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Angeklagter: „Das war alles nur Show“

Aus dem Amtsgericht Angeklagter: „Das war alles nur Show“

Der ehemalige Mitarbeiter eines Marburger Restaurants muss sich vor dem Schöffengericht wegen Vergewaltigung verantworten. Das Verfahren wurde nach dem ersten Verhandlungstag wegen neuer Ermittlungsansätze vorerst auf Eis gelegt.

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Der Angeklagte muss sich vor dem Amtsgericht Marburg verantworten.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Ich habe nichts gemacht“, betonte der 56 Jahre alte Angeklagte mehrfach vor dem Marburger Schöffengericht. Die schweren Vorwürfe des mutmaßlichen Opfers bestritt er vehement.

Beide kennen sich seit einiger Zeit. Mehr als 15 Jahre lang war der Beschuldigte in einer Marburger Gaststätte als Kellner angestellt, bewohnte ein Zimmer im selben Gebäude und pflegte ein freundschaftliches Verhältnis zu dem Betreiber-Ehepaar des Restaurants.

Laut Anklage soll der Mann Ende Oktober vergangenen Jahres versucht haben, mit Gewalt Sex von der Ex-Chefin zu erzwingen. Diese kam in der Nacht von einer Feier zurück, dem Vorwurf nach passte der Angeklagte sie im Hausflur ab, zerrte die schreiende Frau in seine Wohnung und stieß sie auf das Bett. Mit den Worten „jetzt zeige ich es dir“ soll er sie festgehalten und versucht haben, sie zu entkleiden.

Es kam zum Handgemenge, „die Zeugin wehrte sich mit Händen und Füßen“, heißt es in der Anklageschrift.

Frau soll Hämatome und Kratzspuren gezeigt haben

Dabei gelang es der Frau angeblich, ihm einen Tritt in den Bauch zu verpassen, sich zu befreien und das Fenster zu öffnen. Ihre Schreie sollen mehrere Zeugen auf der Straße alarmiert haben, die der Geschädigten halfen, über das Fenster aus der ebenerdigen Wohnung zu klettern.

Durch die grobe Behandlung soll die Geschädigte Hämatome und Kratzspuren davongetragen haben.

Dem widersprach der Angeklagte, der einen ganz anderen Verlauf dieser Nacht beschrieb. Sichtlich aufgeregt und wortreich erzählte er von einer angeblichen Affäre mit seiner ehemaligen Chefin. Demnach hätte er seit mehr als zwei Jahren ein sexuelles Verhältnis zu der verheirateten Frau. Trotz häufiger Streitereien habe sie die Beziehung immer wieder aufgenommen, „sie ist immer zu mir gekommen“, meinte der Beschuldigte.

Auch in der vermeintlichen Tatnacht habe sie bei ihm geklingelt und wollte „eine Nummer“. Das habe er abgelehnt, immer noch wütend wegen eines vorangegangenen Streits, habe er versucht, sie aus der Wohnung zu werfen, „ich wollte nichts mit ihr zu tun haben“.

Was folgte, war laut seiner Aussage ein kurzes Gerangel, bei dem sie ihm in die Hand biss und versuchte, das Fenster zu öffnen, um die Wohnung zu verlassen. Verblüfft habe er ihr dabei noch geholfen, woraufhin sie angeblich grundlos nach Hilfe schrie und aus dem Fenster hechtete.

Gegen Kündigung vor Arbeitsgericht geklagt

Die an der Frau polizeilich dokumentierten Verletzungen soll sie sich dabei zugezogen haben.

Zu etwas gezwungen habe er sie nicht, ihre Flucht sei übertrieben gewesen, „das war alles nur Show“, betonte der Mann.

Nach den Vorkommnissen der Nacht habe er sich fern gehalten von seiner Chefin, sei auch nicht mehr zur Arbeit gegangen und habe schließlich die Kündigung erhalten.

Als Beweis führte die Verteidigung ein bereits beendetes Verfahren vor dem Arbeitsgericht an: Der Angeklagte hatte gegen die Kündigung geklagt und sich mit den beiden ehemaligen Chefs auf eine Abfindung zu seinen Gunsten geeinigt.

Die Kündigung wurde indes erst einen Monat nach der vermeintlichen Tatnacht ausgesprochen, erklärte Verteidiger Sascha Marks, der darauf anspielte, dass die späte Kündigung mit der Schwere der Vorwürfe nicht in Einklang zu bringen sei. Das Betreiber-Paar hätte sich im vergangenen Verfahren nicht über eine versuchte Vergewaltigung aufgeregt, sondern vor allem darüber, dass der wichtige Angestellte nicht mehr zur Arbeit kam. Das passe für ihn nicht zusammen, „das erscheint mir sehr abenteuerlich und lebensfremd“, meinte Marks.

Den Zweifeln an ihrer Aussage widersprach die Geschädigte und Nebenklägerin, die zum Schutz ihres Persönlichkeitsrechts unter Ausschluss der Öffentlichkeit vernommen wurde.

Prozess wird wohl nicht vor Frühjahr 2018 fortgesetzt

Ein klares Bild darüber, wie sich das Aufeinandertreffen zwischen beiden abgespielt hatte, konnte sich das Gericht auch nach ihrer Vernehmung anscheinend noch nicht machen.

Da wohl neue Einzelheiten und Namen potenzieller weiterer Zeugen in der Sache auftauchten, entschied sich das Schöffengericht für eine Aussetzung der Hauptverhandlung.

Der Prozess wird wohl nicht vor dem Frühling kommenden Jahres fortgesetzt.

von Ina Tannert

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