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Aus für den Marktfrühschoppenverein

Volksfest Aus für den Marktfrühschoppenverein

Unter wachsenden Protesten fand das „kürzeste Volksfest Deutschlands“ 2014 das letzte Mal auf dem Marktplatz statt. Nun hat sich der zuletzt ausrichtende Verein aufgelöst.

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Nach zunehmenden Protesten fand der Marktfrühschoppen nach 2014 nicht mehr statt. Schon in den Jahren zuvor nahm die Besucherzahl ab, nun hat sich der veranstaltende Verein aufgelöst.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Marktfrühschoppen hatte eine lange Tradition: Seit 1903 wurde das Fest der Marburger Studenten ausgerichtet, traditionell am ersten Juli-Wochenende. Der Marktfrühschoppenverein übernahm die Ausrichtung des „kürzesten Volksfests Deutschlands“ schließlich 1999 von der Oberstadtgemeinde.

Zuletzt fand der Marktfrühschoppen vor drei Jahren statt, unter jährlich wachsenden Protesten von linken Gruppierungen. Der Widerstand kam vor allem wegen der Teilnahme von Mitgliedern der umstrittenen Burschenschaften Rheinfranken, Germania und Normannia Leipzig zu Marburg zustande. Diese drei Studentenverbindungen sind organisiert im Dachverband Deutsche Burschenschaft, den Kritiker – im Gegensatz zur Bundesregierung – als rechtsextrem bezeichnen.

Der Verein ließ das Fest zwei Jahre in Folge ausfallen, weil nicht ausgeschlossen werden könne, dass rechte Burschenschaften teilnehmen, wie der Vorstand um Tilman Pfeiffer begründet.

Nun findet der Marktfrühschoppen auch 2017 nicht statt. Und es scheint das endgültige Ende des Traditionsfestes zu sein, denn der Marktfrühschoppenverein hat sich aufgelöst. „Mit schwerem Herzen haben wir die Auflösung beschlossen“, teilte Pfeiffer mit. Er erklärte, dass die „zunehmende Anzahl von Teilnehmern aus dem äußersten rechten Spektrum das Ergebnis der vom linken Spektrum betriebenen politischen Polarisierung“ gewesen sei.

„Eine derartige Dimension war nicht der Sinn des historischen fröhlichen Festes der Marburger Bürger für ihre Studenten.“

Die Auflösung sei „ein richtiger und notwendiger Schritt, der  rechtslastige Marktfrühschoppen ist damit endgültig beerdigt und das ist gut so“, sagt Renate Bastian, Linken-Fraktionschefin. Man habe sich zusammen mit anderen demokratischen Kräften stets dagegen gewandt, dass rechtsextreme Studentenverbindungen den Marktfrühschoppen „als Plattform benutzen konnten“. Die Verantwortung für die Entwicklung habe bei den Veranstaltern gelegen. „Davon können sie sich auch durch groteske und verquere Umdeutung der Wirklichkeit nicht freisprechen“.

Jahrelange Kontroverse, Verbot, Verbotsaufhebung

CDU-Parteichef Dirk Bamberger sieht das anders: „Der Verein ist sehr bemüht gewesen, das Fest von politischen Einflüssen aus dem rechten Spektrum zu befreien. Es ist sehr bedauerlich, dass dieses Bemühen, das Engagement in einem schweren  Umfeld, speziell von Linken und Grünen, weder gesehen noch unterstützt wurde. Im Gegenteil: Man hat das Fest, den Veranstalter nach Kräften ideologisch bekämpft“, sagt er.

Die FDP äußert sich ähnlich: „Man sollte nicht die ursprüngliche Intention dieses Festes vergessen: Marburger wollten sich damit einst bei den Studenten bedanken, die eine gute Einnahmequelle darstellten“, sagt Christoph Ditschler, FDP-Parteivorsitzender. Der Stadtverordnete Hanke Bokelmann (FDP) ergänzt: „Ich vermisse den Marktfrühschoppen. Wieder einmal hat die Stadt Marburg die Chance verfallen lassen, ein deutschlandweit einmaliges Volksfest zu erhalten und weiterzuentwickeln.“

Pfeiffer drückte indes auch seine Hoffnung aus, dass die Auflösung des Vereins kein endgültiges Aus für den Marktfrühschoppen bedeute – sondern in späteren Jahren traditionelle Werte wieder mehr „Gewicht vor den Interessen politischer Eiferer bekommen werden“. Dann solle eine neue Generation die Tradition des „weltweit bekannten Marburger Marktfrühschoppens als kürzestes Volksfest Deutschlands“ wieder aufgreifen.

Die Kommunalpolitik hatte sich in den vergangenen Jahren immer wieder mit dem Frühschoppen beschäftigt. So hatte Ex-Oberbürgermeister Egon Vaupel die Austragung des Marktfrühschoppens verboten – damit entsprach er einem Beschluss des Stadtparlaments. Das Verwaltungsgericht Gießen hob das Verbot jedoch wieder auf, das Fest fand statt.

Als Ersatz fand 2015 auf dem Marktplatz ein Kultur- und Kirchenfest im Rahmen der steigenden Flüchtlingszahlen statt, das rund 100 Teilnehmer zählte. Zur Einordnung: Der Marktfrühschoppen hatte selbst in den vorangegangenen besucherschwachen Jahren mindestens die fünffache Menge an Teilnehmern.

von Björn Wisker
und Patricia Grähling

Hintergrund
Die Mehrheit des Stadtparlaments beschloss im Sinne der Fest-Verhinderung vor zwei Jahren, dass der Magistrat ab 2017 den Marktplatz am ersten Juli-Sonntag für Eigenbedarf reserviert. Nach Auskunft der Stadt findet in diesem Jahr allerdings keine Veranstaltung am Marktplatz statt. „Am 1. Juli empfiehlt sich jedoch ein Besuch des Ketzerbachfestes“, so Philipp Höhn von der Pressestelle.
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