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„Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe“

Michael Ackermanns Kampf zurück ins Leben „Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe“

Er will mit seiner Geschichte aufrütteln, sensibilisieren und Hoffnung geben: Michael Ackermann bekam im August 2014 von mehreren Ärzten gesagt, dass er den Jahreswechsel nicht mehr erleben würde.

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So sieht Michael Ackermann heute aus.

Quelle: Tobias Hirsch

Michelbach. Michelbach. Eine Flasche Schnaps, drei Flaschen Wein und zehn Flaschen Bier. Täglich. Ein gutes halbes Jahr lang. Dann machte der Körper von Michael­ Ackermann aus Michelbach schlapp. Aufgedunsen und senfgelb im Gesicht wurde der heute 54-Jährige von einem Krankenwagen in die Notaufnahme des Marburger Uniklinikums eingeliefert.

Etliche ­Untersuchungen, Bluttests und ­Infusionen später steht fest: Der zweifache Familienvater hat ein Leber- und Nierenversagen, extremen Natriummangel und ist in allgemein schlechter körperlicher Verfassung. „Ich war mehr tot als lebendig“, sagt er heute.

Damals, im Sommer 2014, wollte er das nicht wahrhaben: „Mir ging es schlecht, ja, aber ich ­habe das in meinem Delirium doch nicht auf meinen Alkoholkonsum zurückgeführt.“
Familiäre Umstände sind es, die Ackermann Anfang 2014 in den Schoß des Alkohols treiben. Seiner Frau erklärt er, er habe wohl Depressionen, will keinen sehen und um sich haben.

Niederschmetternde Diagnose im Klinikum

Seinen Job macht er von zu Hause aus und irgendwann gar nicht mehr. Für eine Frankfurter Firma verkaufte er zuvor Video- und Telefonkonferenzen, teils an namhafte Unternehmen in aller Welt. Jeden Morgen, wenn die Familie aus dem Haus ist, deckt er sich im Michelbacher Lädchen mit Alkohol ein. Die knapp 100 Meter legt er mit dem Auto zurück. Die kurze Strecke zu Fuß gehen, das schafft er nicht.

Als er die selbst gewählte Einsamkeit irgendwann nicht mehr erträgt, schleppt er sich aus der Kellerwohnung, in der er sich verkrochen hatte, ein Stockwerk höher zur Familie. „Ich legte mich im Schlafzimmer ins Bett neben meine Frau und schlief ein. Wach wurde ich am nächsten Morgen von einem Schrei“, erinnert er sich schemenhaft: „Meine Frau hatte die Rollläden hochgezogen und in mein völlig gelbes Gesicht geschaut.“ Sie ruft den Krankenwagen. Ein Notarzt kommt auch dazu, denn Ackermanns Kreislauf versagt.

Er wird ins Klinikum gebracht – und erhält nach eingehender Untersuchung eine niederschmetternde Diagnose: „Weihnachten würde ich nicht mehr erleben, sagten die Ärzte. Zu schlecht seien meine Blut- und Leberwerte“, erläutert der 54-Jährige.

Sein Bilirubin beispielsweise lag jenseits der 30 – bei gesunden Menschen ist ein Wert von 0,7 bis 1 normal. „Ich konnte gar nichts mehr. Nicht laufen, nicht richtig sprechen“, berichtet Ackermann und ergänzt: „Ich wollte mich umbringen, aber ich schaffte es nicht, meinen Körper über die Balkonbrüstung im Klinikum zu hieven.“ Denn obwohl er monatelang nur Alkohol konsumiert und nichts gegessen hatte, wog er 150 Kilogramm.
Täglich kommt ihn seine Frau im Krankenhaus besuchen. Immer wieder sagt sie: „Wir schaffen das! Wir schaffen das!“

Psychologin sollte ihn aufs Sterben vorbereiten

Als nach vier Wochen immer noch keine Besserung in Sicht ist, schickt ihm das Ärzte-Team eine Psychologin. „Sie sollte mich auf das Sterben vorbereiten. ­Also habe ich meine eigene­ ­Beerdigung organisiert“, erzählt Ackermann. Heute sagt er das mit einer gewissen Ironie, damals war ihm alles andere als zum Lachen zumute.

„Nach sechs Wochen Krankenhausaufenthalt habe ich mich dann selbst entlassen“, erzählt er weiter: „Ich wollte zu Hause sterben.“ Dort bekommt er Besuch. Unter anderem seine alte Hausärztin schaut vorbei. Sie ist geschockt von seinem Zustand. „Aber sie hat auch einen Satz gesagt, an dem ich mich von diesem Augenblick an hochgezogen habe: So schnell stirbt es sich nicht.“

Der Satz prägt sich Ackermann ein, wird zum Synonym für seinen Kampf. Und obwohl es keiner für möglich hält, geht es dem Familienvater schließlich besser. Woche für Woche werden seine Blutwerte von der Hausärztin kontrolliert. Auf einmal beginnen die Leberwerte­ zu sinken. „Nach vier Monaten war der Bilirubin bei 4“, erläutert er. Heute sind seine Werte alle im Normbereich. Rein körperlich geht es ihm gut, nur die Psyche muss das Geschehene noch verarbeiten.

„Es ist ein Wunder, dass ich noch lebe“, sagt Ackermann. Auf 200 Seiten hat er seine Geschichte im vergangenen Jahr aufgeschrieben. Einerseits, um sie selbst zu verarbeiten, andererseits, um anderen Menschen Mut zu machen, nicht gleich aufzugeben und gleichzeitig die Ärzte zu sensibilisieren, ihren Patienten keine Ultimaten zu nennen, sondern bei der Bekanntgabe einer solchen ­Diagnose wie seiner etwas feinfühliger zu Werke zu gehen.

Entspannung und Ruhe findet er in der Musik

Auch Dr. Dorothee Sundermeyer, Allgemeinmedizinerin und Ackermanns Hausärztin, spricht von einer „ganz erstaunlichen Entwicklung“, wenn sie nach dem 54-Jährigen gefragt wird. Er habe viel Kraft und einen eisernen Willen bewiesen, alle angeordneten Vorgaben – sei es der Verzicht auf Alkohol oder eine strenge Leber-Diät – eingehalten und sich zurück ins Leben gekämpft. „Sicher war da auch etwas Glück dabei, vor allem aber war es ­Disziplin“, sagt Sundermeyer. Sie habe ihm regelmäßig Mut gemacht und ihn beruhigt, wenn Ängste hochkamen.

Entspannung und Ruhe findet Ackermann damals wie heute in der Musik. Eine gewisse Bekanntheit erlangte der Michelbacher bereits als Sänger der Metal-Band „Spielkind“, die in den Jahren 2007 und 2008 mehrere Lieder veröffentlichte und bei verschiedenen Festivals auftrat (die OP ­berichtete).

Nach seiner Genesung hat der Michelbacher nun für seine Frau ein Lied geschrieben. „Als Dankeschön, weil sie mir mein Leben gerettet und sich so aufopferungsvoll um mich gekümmert hat“, wie er sagt. Seit mehr als 20 Jahren sind die beiden verheiratet. „Und der Satz ,in guten wie in schlechten Tagen‘ trifft bei uns wirklich zu“, betont er und ergänzt noch: „Das Jahr 2014 hat mir unheimlich viel Kraft gegeben, mich kann jetzt nichts mehr erschüttern.“

Das Buch „So schnell stirbt‘s sich nicht“ von Michael Ackermann erscheint Mitte März und wird dann auch in den Geschäftsstellen der Oberhessische Presse erhältlich sein.

von Katharina Kaufmann-Hirsch

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