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„Nicht gegen Willen der Bevölkerung“

Windkraft „Nicht gegen Willen der Bevölkerung“

Der Verzicht auf den Bau von Windrädern in ­Michelbach ist das zweite geplatzte Energiewende-Projekt in Marburg. Das sorgt bei Windkraftgegnern für Freude und für Unverständnis bei den Befürwortern.

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Erst das Aus für Windräder am „Lichten Küppel“ nahe Moischt, nun der Verzicht auf Windkraftanlagen in Michelbach: Die Grünen kritisieren „Stimmungsmache“ gegen die Energiewende.

Quelle: Archiv

Michelbach. Der Investor Krug Energie fürchtet um die Wirtschaftlichkeit des Windparks, macht „erhebliche veränderte­ ökonomische Rahmenbedingungen“ und „sinkende Akzeptanz“ für den Schritt verantwortlich. Argumentation der Firma: Alle Projektentwickler müssten künftig erfolgreich an einer Ausschreibung der Bundesnetzagentur teilgenommen­ haben, um eine finanzielle­ ­Förderung ihrer Windräder zu erhalten. Das neue Verfahren ­habe in den ersten Ausschreibungsrunden zu einer „deutlichen Absenkung der Einspeisevergütung“ geführt. Dazu kommen weitere Risiken etwa bei der unklaren Strompreisentwicklung ab 2020 in Verbindung mit dem bevorstehenden Abbau von Altanlagen. Zudem habe laut Firma der Zuspruch zum Projekt durch die anhaltenden Proteste abgenommen. „Bis auf Weiteres“ werde man daher das Projekt nicht mehr verfolgen, sagt Hans-Hermann Zacharias von der Münchhausener Firma.

Pharmaserv will seine Flächen indes keinem anderen Projektentwickler zur Verfügung stellen: „Der von uns selbst gesetzte Rahmen, ein Windkraftprojekt auf unseren Eigentumsflächen nur mit Zustimmung der Standortunternehmen und nicht gegen den erklärten Willen der Bevölkerung voranzutreiben, wird für uns bis auf Weiteres handlungsleitend sein“, heißt es vom Unternehmen auf OP-Anfrage.

Am Görzhäuser Hof könnte somit derzeit wohl nur ein Einzelstandort entstehen: Die Firma UKA Meißen plant auf einer von einer Privatperson zur Verfügung gestellten Fläche die Errichtung eines Windrads.

Den Rückzieher des Haupt-Projektentwicklers könne man „auch aufgrund der schlechteren Regelungen im Erneuerbaren-Energien-Gesetz nachvollziehen“, heißt es vom Magistrat in einer Stellungnahme.

Thomas Riedel, Vorsitzender der Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen ist erleichtert: „Das ist außerordentlich erfreulich, weil wir genau dieses Ergebnis anstrebten.“ Der anhaltende Protest samt Unterschriftenaktion, die eine mehrheitliche Ablehnung des Bauprojekts zutage förderte, habe „ein Bewusstsein bei den Bürgern geschaffen“ und offenbar gleichzeitig zu einem „Umdenken“ bei den Projektverantwortlichen geführt. Sinkende Strompreise und andere Marktveränderungen hätten dem Anliegen der BI „natürlich als wichtige Faktoren in die Karten gespielt“.

„Werden weiter ein waches Auge haben“

Als „äußerst schade“ bezeichnen hingegen die Grünen die Entscheidung des Unternehmens – und kritisieren die BI. „Die Stimmungsmache von ­vernetzten Bürgerinitiativen ist doch sehr fragwürdig. Es kann nicht angehen, dass man die Energiewende prinzipiell gutheißt, aber sie nicht bei sich in der Nähe haben will“, sagt Hans-Werner Seitz, Grünen-Stadtverordneter. Die Schornsteine von Kohle-Kraftwerken wie Staudinger seien „höher und besser zu sehen als jedes Windrad“.

Das Aus für das Windpark-Vorhaben am Görzhäuser Hof ist jedenfalls das zweite gescheiterte Energiewende-Projekt in Marburg innerhalb von nicht mal drei Jahren. Im Frühjahr 2015 machten bereits die Stadtwerke­ nach monatelangem Protest­ und dem Fund einer Rotmilan-Population einen Rückzieher am „Lichten Küppel“ nahe­ Moischt – laut Teilregionalplan Mittelhessen ebenso wie das Michelbacher Gebiet eine Windkraft-Vorrangfläche. Somit bleiben die Wehrda-Windräder die Einzigen im Stadtgebiet.

Doch trotz des Rückzugs von Krug im Westen und den Stadtwerken im Osten der Universitätsstadt, bleiben die Vorrangflächen – wie auch das Areal Marburg-Nord („Bürgelner Gleichen“) – bestehen. Bedeutet: Investoren können sich weiterhin jederzeit ähnliche Bauvorhaben über das Regierungspräsidium Gießen genehmigen lassen. Sofern die gesetzlich vorgegebenenen Kriterien erfüllt sind, würde eine Baugenehmigung erteilt.

Die Bürgerinitiative laufe daher laut Grünen Gefahr, dem Stadtteil einen „Bärendienst zu erweisen“, sofern ein anderer, auswärtiger Investor auf der Vorrangfläche zu bauen gedenke. „Fakt ist: Jeder, auch einer ohne Gespür für die Region kann kommen, bauen – und dann ist es nur eine Frage der Dimensionen.“

Die Stadt, die einen Umstieg auf regenerative Energien unterstütze, wolle nach eigenen Angaben künftig „Wege für eine stärkere Bürgerbeteiligung finden, um Beteiligung früher und wirksamer zu ermöglichen“.  Die Existenz der BI ist indes laut Riedel mit dem Schritt von Krug Energie „nicht passé,  denn das Vorranggebiet existiert ja weiter, wir werden ein waches Auge auf die Entwicklung haben.“ Zudem wolle man eine Vernetzung aller Umland-Bürgerinitiativen erreichen, in Arbeitsgruppen das Thema lokale Energiewende bearbeiten.

von Björn Wisker

Hintergrund
Der Ortsbeirat Michelbach stellte sich zuletzt gegen die Baupläne, die vorsahen, dass vier Anlagen von 236 Metern Höhe auf dem Bergkamm zwischen Michelbach und Marbach errichtet werden. Die profitabelste Anlage hätte laut Plan über ein Genossenschaftsmodell auch Michelbacher zu Mitverdienern machen sollen. In den Vorjahren seit 2013 herrschte in der Kommunalpolitik Zustimmung zu dem Vorhaben, noch 2016 ­votierte der Ortsbeirat mit sieben zu eins Stimmen dafür. Ausgelöst wurde der Anti-Windkraft-Protest nach einer
Info-Veranstaltung von der viele Stadtteilbewohner nichts wussten. Daraufhin gründete sich eine Bürgerinitiative, die seitdem die Pläne bekämpft.
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Energie
Die Rotorblätter der Anlagen bei Speckswinkel drehen sich im Wind. Der Bau von Windkraftanlagen am Görzhäuser Hof in Marburg ist indes abgeblasen. Foto: Thorsten Richter

Auf dem Görzhäuser Hof in Marburg werden keine Windräder gebaut. Das Unternehmen Krug Energie zieht sich von seinem Vorhaben, mehrere Anlagen auf dem Gelände zu bauen, zurück. Das hat die Firma am Freitag mitgeteilt.

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