Dealerin

Heroin-Prozess Bewährung für 85-jährige Dealerin

Zwei heroinabhängige Dealer müssen in den Regelvollzug, erhalten aber durch eine Therapie eine neue Chance.

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Themenfoto: Ein Mann spritzt sich Heroin.

Quelle: Archiv

Marburg. In dem besonderen Fall waren neben den beiden 43 und 33 Jahre alten Haupttätern, denen Heroinhandel in mehreren Fällen vorgeworfen wurde, auch die 85-jährige Adoptivmutter des älteren Mannes verwickelt gewesen. (Bericht hier)

Zum Abschluss stellte auch der Gutachter noch einmal deutlich dar, was bereits anhand der sich über Jahre erstreckenden Vorstrafen abzusehen war: Die beiden Hauptangeklagten sind seit vielen Jahren stark heroinabhängig, die Mehrzahl ihrer Straftaten geschah unter Drogeneinfluss und für die Drogenbeschaffung.

„Trotz der massiven Abhängigkeit ist aber bei keinem eine verminderte Schuldfähigkeit festzustellen,“ erläuterte der Experte und empfahl die Aufnahme in eine geschlossene Entzugsklinik.

In seinem Abschlussplädoyer fasste Staatsanwalt Sebastian Brieden noch einmal die Erkenntnisse der Video- und Telefonüberwachungen sowie die Zeugenaussagen aus der Hauptverhandlung zusammen. So zeichnete sich für die Staatsanwaltschaft eindeutig ab, dass die beiden Männer mindestens im Zeitraum April bis zur Verhaftung im August 2016 am Marburger Hauptbahnhof mit Heroin gehandelt hatten.

Da sie zusammen mit der Mutter des älteren Mannes zu dritt waren, galt dieses Vorgehen bereits als bandenmäßige kriminelle Aktivität. In diesem Zeitraum holte der Adoptivsohn mehrfach Portionen von bis zu 35 Gramm von einem noch unbekannten Großdealer aus Gießen und verteilte sie an seinen Komplizen und weitere sogenannte Läufer.

Da er dabei mit einem Schlagstock bewaffnet war und der Jüngere noch ein Messer mitführte, musste dieses Vorgehen als bewaffnetes Handeltreiben gewertet werden.

Alter und Holocaust-Vergangenheit bewahren Frau vor dem Knast

Dennoch gab es mehrere Kriterien, die auch für mildernde Umstände sprachen. Brieden betonte, dass alle drei ihre Vergehen von Beginn an eingeräumt haben und der Jüngere darüber hinaus hilfreiche Hinweise gab. Keiner von beiden hat die Waffen jemals eingesetzt. „Generell muss man von einer sehr dilettantischen Organisation ausgehen, da sie sich nicht vor den Ermittlungen verbargen und die Adoptivmutter vor allem deshalb mit Fahrdiensten aushalf, weil keiner von beiden einen Führerschein hat“, führte Brieden aus.

In Bezug auf die ungewöhnliche Teilhabe der Adoptivmutter bemerkte er aber auch: „Man kann nicht sagen, dass sie lediglich ein Opfer der Umstände war. Sie fuhr die beiden nicht nur täglich zum Bahnhof, sondern machte auch den Telefondienst, und es ist auf der Aufnahme deutlich zu hören, wie sie ihren Sohn wegen einer vergessenen Schuldnerliste anherrscht.“

Aufgrund des hohen Alters der Dame, dem Umstand, dass sie als Angehöriger der Sinti im Holocaust fast ums Leben gekommen wäre und der Tatsache, dass die nicht vorbestrafte Frau ohne ihren Sohn kaum kriminelle Taten begehen wird, beließ Brieden es in ihrem Fall bei einer Forderung von zwei Jahren Bewährungsstrafe samt drei Jahren Bewährungszeitraum und 2000 Euro Strafe. Dieser Forderung schloss sich das Gericht an. Auch bei den beiden Hauptangeklagten folgte das Gericht nahezu vollständig den Vorstellungen der Staatsanwaltschaft. So wurde der Hauptangeklagte zu sechs Jahren Haft verurteilt, wobei diese Strafe zunächst halbiert wird, so dass er ein Jahr im Regelvollzug verbleiben muss und anschließend zwei Jahre in eine geschlossene Entzugsklinik überführt wird.

Falls er diese erfolgreich durchläuft, werden die verbleibenden drei Jahre zur Bewährung ausgesetzt. Da die Untersuchungshaft angerechnet wird, darf er die Therapie bereits in drei Monaten beginnen.

Bei dem Jüngeren lautete das Urteil auf vier Jahre und sechs Monate, wobei die gleiche Vorgehensweise angewendet wird. Er wird dabei aufgrund der Untersuchungshaft sofort den Entzug starten können und danach im Erfolgsfall noch zwei Jahre auf Bewährung erhalten.

von Marcus Hergenhan

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