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"Krieg ist Bankrotterklärung der Politik"

Volkstrauertag in Cappel "Krieg ist Bankrotterklärung der Politik"

Manchmal kann die Entscheidung eines einzelnen Menschen das Schicksal der ganzen Welt beeinflussen. Zum Glück entschloss sich Stanislaw ­Petrow 1983 dafür, den Frieden zu bewahren.

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Niels Hoffarth (links), Vorsitzender des VdK-Ortsverbands Cappel, und Ortsvorsteher Heinz Wahlers legten am Ehrenmal gemeinsam ­einen Kranz nieder.

Quelle: Manfred Schubert

Cappel. „Im September 1983 erlebte Stanislaw Petrow den Albtraum. Die sowjetische Frühwarnzentrale meldete den Start amerikanischer Raketen. Dem Oberst blieben nur Minuten, um die wohl wichtigste Entscheidung des 20. Jahrhunderts zu treffen.“ So dramatisch klang der Auftakt der Geschichte, mit der bei der Gedenkfeier zum Volkstrauertag in der ­Kapelle des alten Friedhofs in Cappel Niels Hoffarth, Susanne Brock und Melanie Grebe vom VdK-Ortsverband Cappel an einen „vergessenen Helden“ erinnerten. Den Mann, der wohl den dritten Weltkrieg verhinderte.

Ein vergessener Held

1983 steuerte der Kalte Krieg auf seinen Höhepunkt zu. Die Sowjetunion hatte mehr als 400 Raketen des Typs SS-20 in Dienst gestellt, zwei Drittel zielten auf westeuropäische Städte, jede bestückt mit einer Atombombe, 50 Mal stärker als die 1945 über Nagasaki abgeworfene. Der Westen hatte seinerseits aufgerüstet. Ein Atomschlag erschien damals nicht nur möglich, sondern höchst wahrscheinlich.

Petrow arbeitete in der Zentrale des neuen satellitengestützten Raketenwarnsystems „Oko“, 90 Kilometer südlich von Moskau. Die ­Computerprogramme stammten von ihm. Kurz vor Mitternacht registrierte das System den Abschuss einer Atomrakete von einer US-Basis. Er dachte nach, hielt den Angriff mit einzelnen Atomraketen für unwahrscheinlich, und meldete Fehlalarm. Auch als das System einen und noch drei weitere Starts anzeigte, blieb er bei dieser Einschätzung. Er misstraute den Riesenrechnern und sagte sich: „Wir sind klüger als die Computer, wir haben sie ­geschaffen.“

Hätte Petrow die oberste sowjetische Führung über einen Angriff informiert, wäre wohl der „rote Knopf“ gedrückt worden. Ein Atomkrieg hätte schätzungsweise 750 Millionen Tote und 340 Millionen Verwundete zur Folge gehabt. Dank Petrow kam es nicht dazu, nach einigen Minuten bestätigten die Radarsysteme seine Einschätzung.

Petrow erhielt einen Tadel anstelle eines Ordens

Heute lebt Petrow einsam in einem Vorort von Moskau. Er bekam keinen Orden, sondern einen Tadel, weil er vergaß, seine Beobachtungen im Dienstbuch festzuhalten.
Günther Tampe, Pfarrgemeinderatssprecher von St. Franziskus, fragte nach dem Sinn des Volkstrauertages. Über 70 ­Jahre nach Ende des Zweiten Weltkriegs stehe man weiterhin ­fassungslos vor den Zahlen der 55 Millionen Ermordeten und Toten. Dennoch erreichten die erschreckenden Zahlen meist nicht das Herz, erst, wenn man sich bewusst mache, dass dahinter einzelne Menschen, jeder mit Vater und Mutter, stehen.

Seit 1945 habe es bereits mehr als 160 neue Kriege gegeben, bald werde die Zahl der Opfer des Zweiten Weltkriegs überstiegen sein. „Krieg ist die Bankrotterklärung der Politik. Menschenwürdiges Leben ist nur in Frieden und Freiheit möglich. Dies gehört zu unser aller Aufgaben heute, morgen und übermorgen“, schloss er.

Die Gedenkfeier mit 35 Teilnehmern gestaltete die Chorgemeinschaft des MGV Cappel musikalisch mit. Niels Hoffarth, Vorsitzender des VdK-Orts­verbands Cappel, und Ortsvorsteher Heinz Wahlers legten am Ehrenmal vor der Friedhofskapelle gemeinsam einen Kranz nieder.

von Manfred Schubert

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