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Kritik an Zeugen: „wilde Geschichten“

Aus dem Amtsgericht Kritik an Zeugen: „wilde Geschichten“

Um die Tageskasse einer Marburger Gaststätte zu plündern, verbrüderten sich mehrere Mitarbeiter und überfielen brutal ihre Vorgesetzten. Zwei Räuber wurden bereits verurteilt, ein weiterer möglicher Täter steht nun vor Gericht.

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Der Angeklagte musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der 24 Jahre alte Angeklagte hat sich wegen gemeinschaftlichen Raubes und Freiheitsberaubung zu verantworten. Vermeintliche Lügen der bereits inhaftierten Täter verkomplizieren den Prozess vor dem Schöffengericht.

Fest steht, dass die radikale Tat von langer Hand geplant war: Ende August 2015 verabredeten sich mehrere junge Männer zu dem Überfall, um an die Tageskasse der Gaststätte zu gelangen. Als Mitarbeiter, die das Vertrauen des Chefs genossen, wussten sie: Das Geld wurde in einer Privatwohnung im selben Gebäude aufbewahrt.

Als die ahnungslose Lebensgefährtin des Chefs die Tür öffnete, stießen die maskierten Täter sie in die Wohnung hinein, knebelten und fesselten die panische Frau an ein Bett. Durch die rüde Behandlung und kurze Rangelei erlitt das Opfer mehrere Abschürfungen und Hämatome. Der Angeklagte soll sodann die Wohnung durchsucht haben, bestreitet eine Beteiligung an dem Raub. Nachdem die Täter 20 000 Euro aus dem Tresor erbeutet hatten, flüchteten sie aus dem Haus.

Kurz darauf konnte sich die junge Frau befreien und rief aus einem Fenster laut um Hilfe. Mehrere Passanten hörten sie, handelten sofort und setzten einen der Täter bis zum Eintreffen der Polizei fest.

Richter hat Zweifel: „Das glaube ich Ihnen nicht“

Weiteren Komplizen gelang die Flucht. Zwei wurden geschnappt und bereits im vergangenen Jahr zu Haftstrafen verurteilt. Im aktuellen Prozess gegen den mutmaßlichen Komplizen sagten beide aus.

So einige Angaben streuten Zweifel vor Gericht. Einer der verurteilten Täter stritt sofort ab, den Mann auf der Anklagebank jemals gesehen zu haben. „Ich kenne ihn nicht“, betonte der Zeuge, noch bevor der Vorsitzende Richter Thomas Rohner eine erste Frage stellen konnte. Detailliert berichtete der 20-Jährige über die Tatumstände, bei der Beschreibung der Kollegen blieb er undeutlich. Zumindest ein Mann war dabei, der einen ähnlichen Vornamen wie der Angeklagte trug.

Vom Aussehen her könne er nicht sagen, ob der Beschuldigte Teil der Täter-Gruppe war. „Kann schon sein“, relativierte der Zeuge mehrfach seine Angaben. Gemeinsam mit dem ebenfalls inhaftierten Kumpel sitzt er seit Monaten in Haft, mit diesem über den Fall gesprochen hatte er angeblich nie. „Das glaube ich Ihnen nicht“, zweifelte der Richter.

Explizite Vorwürfe gegen den Angeklagten erhob dagegen der Komplize. Der zweite Zeuge und Ex-Kollege bestand darauf, von dem Beschuldigten für den Überfall angeworben worden zu sein. Er soll die Komplizen zudem mit Essen versorgt haben, während die in einem Zimmer auf den passenden Moment warteten.

So weit schien die Geschichte des Zeugen nachvollziehbar. Abenteuerlicher gestaltete sich Folgendes: So sollen nicht nur die Komplizen ihn unter Druck gesetzt haben, auch der Vater des Angeklagten bedrohte ihn angeblich, stiftete ihn zu Falschaussagen an. Eine Woche vor der Verhandlung soll er ihm 10 000 Euro geboten haben, „wenn ich alles auf mich nehme“, teilte der Zeuge mit. Nachweislich machte der Mann bereits in früheren Vernehmungen unterschiedliche und teils falsche Angaben. Heute sage er jedoch die Wahrheit, beteuerte der 21-Jährige. Darüber hinaus verdächtigte er das Opfer, eine Affäre mit einem der Täter gehabt zu haben, irgendwie in die Sache involviert zu sein.

Die teils verwirrenden Angaben sorgten für weitere Zweifel vor Gericht. Verteidiger Sascha Marks kritisierte die „wilden Geschichten“ des Zeugen.

Gastronom: Beschuldigter wirkte „ruhig und gefasst“

Dieser habe „bisher bei jeder Gelegenheit gelogen – es bleibt ein erhebliches, großes Fragezeichen“. Nachdem einer der Räuber am Tattag von der Polizei einkassiert worden war, hielt sich der Angeklagte, der an diesem Abend Küchendienst hatte, noch in der Gaststätte auf.

Der Juniorchef machte ihn auf den Trubel auf der Straße aufmerksam. Der Beschuldigte wirkte wie immer „ruhig und gefasst“, sei kurz rausgegangen, schaute sich den Täter an und kehrte zurück mit den Worten „den kenne ich nicht“, erinnerte sich der Gastronom. Dass der ehemalige Mitarbeiter an dem Überfall beteiligt war, glaubten die Inhaber nicht. „Ich hätte es eigentlich keinem zugetraut“, gab der Chef an.

  • Die Verhandlung wird am Dienstag ab 9 Uhr im Amtsgericht Marburg fortgesetzt.

von Ina Tannert

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Aus dem Amtsgericht
Der Angeklagte musste sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Der angeklagte Ex-Mitarbeiter, der sich an einem brutalen Raubüberfall auf eine Marburger Gaststätte beteiligt haben soll, verließ als freier Mann den Gerichtssaal.

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