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„Wissen, wie ein Apfel schmeckt“

Hessenwiese „Wissen, wie ein Apfel schmeckt“

In Michelbach wurde am Wochenende ein bundesweit einzigartiges Projekt eingeweiht: eine Streuobstwiese im Umriss des Landes Hessen.

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Michelbacher Kinder pflanzten gemeinsam mit Vertretern aus Politik und Kirche einen Apfelbaum.

Quelle: Stefanie Wellner

Michelbach. Seit Herbst 1997 entstand an der Straßenecke Zum Kalkberg/Im Boden eine Streuobstwiese mit hessischen Landsorten. Im Umriss des Landes Hessen, gekennzeichnet durch Hecken mit weißen oder roten Früchten, steht auf der Fläche jede Sorte dort, wo sie im übertragenen Sinne auch in Hessen stehen würde. Auch ­Lokalsorten angrenzender Bundesländer wurden angepflanzt, sofern sie in der Nähe Hessens liegen. An den Orten der sieben größten Städte stehen Sandstein-Stelen mit den Wappen der jeweiligen Städte.

„Mit den Jahren sind immer mehr Bäume dazugekommen, sodass wir jetzt ein ­Gemisch aus jungen, sehr jungen und mittelalten Bäumen haben. Denn für einen Baum sind 20 Jahre­ ja nichts“, erklärte Dr. Norbert Clement vom Verein zur Förderung historischer Obstsorten Görzhausen, der die Idee zu diesem Projekt hatte und die Fläche mitgestaltete. Dr. Clement wies zudem darauf hin, dass alle Bäume in ehrenamtlicher Arbeit gepflanzt wurden. „Wir hatten die Vorstellung, dass bei der ­Eröffnung die Bäume voller Äpfel hängen“, erzählte er. Das diesjährige Wetter hätte das aber verhindert. Den Frost im April hätten die Blüten schlecht verkraftet, sodass nur spät blühende Sorten, zum Beispiel der Berkersheimer Rote oder der Siebenschläfer, jetzt Äpfel trügen, berichtete Dr. Clement.

Auf der Fläche stehen momentan 127 Bäume, insgesamt sollen es 134 Apfelbäume werden. Am Einweihungstag pflanzten die Ehrengäste zusammen mit den Kindern des Michelbacher Kindergartens einen Baum der Sorte Weilburger.

„Einen Apfelbaum zu pflanzen, ist Denken in Generationen“, erklärte Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD). Die Stadt Marburg habe sich das Konzept der Nachhaltigkeit, welches das Denken in ­
Generationen voraussetze, groß auf die Fahnen geschrieben, sagte er.

So könne dieses Projekt nun nach 20 Jahren, einer Zeitspanne, die in der Politik eher selten sei, eingeweiht werden. Er freue sich auch, dass auf dieser Fläche Nachhaltigkeit und die Pflege des kulturellen und biologischen Erbes zusammengebracht würden.

Der Erste Kreisbeigeordnete Marian Zachow (CDU) wies darauf hin, dass es ein Forstwirt aus Gladenbach (Anmerkung: Georg Ludwig Hartig, 1764 bis 1837) war, der entscheidend zur Durchsetzung des Nachhaltigkeitsbegriffes beitrug.

Zachow betonte, die Politik müsse aufhören, mit dem erhobenen Zeigefinger zu drohen, und stattdessen, wie mit diesem Projekt, auf spielerische Art Lust auf Klima- und Naturschutz sowie hessische Landesgeschichte machen.

Auf dieser Fläche wäre eine Wanderung durch ganz Hessen möglich, bei der man sich auch Gedanken zur Bedeutung der Apfelbäume für die hessische Kultur machen könne: „Was ­wäre zum Beispiel Frankfurt ­ohne den Apfelwein?“, merkte Zachow an.

In Zukunft sind auch sortenreine Säfte geplant

Michelbachs Ortsvorsteher Peter Aab (SPD) freute sich, dass das Projekt, das 1997 als Ausgleichsmaßnahme begonnen wurde, nun im Jahr des 1 200-jährigen Ortsbestehens, zu einem Alleinstellungsmerkmal für Michelbach herangewachsen ist.

Propst Helmut Wöllenstein wies als Vertreter der evangelischen Kirche darauf hin, dass das Paradies auch ein Garten mit Bäumen war und dem Apfelbaum dort eine zentrale Bedeutung zukam. Er erzählte, dass Martin Luther der Spruch „Wenn morgen die Welt unterginge, würde ich heute noch ein Apfelbäumchen pflanzen“ zugeschrieben wird.

Wöllenstein erklärte, den Experten zufolge hätte Luther diesen Satz wahrscheinlich nicht gesagt, aber es würde Luthers Glaube an die Zukunft entgegen der Weltuntergangsstimmung der damaligen Zeit ausdrücken. Er betonte auch, dass uns aufgetragen wurde, das, was uns gegeben wurde, zu bebauen und zu bewahren, was auch die Erhaltung der Artenvielfalt umfasse.

Heinrich Bornmann, der Vorsitzende des Kreisverbandes Marburg für Obstbau, Garten und Landschaft, wies auf die Ausbildung von Obstbau-Fachwarte durch den Kreisverband hin: „Es ist wichtig, dass junge Leute auch wieder Lust haben, Bäume zu pflegen.“

Ewald Achenbach vom Kreisverband Biedenkopf zur Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege ermahnte die Vertreter der Politik: „Entscheidend bei Ausgleichsmaßnahmen ist, dass sie nicht nur angelegt, sondern danach auch gepflegt werden.“ Er ist allerdings überzeugt, dass die Hessenwiese in dieser Hinsicht ein Aushängeschild sein wird. Wichtig sei für Achenbach auch die enge Zusammenarbeit mit dem Kindergarten: „Die Kinder sollen wissen, wie ein Apfel schmeckt und aussieht, und dass der Saft nicht aus der Tüte kommt“, sagte er. Die anwesenden Kinder zeigten auch schon viel Interesse an der Pflege der Bäume und stellten Fragen, zum Beispiel zum Schutz vor Fraßschäden.

Zum Abschluss konnten die Gäste den Apfelsaft von der Hessenwiese aus der Ernte von 2016 verkosten. Laut Dr. Clement seien in Zukunft auch sortenreine Säfte geplant, eventuell auch ein Cidre. „Momentan ist der Lahn-Dill-Kreis am ertragreichsten, weil das auch die sortenreichste Gegend auf der Hessenwiese ist. Aber der Landkreis Marburg-Biedenkopf holt auf“, erzählte Dr. Clement.

von Stefanie Wellner

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