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Angeklagter: „Psychiatrie wäre das Beste“

Aus dem Landgericht Angeklagter: „Psychiatrie wäre das Beste“

Am zweiten Verhandlungstag im Raub-Prozess nahm der geständige Angeklagte ausgiebig Stellung zur Sache, nicht nur zu zahlreichen Anklagepunkten – er sprach auch offen über eine langwierige Drogenvergangenheit.

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Ein Drogenabhängiger löst ­Heroin in einer Spritze auf, eine Droge, die auch der Angeklagte konsumierte.

Quelle: Archiv

Marburg. Heroin, Kokain, ­Amphetamine oder Marihuana­ – solange Geld da war, konsumierte der zuletzt obdachlose Mann über Jahre hinweg diverse Rauschmittel. Die meisten Vorwürfe der Staatsanwaltschaft – darunter Raub, Körperverletzung, Beleidigung oder Bedrohung – gestand er ein.

Der 28-Jährige berichtete ausgiebig aus seiner Vergangenheit, gab zu, mehrfach in Marburg und Stadtallendorf straffällig geworden zu sein.

So beschädigte er etwa aus Wut über einen geplatzten Drogendeal vor einem Jahr mehrere­ ­Autos entlang der Cappeler Straße, beleidigte Polizisten und wurde schlussendlich mit Amphetaminen in einem Obdachlosenheim erwischt und festgenommen.

Auch diverse Taten gegen seine eigene Mutter gab er zu. So griff er die Frau angeblich vor rund eineinhalb Jahren in seinem Zimmer in der Vitos-Klinik an, in der er sich zur Entgiftung eingefunden hatte. Rabiat­ ­
habe er die Verwandte gegen ­eine Wand gedrängt, um ihr ­einen MP3-Player zu entwenden. „Ich wollte die Musik haben“, sagte er.

Ein anderes Mal rastete der Beschuldigte in einem Supermarkt aus, brüllte herum, beleidigte seine Mutter und stieß ihr gegen die Schulter oder das Knie, scheinbar, weil sie ihm keine Zigaretten kaufen wollte. Einmal drohte er ihr, sie mit ­einem Messer abzustechen. „Ich habe das aus Wut gesagt“, gestand der Angeklagte. Vor Gericht gab er sich kooperativ und scheinbar reumütig, „mir tun ­alle Straftaten sehr leid“.

„Ich bin nicht der Typ für Beschaffungskriminalität“

Bestritten wird von ihm indes der Diebstahl einer Handtasche sowie der Versuch, ein Tablet zu klauen. Beides habe er nicht stehlen wollen, „ich bin eigentlich nicht der Typ für Beschaffungskriminalität“, betonte der Mann.

Seine Sucht nach Betäubungsmitteln sei jedoch stets Auslöser für sein Verhalten gewesen. Hinzu komme eine angebliche geistige Störung, in Kombination sei dies eine gefährliche Mischung, die meist in aggressivem Verhalten ende. „Ich habe eine psychische Krankheit, und wenn ich Drogen nehme, werde­ ich ausfallend“, gab er an. ­Einige Entgiftungsversuche in der Vergangenheit zeigten keinen Erfolg, stets nahm er wieder Suchtmittel, teils noch während des Entzuges und landete schließlich auf der Straße.

Immer wieder kam es in den vergangenen Jahren daher zu Auseinandersetzungen mit der eigenen Familie. Gegenüber seiner Mutter rastete der aggressive Sohn bereits vor dem aktuellen Tatzeitraum mehrfach aus, wurde ausfällig, dabei jedoch nicht wirklich gewalttätig, berichtete die Frau vor Gericht.

Sichtlich schwer fiel es der Zeugin, über die jahrelange Suchtproblematik und den zunehmenden Absturz des Sohnes zu sprechen. Schon als er noch zu Hause lebte, wurde er zunehmend misstrauisch, entwickelte­
eine Art Paranoia und meinte­ Stimmen zu hören. Auf Kritik­ reagierte er aggressiv, wurde aufbrausend und drohte seiner Familie. „Er war wahnhaft, wir hatten in unserem eigenen Haus Angst“, berichtete die Zeugin.

Nüchtern, in der Regel freundlich, verwandelte sich der Sohn unter Drogeneinfluss in „einen­ anderen Menschen, er war in seiner eigenen Welt – die Aggressionen kommen bei ihm von den Drogen“. Seit er in der Psychiatrie lebt, sei der junge Mann dagegen umgänglicher, „er will sich das erste Mal Hilfe­ holen, ich bin stolz auf ihn“, sagte die Mutter.

Die Hauptverhandlung dreht sich um eine Unterbringung in einer psychiatrischen Klinik für den Mann. Darüber wäre er auch selber froh, sprach sich der 28-Jährige für eine Langzeittherapie aus. Er wolle angeblich endgültig weg von den Drogen. „Die Psychiatrie wäre das Beste, was mir jetzt passieren kann“, betonte er.

  • Die Verhandlung wird am Mittwoch fortgesetzt.

von Ina Tannert

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