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Augenblicksversagen kostet Menschenleben

Aus dem Amtsgericht Augenblicksversagen kostet Menschenleben

Tod einer jungen Motorradfahrerin: Der Unfallverursacher wurde zu 90 Tagessätzen zu je 50 Euro verurteilt – ein dem Gesetz entsprechendes Urteil, das in keiner Weise das Leid aufwiegen könne, sagte der Richter.

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Der Unfallverursacher musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Direkt an die Eltern der ums Leben gekommenen 17-Jährigen gewandt, sagte Strafrichter Cai Adrian Boesken: „Der Tod eines Menschen ist durch nichts auszugleichen, keine Strafe wird dem gerecht.“ Kein Strafmaß könne von den Eltern, die ihre Tochter verloren hatten, als gerecht empfunden werden. Bei allem Verständnis für den Schmerz der Angehörigen müsse das Gericht jedoch seiner Aufgabe der nüchternen Betrachtung nachgehen, sich auf die Fakten beschränken und den Grad der vorliegenden Fahrlässigkeit einstufen. „Der Angeklagte hat einen Fehler gemacht, er hat versagt, und das weiß er“, fasste der Richter „ein Augenblicksversagen mit verheerenden Folgen“ zusammen.

Durch Unachtsamkeit verursachte der angeklagte 37-Jährige aus dem Raum Neumünster im Juli 2015 einen Verkehrsunfall. Auf der Landstraße 3125 nahm er beim Abbiegen einer jungen Motorradfahrerin die Vorfahrt (die OP berichtete). Die 17-Jährige überschlug sich und wurde schwer verletzt. Neben mehreren Brüchen erlitt sie eine Schädelbasisfraktur und ein Schädelhirntrauma, „äußerst schwere Verletzungen“, erklärte der behandelnde Arzt vor Gericht. Nach monatelangem Koma starb die junge Frau. „Sie war immer zwischen Leben und Tod“, berichtete der Vater vor Gericht von einem langen Überlebenskampf seiner Tochter.

Während des Prozesses berichteten die Eltern auch aus dem Leben ihres Kindes, einem „immer starken und fröhlichen Mädchen“, sagte die Mutter. Gemeinsam mit dem Angeklagten besahen sich die Eltern ein Fotoalbum mit Aufnahmen der Jugendlichen, das den mehrmonatigen Krankenhausaufenthalt dokumentierte. Sprachlos und zutiefst erschüttert verfolgte der Mann die Schilderung der Eltern. „Es tut mir leid“, wandte er sich wiederholt an die Nebenkläger.

Seine Schuld wurde während des Verfahrens von keiner Seite bestritten, geklärt werden konnte in dem Prozess der Kontext seines Fehlverhaltens. Demnach seien weder der Beschuldigte noch das Unfallopfer in der 80er-Zone zu schnell gefahren, erläuterte ein Kfz-Sachverständiger. Auch Alkohol oder Drogen waren nicht im Spiel. Die Sicht der Verkehrsteilnehmer war auf der Kuppe an der Einfahrt zur Blauen Straße bei beiden eingeschränkt. Während des Abbiegevorgangs sei der Unfallverursacher mit seinem Cabriolet etwa fünf Kilometer pro Stunde gefahren, zu dieser Zeit befand sich das Kraftrad der jungen Frau „bereits in dem für den Pkw-Fahrer einsehbaren Sichtbereich“. In letzter Sekunde sei er dennoch abgebogen, das Zweirad kollidierte ungebremst mit dem Auto. „Bei entsprechender Sorgfalt hätte er sie erkennen können – sie hatte keine Chance zu reagieren“, zog Staatsanwalt Johannes Stochel ein Resümee des Unfalls.

Kein Fahrverbot verhängt

Zu der umstrittenen Frage, ob der Helm der Verunglückten sich noch vor dem Aufprall löste oder überhaupt ordnungsgemäß geschlossen war, machten weitere Zeugen Angaben. Mehrere Sanitäter und Notärzte erinnerten sich, an dem bewusstlosen Unfallopfer keinen Helm bemerkt zu haben. Dieser müsse noch vor dem Aufprall der Jugendlichen vom Kopf gerutscht sein. Doch selbst wenn der Schutz gehalten hätte, sei bei dem schweren Aufprall mit einem Schädelhirntrauma, das schlussendlich zum Tod führte, zu rechnen gewesen, befand der Vater, der selbst Recherchen über den Unfallhergang angestellt hatte.

Er bezweifelte indes die angenommene, besonnene Fahrweise des Angeklagten, der mit einem Sportwagen unterwegs gewesen war. Ein Raser zu sein, der es auf Geschwindigkeit anlege, hatte der Beschuldigte zuvor verneint. Er gestehe seine Schuld ein, habe „im wichtigsten Moment seines Lebens versagt“, betonte Verteidiger Hans Jörg Mäder. Dem Gericht falle die Aufgabe zu „das rechte Maß“ für diese Schuld und Gerechtigkeit für beide Seiten zu finden.

Dass dies kaum möglich sei, kommentierte der Richter in seiner Urteilsbegründung. Den Anspruch, dem immensen Leid der Hinterbliebenen gerecht zu werden – den könne ein Gerichtsurteil gar nicht haben, betonte Boesken. Die verhängte Geldstrafe gibt das Gesetzbuch vor, diese könne in diesem Fall kaum mehr als „einen symbolischen Wert“ haben.

Ein Fahrverbot erhielt der Verurteilte nicht, „damit wäre niemandem gedient“, entschied der Richter. Direkt an die Eltern der Verstorbenen gewandt, sagte er: „Ich kann hier niemandem gerecht werden. Mögen Sie Ihren Frieden finden.“

von Ina Tannert

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