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Was geschah beim Treffen in Marburg?

Amoklauf Was geschah beim Treffen in Marburg?

Der Waffenhändler K. aus Marburg, der dem Amokläufer von München die Waffe verkaufte, legte zum Prozessauftakt am Montag ein Geständnis ab.

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Der Angeklagte Philipp K. mit seinen Anwälten David Mühlberger (links) und Sascha Marks im Verhandlungssaal des Münchner ­Landgerichtes.

Quelle: Sven Hoppe / dpa

München. Die Verkäufe bahnte K. stets über das Darknet an, einem verschlüsselten Teil des Internets. Seine Kunden traf er ­jedoch persönlich. Bei diesen „Real-Life-Treffen“ habe er sich nämlich einen Eindruck über die Käufer verschaffen wollen. Hätte er gewusst, dass David S. einen Amoklauf plante, hätte er ihm keine Pistole gegeben.

Auch die Staatsanwaltschaft glaubt nicht, dass K. in das Vorhaben eingeweiht war. Anders sehen das die Anwälte von Angehörigen und Verletzten des Amoklaufs, die als Nebenkläger an dem Verfahren teilnehmen. „Wir fordern, dass die Tat als Beihilfe zum Mord behandelt und der Strafrahmen komplett ausgeschöpft wird“, sagte der Anwalt Onur Özata der Oberhessischen Presse. In dem Fall wäre sogar lebenslange Haft möglich.

Verkäufer rechtsextremer Gesinnung?

Zweimal trafen sich Philipp K. und David S. in Marburg – einmal im Mai 2016, einmal knapp eine Woche vor dem Amoklauf. Für die Waffe und 100 Schuss Munition kassierte K. 4000 Euro, für 350 weitere Patronen noch einmal 350 Euro. Eines der Treffen soll mehrere Stunden gedauert haben. Die Nebenklagevertreter vermuten deshalb, dass in dieser Zeit nicht nur über Belanglosigkeiten geredet wurde, sondern dass der spätere Amokläufer klar sagte, was er vorhatte.

Das zu beweisen wäre allerdings schwer. Die Opferanwälte stützen sich auch auf die Aussage eines Mitgefangenen in der Untersuchungshaft. Demnach hatte K. erzählt, S. habe ihm von seinem Plan berichtet. Wie glaubhaft diese Angaben sind, ist jedoch unklar. Wie K. in einem Brief berichtet, den er aus der Haft an seine Freundin schrieb, verkaufte er die Waffen hauptsächlich, um zu Geld zu kommen. Der regelmäßig arbeitslose Hauptschulabsolvent habe andere beneidet. „Ich hab’s immer auf die leichte Schulter genommen, weil ja nie was passierte“, heißt es in dem Schreiben.

Denkbar ist aber auch, dass er die Waffen aus Überzeugung unters Volk brachte: Die Ermittlungen liefern etliche Belege dafür, dass K. rechtsextremer Gesinnung war. Auch David S. hatte seine Tat in mehreren Manifesten und Videos mit Hass gegen Einwanderer, vor allem Deutsch-Türken, gerechtfertigt.

Befangenheitsantrag gegen alle drei Richter

Richter Zimmer stellte mehrere Dokumente vor, aus denen sich auf die Ideologie des Waffendealers schließen lässt: Ein Bild von K.s Festplatte etwa, das ihn mit Hitlerbart, Scheitel und Uniform zeigt. Laut Auskunft seiner Anwälte handelt es sich um eine Fotomontage. Auch Abbildungen des Reichsadlers fanden sich auf dem Datenträger. Bekannt ist zudem, dass K. in WhatsApp-Chats mit „Heil Hitler“ grüßte und über „Kanacken“ schimpfte.

Der nächste Verhandlungstag ist bereits am Mittwoch. Geplant sind Prozesstage bis Ende September. Voraussichtlich wird es aber länger dauern – gerade wegen K.s Aussageverweigerung.

Zudem kam es bereits beim Auftakt zu Konflikten: Ein Anwalt der Nebenklage lehnt alle drei Berufsrichter des Verfahrens wegen Befangenheit ab, weil sie den Vater eines Todesopfers nicht zur Nebenklage zuließen. Eine andere Kammer des Gerichts muss nun entscheiden, ob das Verfahren mit den gleichen Richtern weitergeht.
Bevor es zu einem Urteil kommt, brauchen die Leidtragenden des Amoklaufs wahrscheinlich noch viel Geduld.

von Tom Sundermann

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Prozess gegen Waffenhändler
Der Vorsitzende Richter Frank Zimmer. Foto: Sven Hoppe

Der Treffpunkt war immer derselbe: nahe dem Marburger Hauptbahnhof an einer Tankstelle. Dort traf Philipp K. Menschen, die er im Internet kennengelernt hatte.

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