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Urlaub geht auch mit der Dialyse

OP-Serie "Leben mit ...", Teil 1 Urlaub geht auch mit der Dialyse

Drei Mal in der Woche muss Heinz Krebs zur Dialyse – und das seit 17 Jahren. Doch für ihn ist das keine große Belastung: „Man gewöhnt sich daran“, sagt er mit einem Lächeln.

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Heinz Krebs versucht, es sich in seinem Bett so gemütlich wie möglich zu machen. Drei Mal in der Woche liegt er hier mehrere Stunden, damit Maschinen die Arbeit seiner Niere übernehmen und sein Blut reinigen können.

Quelle: Patricia Grähling

Cappel. Es piept und surrt, manchmal kommt eine Pflegekraft vorbei und schreibt Zahlen von einem Bildschirm ab. Heinz Krebs hört das nicht. Er liegt in einem breiten, gepolsterten Bett, hat Kopfhörer auf und hört Musik. Das Rückenteil ist hochgeklappt, eine kuschelige Decke liegt über den Beinen. Heinz Krebs versucht, es sich so gemütlich wie möglich zu machen. Er wird nämlich etwa viereinhalb Stunden hier liegen, bevor er wieder aufstehen kann. „Dabei liege ich gar nicht gerne auf dem Rücken.“

Auf dem Rücken liegen – das ist es, was Krebs stört. Nicht etwa die dicken Nadeln in seinem Arm und die Schläuche, durch die sein Blut läuft. Es wird im PHV-Dialysezentrum in Cappel gereinigt, Wasser und schädliche Stoffe werden herausgefiltert. „Es hilft ja nicht, zu jammern“, sagt Krebs nüchtern. „Das kann mir ja doch keiner abnehmen. Und ich bin froh, dass ich so noch länger leben kann.“ Er lächelt und erklärt, dass er sich die Zeit bei der Dialyse ja gut vertreiben kann – mit Musik, Fernsehen, Kreuzworträtseln und der Tageszeitung.

Jeden Dienstag, Donnerstag und Samstag muss der 68-Jährige nach Cappel kommen, um sein Blut waschen zu lassen. Jedes Mal ist er etwa sechs Stunden unterwegs. Aber das stört ihn kaum. „Man gewöhnt sich daran.“ Schließlich geht er schon seit 17 Jahren zur Dialyse.

Gerade am Anfang sei ihm die Umstellung natürlich schwergefallen – vor allem was das Essen und Trinken betrifft. „Man darf nicht mehr alles essen, vor allem frisches Obst musste ich streichen.“ Denn Obst enthält Kalium – das ist in Maßen gesund.

Bei Dialysepatienten wird Kalium jedoch nicht mehr aus dem Körper ausgeschieden, das kann zu Herzproblemen führen. Spinat könne er mal essen und auch eine Banane. Nüsse gehen aber gar nicht und auch Kirschen vertrage er nicht. „Das ist bei jedem Dialysepatienten anders“, erklärt er. Burger kann er auch mal essen und Tomaten genieße er einfach ohne Schale. „Das muss man alles erst mal lernen“, erklärt er. Aber nach 17 Jahren wisse er genau, was er essen könne und in welchen Mengen. Und auch seine Frau habe­ sich darauf eingestellt: „Wir ­haben zusammen eine Ernährungsberatung bekommen“, so Krebs. Jetzt lege seine Frau die Kartoffeln eben über Nacht in Wasser, um ihnen so Kalium zu entziehen. „Mit Nudeln und Reis habe ich ja außerdem leckere Alternativen“, erklärt der Gladenbacher pragmatisch.

An heißen Tagen muss Krebs übrigens im Haus bleiben: „Ich darf nur noch maximal einen dreiviertel Liter am Tag trinken“, erklärt er. Und weil in jedem Lebensmittel Wasser drin ist, summiert sich das. „Bei der Dialyse werden immer etwa 2,5 bis 3 Liter Wasser aus meinem Körper entzogen“, erklärt er. Dienstags sei es auch schon mal ein Liter mehr, denn seit der letzten Dialyse sind dann schon zwei Tage vergangen. „Da muss man aufpassen, denn sechs Liter können schon tödlich sein.“

Gerade­ über das Wochenende sei er daher sehr vorsichtig – anders als am Freitagabend. „An dem Abend vor der Dialyse kann man auch schon mal schludern“, erklärt er lachend. Dann gehe er schon mal mit seiner Frau essen oder gönne sich ein Bier.

„Glückliche Jahre sind mehr Wert als paar Mark Fuffzich“

Einschränkungen bedeutet seine Krankheit aber auch: Sport kann Krebs nicht mehr machen, mit 51 Jahren wurde der kaufmännische Angestellte Rentner und sein Haus verkaufte er, um in eine Mietwohnung zu ziehen. „Ich kann nicht mehr so viel selbst machen“, erklärt er. Sein Körper sei nicht mehr so belastbar, die Knochen schwächer – denn auch gute, wichtige Stoffe würden bei der Dialyse aus dem Körper geschwemmt.

„Trotzdem bin ich sehr zufrieden. Das Zentrum ist sehr gut, der Uniklinik haben wir auch viel zu verdanken – sie verlängern mein Leben“, so der Gladenbacher. Und das ist nach wie vor sehr lebenswert: „Meine Frau ist mir zuliebe in Frührente gegangen, auch wenn das Abzüge bedeutet“, erklärt er. „Man weiß ja nicht, was einem noch bleibt und ein paar glückliche Jahre zusammen sind mehr wert als ein paar Mark Fuffzich.“ Außerdem müsse er ja nicht auf alles verzichten, sondern sich umstellen, auf die Ernährung achten – und drei Mal in der Woche zur Dialyse.

Aber auch das hielt Krebs nie davon ab, mit seiner Frau und seinen beiden Söhnen in den Urlaub zu fahren. Meistens ging es zusammen nach Dänemark ans Wasser als die Jungs noch klein waren. „Man muss sich eben eine Dialyse am Ferienort suchen. Die PHV gibt es ja bundesweit.“ Und selbst in der Türkei könne er problemlos Urlaub machen – wenn er Lust hätte. „Aber ich will gar nicht mehr so weit weg. Hier werde ich gut behandelt und vertraue den Menschen.“

von Patricia Grähling

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