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Investor „macht mehr als er müsste“

Windkraft Investor „macht mehr als er müsste“

Bedenken, Kritik und Gerüchte – aufgeheizte Stimmung während der Ortsbeiratssitzung in Michelbach zum Thema Windkraft am Görzhäuser Hof.

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So gut besucht sind Ortsbeiratssitzungen selten: In Michelbach erhitzt das Thema Windkraft die Gemüter.

Quelle: Ina Tannert

Michelbach. Das Thema erregt die Gemüter, mehr als 50 Bürger hatten sich am Dienstagabend im voll besetzten Clubraum des Bürgerhauses versammelt. Ortsvorsteher Peter Aab (SPD) forderte schon vorsorglich einen „respektvollen Umgang miteinander und mit Andersdenkenden“, was nicht immer gelang. Dem ein oder anderen innerpolitischen Zwist musste er einen Riegel vorschieben.

Aab gab einen Rückblick zum Thema, wies darauf hin, dass Diskussionen über Windkraft in Michelbach nicht neu sind: Seit 2009 beschäftigt das Thema Windkraftanlage am Görzhäuser Hof den Ortsbeirat, der sich grundsätzlich stets für Windkraft aussprach, ob des Standorts in den vergangenen Jahren geteilter Meinung war. Seit Ende 2015 laufen bereits Gespräche mit Investor „Krug Energie“, der auf der Vorrangfläche vier Windräder errichten möchte, die Planungen vor rund eineinhalb Jahren darlegte. Entgegen anderslautenden Gerüchten gebe es keine offizielle Zustimmung oder prinzipielle Stellungsnahme des Gremiums, betonte Aab. Eine solche werde nur nach entsprechender Bürgerbeteiligung folgen.

Wie einige weitere Zuhörer wies er darauf hin, dass der Investor freiwillig eine Bürgerbeteiligung an dem Projekt befürwortet, die erst ab einer bestimmten Anlagengröße vorgeschrieben ist, also „mehr macht als er müsste“.

Ob die Bewohner tatsächlich angehört würden, bezweifelten einige Zuhörer. So mancher wünschte sich weitere Informationen darüber, welcher Nutzen von den Anlagen zu erwarten wäre „und was wir dafür hergeben“. Man wolle „Aufklärung und Beteiligung“, betonte Dr. Jörg Sundermeyer.

Dazu nötig sind die gesetzlich vorgeschriebenen Gutachten über den Standort, die noch nicht gänzlich vorliegen. Noch fehlen Unterlagen über Schall- und Schattenwurf. Darauf verwiesen zwei Vertreter der Firma. An die Öffentlichkeit gehen will die Firma, jedoch erst „mit kompletten Unterlagen“. Also erst dann, wenn sämtliche Gutachten vorliegen und mit der Öffentlichkeit diskutiert werden können. „Alles andere würde wieder zu Irritationen führen – wie jetzt gerade“, erklärte Bereichsleiter Hans Hermann Zacharias. Er brachte die Bitte vor, „dass wir erst einmal unsere Arbeit machen“ und die Bürger die Planungsphase abwarten. „Wir werden die Öffentlichkeit informieren, bevor wir in das Genehmigungsverfahren reingehen.“

Kritik an BI-Informationen

Eine prinzipielle Ablehnung der Anlagen schien zumindest unter den Zuhörern vorherrschend zu sein. Dass dies die gesamte Bewohnerschaft betreffe, darauf verwies Dr. Dorothe Sundermeyer von der Bürgerinitiative Windkraft Görzhausen. Laut der laufenden Unterschriftensammlung der BI hätten bisher 1 175 Menschen an der Umfrage teilgenommen, darunter auch Nicht-Michelbacher. Insgesamt beteiligten sich laut BI 797 Bürger mit Wohnsitz in Michelbach. Davon hätten sich 790 gegen Windräder ausgesprochen. Aus dem Publikum gab es Kritik zu den Informationen der BI und „falschen Unterlagen mit jeder Menge physikalischer Fehler“.

Uneinigkeit im Raum herrschte auch beim Thema Wirtschaftlichkeit und Windstärke am Standort. Die Firma Krug Energie geht von einer Windstärke von 6,8 Metern in der Sekunde aus. Die Anlagen könnten „Strom für bis zu 30 000 Menschen liefern“, erklärte der technische Planer Sven Kunze. Die Planung orientiert sich an der berechneten Windstärke des deutschen Wetterdienstes sowie „Erfahrungs- und Ertragswerten“ von Messungen an anderen Standorten wie etwa am Lichten Küppel. Die Zahlen bezweifelt die BI, die von einer deutlich niedrigeren Windstärke am Görzhäuser Hof ausgeht. „Es ist der windärmste Standort von allen, ich fordere Messungen“, sagte Dr. Jörg Sundermeyer.

Das Thema wird den Ortsbeirat noch einige Zeit beschäftigen, Gespräche mit Krug Energie werden fortgesetzt, teilte der Ortsvorsteher mit.

  • Damit sich jeder selbst ein Bild von einer Windkraftanlage machen kann, plant Krug Energie am Sonntag, 23. April, ab 11 Uhr einen „Tag der offenen Baustelle“ an der Anlage bei Rauschenberg. Bis 14 Uhr sollen Führungen stattfinden. Ein Pendelverkehr ab dem Sportplatz Sindersfeld ist eingerichtet. Für Privatfahrzeuge ist das ganze Gelände gesperrt.

von Ina Tannert

Nachgehakt

Die Grünen verweisen im Zuge der Diskussion auf den aktuellen Energie-Monitoringbericht des Landes Hessen. Dessen Berechnungen zufolge wurden in Marburg zuletzt fünf Prozent des Gesamt-Stromverbrauchs (410 Gigawattstunden) durch Erneuerbare Energien gedeckt – in Kirchhain wurde fast doppelt so viel Energie aus regenerativen Quellen erzeugt wie in der Universitätsstadt. Das hängt laut Uwe Volz, Kopf der parteiinternen Umwelt-AG, auch mit dem hohen Verbrauch durch die Behringwerke zusammen. „Also mit jenen, von denen viele den Bau der Windkraftanlagen am Görzhäuser Hof befördern.“ Windenergie sei „eine der effektivsten Formen der Stromerzeugung“, und schon die Windstärken am Lichten Küppel nahe Moischt „lagen deutlich über den Prognosen“, sagt Volz im OP-Gespräch.

von Björn Wisker

 
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