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Tätlicher Angriff oder doch Notwehr?

Aus dem Amtsgericht Tätlicher Angriff oder doch Notwehr?

Ein Fall von zweimaliger Körperverletzung sowie Diebstahl von geringem Wert zu nächtlicher Stunde wurde vor Richterin Katharina Blumentritt am Marburger Amtsgericht verhandelt.

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Der Prozess ging vor dem Amtsgericht Marburg über die Bühne.

Quelle: Thorsten Richter (Archiv)

Marburg. Angeklagt war ein in Marburg lebender heute 27-jähriger Deutscher mit russischen Wurzeln. Laut Staatsanwaltschaft soll er einem betrunkenen jungen Mann in den Morgenstunden des 19. Juni 2015 an der Konrad-Adenauer-Brücke mehrfach ins Gesicht geschlagen sowie die mitgeführten Bierdosen entwendet und anschließend selber getrunken haben.

Der Beschuldigte räumte ein, dass es das Aufeinandertreffen gegeben habe. Er selbst sei dabei nicht mehr ganz nüchtern gewesen und habe zuvor Bier, Haschisch und Amphetamine konsumiert. „Wir waren gut drauf“, beschrieb er die Stimmung der kleinen Gruppe russischstämmiger Kumpels, die am Fuße der Brücke zusammensaß.

Man habe lediglich mehr Ruhe angemahnt, als zwei Personen lautstark unterhaltend über die Brücke gegangen seien. Diese seien dann treppabwärts zu ihnen gekommen, wobei erste russische Schimpfworte zur Begrüßung gefallen seien. Dem Ansinnen, sich zu ihnen zu gesellen, habe einer aus seiner Gruppe eine Abfuhr erteilt. Und als die beiden nicht gehen wollten, sei die Sache etwas aus dem Ruder gelaufen.

Spätestens dort gehen die Schilderungen der beiden Lager auseinander. Der Angeklagte sagte, dass er einem tätlichen Angriff zuvorkommen wollte. Die zum Schlag erhobenen Hände des „Ankömmlings“ habe er zur Seite geschlagen und ihm eine Ohrfeige verpasst.

Dies sah das Opfer, das als Zeuge geladen war, völlig anders. In angetrunkenem Zustand hatten er und sein Kumpel eine bekannte Marburger Kneipe zur Sperrstunde verlassen und anschließend an der Aral-Tankstelle Biernachschub gekauft. Man habe noch nicht nach Hause gehen wollen und sei deswegen die Treppe zu den Feiernden heruntergegangen. Er konnte sich auf Rückfrage vorstellen, zwei von drei ihm bekannten russischen Schimpfwörtern gesagt zu haben. Wie er dann die Schläge ins Gesicht und gegen den Kopf erhalten habe, daran konnte er sich nicht mehr erinnern. In jedem Falle sei er von einem „Mädchen“ (wie sich später herausstellte war es ein Mann mit langen Haaren) festgehalten worden.

Eskalierend muss wohl der Spruch „Man sieht sich immer zweimal im Leben“ gewesen sein.

„Ich wollte mich nicht festnehmen lassen“

Der Geschädigte, der ein sogenanntes Veilchen von den Faustschlägen davongetragen hatte, sei noch seines Biervorrats beraubt worden und habe daraufhin die Polizei angerufen.

Während die Feiernden das Weite suchten – „Ich wollte mich nicht festnehmen lassen und die Nacht im Bunker verbringen“ (wörtliches Zitat des Angeklagten) –, wurden diese vom Geschädigten verfolgt. Später sei im Klinikum sein Auge versorgt worden, wovon es Fotos gab.

Die weitere Zeugenvernehmung ergab kein klares Bild der Tatabläufe. Zum einen liegt die Tat bereits eineinhalb Jahre zurück, zum anderen war der physische und psychische Zustand aller Beteiligten nur schwerlich nachzuvollziehen. Die Staatsanwaltschaft, die durch einen Rechtsreferendar vertreten wurde, musste zweimal Rücksprache nehmen und forderte letztlich sechs Monate Haft für die Körperverletzung und zwei Monate für den Diebstahl.

Verteidiger Arik Thaye Bredendiek wies in seinem Plädoyer darauf hin, dass der Geschädigte zum Tatzeitpunkt, mit Rückrechnung und amtlich festgestellt, wohl mehr als zwei Promille Blutalkoholanteil gehabt haben muss und sich deswegen nicht mehr genau erinnern könne. Er sah eine klare Notwehrsituation und forderte Freispruch für seinen Mandanten.

Nach dreieinhalb Stunden zähem Ringen um die Wahrheit sprach das Gericht den Angeklagten frei. Der versprach, zukünftig mehr aus seinem Leben machen zu wollen. Es blieb offen, ob die Staatsanwaltschaft in Berufung gehen wird.

von Heinz-Dieter Henkel

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