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„Alt hilft Jung“ bei der Berufswahl

Ehrenamtliche Mentoren „Alt hilft Jung“ bei der Berufswahl

Oft wissen Kinder und Jugendliche nicht genau, wie ihre berufliche Zukunft aussehen soll. Ute Köhler und Werner Becker helfen Schülern daher ehrenamtlich, die passende Berufswahl zu treffen.

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Ute Köhler (vorne, von rechts) schaut über die Bewerbungen der Schüler Carolyn Dinh und Franklyn Dwomoh. Köhler betreut ehrenamtlich Schüler bei der Berufswahl im Projekt „Alt hilft Jung“, das Matthias Gnau von der Stadt koordiniert (hinten).

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Kleine Kinder wissen oft ganz genau, was sie einmal werden wollen: Feuerwehrmann, Prinzessin, Astronaut oder Tierärztin etwa. Irgendwann wird es jedoch ernst und die tatsächliche Berufswahl steht an. Doch was für Berufe gibt es eigentlich? Wo liegen die eigenen Fähigkeiten und Interessen? Und wo kann man den Beruf lernen oder im Praktikum ausprobieren? Mittlerweile gibt es viele Initiativen und Ehrenamtliche, die jungen Menschen bei solchen Fragen zu Seite stehen. Dazu gehört auch das Programm „Alt hilft Jung“ der Stadt Marburg – getragen von Ehrenamtlichen, angeboten an der Sophie-von-Brabant-Schule.

Ute Köhler und Werner Becker gehören zu den Ehrenamtlichen, die drei Mal in der Woche eine Sprechstunde in der Schule anbieten. Schüler ab der achten Klasse können Termine mit ihnen vereinbaren und sich von den Profis aus der Wirtschaft beraten lassen. Denn Expertenwissen und gute Kontakte zu Marburgs Firmen bringen beide mit: Köhler war viele Jahre Sprecherin des Arbeitskreises Schule-Wirtschaft. Becker ist Ingenieur und arbeitete bis zu seinem Ruhestand als Elektromeister bei Siemens Healthcare.

„Die Idee des Projektes ist es, dass Leute aus der Wirtschaft den Schülern helfen, Praxisluft zu schnuppern“, erklärt Köhler. Sie helfen bei der Suche nach einem Praktikumsplatz, geben Tipps für den Lebenslauf und das Bewerbungsgespräch. „Wir führen die Jugendlichen aber nur an die Tränke – trinken müssen sie selbst“, so Becker.

Die Helfer geben also nur Tipps bei der Bewerbung und bei den Betrieben, helfen vielleicht im Hintergrund mal nach. Aber anrufen und sich bewerben müssen die Schüler ganz alleine. „Die jungen Menschen müssen das Gefühl bekommen, dass sie es selbst schaffen. Das stärkt auch das Selbstbewusstsein“, erklärt Köhler.

„Ich hatte früher Hilfe an entscheidenden Stellen“

„Ich habe hier viele Infos über Ausbildungsberufe bekommen. Das hat mir sehr geholfen“, erzählt Carolyn Dinh. Die 16-Jährige hat mit Hilfe der Ehrenamtlichen Praktika im kaufmännischen Bereich gefunden. Sie besucht nach der zehnten Klasse nun die gymnasiale Oberstufe mit Schwerpunkt Gesundheit. „Auch da muss ich ein Praktikum machen. Durch die Hilfe von „Alt hilft Jung“ weiß ich aber schon, welche Pharmaunternehmen in Marburg Schülerpraktika anbieten.“ Besonders geholfen habe ihr, dass die Ehrenamtlichen über die Bewerbungsunterlagen schauen und Verbesserungsvorschläge machen. Viele ihrer Klassenkameraden hätten – auch durch diese Unterstützung – schon ihre Ausbildungsverträge in der Tasche.

Dem 14-jährigen Franklyn Dwomoh hat die Beratung bei „Alt hilft Jung“ auch geholfen: er wisse nun, welche Berufe er nicht ergreifen wolle. „Mir haben sie geholfen, ein Praktikum als Koch zu finden. Das hat Spaß gemacht – aber die Arbeitszeiten sind nichts für mich.“ Außer­dem will Dwomoh mehr Action – Köhler hat ihm daher geholfen, eine Praktikumsstelle bei der Polizei zu bekommen. Und das ist für ihn genau das Richtige, betont der junge Mann.

Die 74-jährige Köhler ist seit 2011 bei dem Projekt „Alt hilft Jung“ dabei. Im Stadtmagazin habe sie darüber gelesen und sich direkt gemeldet. „Ich hatte selbst früher Hilfe an entscheidenden Stellen“, erklärt sie ihr Engagement für die Schüler.

Die hätten es heute viel schwerer, eine Ausbildungsstelle zu finden, weil die Anforderungen sich geändert hätten. „Und wenn man so viele Kenntnisse hat wie wir, kann man ihnen als Türöffner helfen und etwas zurückgeben.“

Becker war von Beginn an „total überzeugt“ von dem Projekt. Die Freiwilligenagentur hat ihn vermittelt, als er mit dem Ruhe­stand neue Aufgaben suchte. „Es ist wichtig, dass man den jungen Menschen Perspektiven zeigt“, sagt er. „Die Schüler haben oft ganz andere Vorstellungen vom Berufsleben.“ Im Gespräch erkunde er daher die Interessen der jungen Menschen – und versuche die dann mit einem passenden Praktikum zu verwirklichen. „Und wenn es dem Schüler gar nicht gefallen hat, ist das auch was wert“, betont er. So könne man beim zweiten Berufspraktikum in der neunten Klasse nach einer neuen Richtung schauen – und der Schüler wisse schon mal, welcher Beruf ihm gar nicht liegt. Becker selbst war in seinem Berufsleben auch Ausbilder. Dem 61-Jährigen „liegt unwahrscheinlich viel daran, dass wir engagierte Menschen in ihre Wunschberufe bringen“.

Der Erfolg gibt den Helfern recht: Laut Becker bekommen mittlerweile 86 Prozent der Schüler dort eine Ausbildungsstelle, wo sie ihr Praktikum gemacht haben. So hatte er eine Schülerin, die Musikerin werden wollte – nach der Beratung aber Praktikum und Ausbildung im kaufmännischen Bereich bekommen habe. „Das Zeugnis war nicht sehr gut. Aber das war dem Chef egal – denn die Schülerin hat im Praktikum überzeugt.“ Solche Erfolgsgeschichten machen Becker an seinem Ehrenamt Spaß.

von Patricia Grähling

Hintergrund

Das Projekt „Alt hilft Jung“ gibt es in Marburg seit 2005. „Es war ein Magistratsbeschluss und wurde über das Stadtparlament angeregt“, erzählt Matthias Gnau vom Fachbereich Kinder, Jugend und Familie der Stadt Marburg. Bei dem Projekt habe sich die Stadt von einem ähnlichen Projekt aus Neu-Isenburg inspirieren lassen. Derzeit gibt es „Alt hilft Jung“ nur an der Sophie-von-Brabant-Schule.

Dort habe sich das Projekt seither etabliert, so Gnau. Expandiert sei es aber nicht. Die Gruppe der Mentoren bestehe immer aus sechs bis acht Ehrenamtlichen unterschiedlicher Berufsrichtungen, die ihre Kompetenzen und Kontakte einbringen.

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