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Als die Flimmerkiste Farbe bekam

Langsamer Siegeszug moderner Technik Als die Flimmerkiste Farbe bekam

Das Farbfernsehen wird Freitag 50 Jahre alt. Fernsehtechniker Manfred Jannasch erinnert sich daran, dass erst die Fußball-WM 1974 der neuen Technik zum Aufschwung verholfen hat.

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Fernsehtechniker Manfred Jannasch hat bis 2011 zahlreiche TV-Geräte repariert – dabei hat er auch den Umstieg aufs Farbfernsehen nach 1974 hautnah im Beruf miterlebt.

Quelle: Patricia Grähling

Marburg. Lebensgefährlich, kostspielig und wahre Stromfresser – das waren die ersten Farbfernseher, erinnert sich der Fernseh- und Rundfunktechniker Manfred Jannsch zurück. Als das Farbfernsehen im Jahr 1967 eingeführt wurde, war er Werkstattleiter in Offenbach. Wenige Jahre nach seiner Lehre musste er auf Schulungen viel über Farbspektren und die Farbenlehre lernen.

„In dem Beruf musste man sich permanent weiterbilden. Aber es war schon ein großer technischer Sprung von Schwarz-Weiß-Fernsehen­ zum Farbfernsehen“, sagt Jannsch. Die ersten „bunten Kisten hatten 48 Röhren“, erklärt er. Schließlich mussten bei den Röhrengeräten – damals ­natürlich topmodern – die Farben auch dargestellt werden. Zum Vergleich: bei der Schwarz-Weiß-Technik brauchte es nur acht bis zehn Röhren.

Außerdem waren die Farbgeräte richtige Energiefresser, wie Jannasch berichtet: Rund 500 Watt hätten sie verbraucht – ein Watt für Ton, sechs Watt für das Bild, der Rest für Wärme, durch die vielen Röhren verursacht.

Grottenschlechtes Bild

Lebensgefährlich war laut Jannasch die Hochspannung im Farbfernseher. „Da durfte man nicht drankommen – beim Schwarz-Weiß-Apparat hingegen war es nur ein bisschen unangenehm.“ Für den Bastler, der seit seinem elften Lebensjahr an Elektrogeräten herumschraubt, kein Problem. Auch sonst sei niemandem etwas passiert. Die neue Generation Fernseher waren deutlich teurer, wie Jannsch sagt.

Die meisten Filme und Serien flimmerten zudem noch farblos über den Bildschirm. „Da war das Bild dann grottenschlecht. Die Schwarz-Weiß-Filme hatten bei den Farbfernsehern richtige schlimme Farbstiche.“ Die Fernsehtechniker seien in den Anfangsjahren fast nur unterwegs gewesen, um die neuen TV-Geräte zu justieren, damit der Farbstich nicht so unangenehm hervortrat. „Wenn Farbe da war, etwa bei Hollywoodfilmen, dann war es auch vernünftig bunt“, so der Fernsehtechniker, der im ehemaligen Fotogeschäft seiner Eltern in der Gutenbergstraße im Jahr der Fußball-WM 1974 eine­ eigene Werkstatt eröffnete.

Fußball-WM gab Aufschwung

Die Fußball-WM war es dann auch, die dem Farbfernsehen den Aufschwung brachte, erklärt Jannasch. Die Spiele wurden in Farbe übertragen, die Menschen wollten es dann auch in Farbe sehen. Noch heute lassen Fußball-Großereignisse die Kassen bei Fernsehherstellern klingeln. So löste die neue Technik langsam aber sicher die alten Schwarz-Weiß-Bilder ab. „Aber das dauerte“, berichtete Jannasch, dessen Vater ihn eigentlich als Fotografen oder doch zumindest als Optiker sehen wollte.

