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Die rätselhafte Moschee

Extremismus-Vorwürfe Die rätselhafte Moschee

Die "Dar Al-Salem"-Moschee in Marburg steht unter Salafismus-Verdacht. Vielen ist die Gemeinde unbekannt, die Muslime, die sie kennen, bezeichnen sie als "sehr konservativ". Aber gefährlich? OP-Eindrücke aus dem Freitagsgebet.

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Die „Dar Al-Salem“-Moschee in der Friedrich-Ebert-Straße füllte sich zum Freitagsgebet. Alleine im Gebetsbereich für Männer hörten 250 Besucher die Predigt.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Eine Lichterkette scheint auf den roten Teppich hinab. Männer, Jugendliche, Kinder sitzen auf dem Boden. Einige flüstern Texte vor sich hin, andere wischen auf dem Smartphone herum. Viele Jungs schauen genauso gelangweilt umher, wie in vielen christlichen Kirchen. Ein Mann im weißen Gewand und mit Kinnbart steigt auf ein Podest, richtet das Mikrofon und beginnt eine Predigt.

Seine arabischen Worte hallen zehn Minuten lang aus den Lautsprechern, die an den kargen Wänden der Moschee hängen durch das Zimmer und in den abgetrennten Frauen-Gebetsraum.

Es geht um Lügen, um Sünde, um Sittenverfall. Das verstehen die wenigen Nicht-Araber in dem stickigen Raum, als ein junger Mann im blassgrünen Pullover eine deutsche Übersetzung des Textes von einem Tablet-PC abliest. „Liebe Geschwister, ihr wisst, die Heuchler werden auf der niedrigsten Stufe des Feuers brennen“, ist so ziemlich das martialistischste Zitat (Sure aus 4:145 des Koran), das an diesem Freitag in der Friedrich-Ebert-Straße fällt.

"Wir beten, mehr nicht"

Aufgeputscht, angestachelt, emotionalisiert wirken die mindestens 250 Moslems nicht. Sie knien nieder, beten, murmeln Verse, ziehen sich die Schuhe an und verlassen nach einer halben Stunde den Raum, der videoüberwacht wird. Sie laufen vorbei an einem Schaukasten, in dem die Stadtwerke-Verbrauchsabrechnung aushängt - und an einem Spendenaufruf. Denn offenbar plant der Verein, das ganze Haus in der Friedrich-Ebert-Straße zu kaufen. Von 150 Spendenfeldern zu je 1000 Euro sind 23 ausgefüllt.

Ein Gläubiger namens Mahmoud (22) sagt, angesprochen auf die vermuteten Salafismus-Tendenzen am unteren Richtsberg nach der Predigt: „Wir beten, mehr nicht.“ Ein anderer namens Khalid (19) sagt: „Ich lebe meinen Glauben aus, schade damit niemandem. Und ich will auch keinem schaden.“ Die meisten verstehen Deutsch, sprechen es flüssig oder gebrochen. Ausufernd antworten sie auf Fragen der OP nicht.

"Alternative zum bisherigen Angebot"

Auch für die Marburger ­Ahmadiyya-Gemeinde ist die Gemeinde eine Unbekannte. „Einen Austausch gibt es nicht.“

Wer sind die Gläubigen? Im Stadtteil-Magazin „Richtsberg Aktiv“ erschien vor zwei Jahren ein Interview mit einem Vereinsvertreter des damals neu gegründeten „Dar Al-Salem“-Vereins. Die Moschee solle seiner Aussage zufolge eine „Alternative zum bisherigen Angebot“ - etwa im Marbacher Weg - sein. Neben Freitags- und Abendgebeten, Feiern islamischer Feiertage und Essensrunden für Vereinsmitglieder, gibt es bei „Dar Al-Salem“ demnach für Kinder von sechs bis 13 Jahren Koranunterricht.

„Wir sind der Meinung, dass Extremismus durch Nichtwissen über Religion entsteht“, wird der Vereinssprecher zitiert. Der Verein sehe sich „dafür verantwortlich, das präventiv zu verhindern“.

„Dar Al-Salem“ verfolge keine politischen Ambitionen

Die Einstufung der Gemeinde als salafistisch könne als „weitgehend zutreffend erachtet werden“, heißt es von einem OP-Leser, der die Szene kennt. Die Mitglieder seien „deutlich konservativer in ihren Positionen und ihrer Religionsauslegung“, als dass etwa in der Moschee am Marbacher Weg oder beim Kulturverein Hadara am Oberen Richtsberg der Fall sei.

„Dar Al-Salem“ verfolge aber keine politischen Ambitionen, den „sehr deutlich konservativen Islam“ lebe man in den ­Gemeinderäumen. „Dar Al-Salem“ orientiere sich stark an Saudi-Arabien und „wird auch Ansichten vertreten, die nicht in den Wertekanon unseres Landes passen“. Der puristische Salafismus, den man dort erkennen könne, habe aber mit Extremismus oder Terrorismus nichts zu tun. Im Gegenteil: Anhänger des puristischen Salafismus zählten zu den schärfsten Gegnern etwa des IS.

von Björn Wisker

Mehr Informationen zu diesem Thema finden Sie hier.

Zum Thema der Woche:

Beweise statt Befürchtungen

Dass es in Marburg Salafisten gibt, ist nicht neu. Dass sie eventuell einen organisierten Treffpunkt haben, durchaus.
Doch es ist gar nicht klar, ob es sich bei der „Dar Al-Salem“-Moschee tatsächlich um ein salafistisches Zentrum handelt. Die Beweislage ist dünn, nicht zuletzt, weil selbst viele Muslime in Marburg nichts vom Innenleben der Moschee, dem Verein wissen, dessen Mitglieder, wenn überhaupt, nur flüchtig kennen.

Einige Predigten, die in den Gebetsräumen auf Deutsch übersetzt werden und die man im Internet hören kann, irritieren speziell sekuläre bis atheistische Ohren. Viel Martialisches, viel Moral. Aber Gewalt? Gefahr? Erstmal nur Befürchtungen. Ein Problem – und ja, das ist eines der Mehrheitsgesellschaft – bei der Einordnung von Salafismus-Vorwürfen, auch von Predigtinhalten, ist die Unkenntnis über den Islam, dessen Komplexität. Salafisten, Dschihadisten, Muslimbrüder, dazwischen eine Muslimen-Masse ohne Label: Egal ob man meint, die Religion gehöre zu Deutschland oder nicht, ist ihre Präsenz Realität. Eine, mit der man sich auseinandersetzen muss.

Eine, die man verstehen lernen muss. Auch und gerade, um ihre extremistischen Auswüchse zu bekämpfen.

von Björn Wisker

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