Damals waren Fernseher eine sehr kostspielige Anschaffung. Der Gebrauchthandel war noch bis weit in die 90er-Jahre ein großer Markt. „Das glaubt heute ja keiner mehr“, erklärt der Marburger Fernsehtechniker mit ­einem Lachen. Kaum zu glauben ist auch, dass ein Fernsehgerät damals etwa alle eineinviertel Jahre von einem Fernsehtechniker repariert werden musste, erzählt Jannasch. Die Geräte gingen häufig kaputt, Röhren mussten ausgetauscht werden. „Das ging meistens schnell und direkt beim Kunden im Wohnzimmer“, erklärt er.

„Heute halten die Fernseher viel länger – im Schnitt etwa neun Jahre – und die Reparatur lohnt sich kaum“, erklärt der Marburger, der 2011 seine Werkstatt und sein Geschäft aufgegeben hat. Wenn etwas kaputt sei, könne man meist nur die komplette Platine austauschen – gerade bei den kleinen, günstigen Flachbildfernsehern lohne sich das kaum. Ein robustes Wunderwerk der Technik hat Jannasch aber erst in seiner alten Werkstatt wiederentdeckt: Ein tragbarer Fernseher mit Schwarz-Weiß-Bild. Den kaufte er 1966, war damit im Campingurlaub top-modern.

Foto: Arne Dedert

Zwischen alten Werkzeugen und Zubehörteilen flimmert das kleine Gerät immer noch, begleitet vom typischen Rauschen, während Jannasch ein Signal sucht – und das Testbild einstellt, das heute viele junge Menschen nicht mehr kennen dürften.
Ton, Technik, Zubehör – was in den modernen Fernsehern verbaut ist, entwickelt sich stetig weiter. „Es ist ein Punkt erreicht, wo man nicht mehr sieht, dass die Bildqualität noch schärfer und besser wird“, findet er.

Mit der 4K-Technik habe man schon hohe Maßstäbe gesetzt. Aber: „Es gibt kaum Sender, die das ausstrahlen“. Wirklich nutzen könne man die tolle Bildqualität daher nur bei DVDs. „Eigentlich ist es, wie damals beim Farbfernsehen: Die Technik ist da, aber die passenden Sendungen nicht.“

von Patricia Grähling

Farbfernsehrevolution bei den beiden OP-Redakteuren Till Conrad und Carsten Beckmann

Auf einmal war Lassie bunt. Lassie, die Collie-Dame aus dem Fernsehen, die ihrem Herrchen in jeder zweiten Folge das Leben rettete. Lassie, die auf einmal irgendwie angemalt aussah. Gefallen hat mir das nicht: Gefallen hat mir Lassie am besten, wenn mein Großvater mir die Geschichten von der treuen Hundedame vorlas. Lassie war in diesen Geschichten ein Produkt meiner Fantasie, und der Hund, der im TV in Schwarz-Weiß bellte,­ ­deckte sich mit dem Hund in meiner Vorstellung.

Die bunte­ Lassie nicht mehr – zu gelb, zu künstlich. Als ich gerade anfing, Fernsehen ­wegen der angemalten Lassie­ doof zu finden, hat mich der Biss eines Dorfhundes zum Hundehasser gemacht, und das Problem war erledigt. Kein Lassie mehr, nicht in Bunt und nicht in Schwarzweiß.

Das gesunde Misstrauen meiner Eltern gegenüber der Massenkultur sorgte unter anderem dafür, dass im Hause Beckmann auch die Einführung des Farbfernsehens erst einmal stoisch ausgesessen wurde. Lange, sehr lange gab‘s samstägliche Straßenfeger-Shows und Sandmännchen in Graustufen. Bei Grundschulfreunden entdeckte ich die ersten bunten Bilder – und sie beeindruckten mich nicht sonderlich.

Dass die alte Schwarz-Weiß-Kiste­ bei mir im „Jugendzimmer“ landete, als in der Wohnstube dann doch endlich der PAL-Standard Einzug hielt, empfand ich nicht als Makel. Und so sah ich die legendären WDR-Rockpalast-Nächte noch nach Altväter-Sitte. Viel wichtiger als bunte Bilder war, dass mein technisch versierter Onkel die Glotze mit meiner Stereoanlage verkabelt hatte – Rock‘n‘Roll!

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