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Wenn Liebe in Gewalt umschlägt

Häusliche Übergriffe Wenn Liebe in Gewalt umschlägt

Am Anfang war es Liebe. Als Helena Peter kennenlernt ist „alles ganz ­normal“. Doch dann wird ihr Mann immer gewalttätiger. Um ihr Leben zu retten, flieht Helena ins Frauenhaus.

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Quelle: Archivfoto

Marburg. Unsicher streicht sich Helena (Namen von der Redaktion geändert) mit ihrer Hand eine Strähne, die gar nicht da ist, hinters Ohr. Es fällt ihr nicht leicht über das, was sie erlebt hat, zu sprechen. Aber sie will ihre Geschichte erzählen. Das sei sie den vielen anderen Frauen schuldig. „Hätte ich damals irgendwas darüber gelesen, dass auch andere von ihren Männern...“, ihre Stimme bricht. Sie schluckt und beginnt von vorn.

Helena ist Anwältin. In Kasachstan führt sie ein erfolgreiches, aber einsames Leben. „Ich habe mich oft allein gefühlt“, erinnert sie sich. Im Internet lernt die damals 40-Jährige Peter kennen, einen Lkw-Fahrer aus Deutschland. Es entwickelt sich eine lange, intensive Brieffreundschaft. „Wir haben uns drei Jahre lang nur geschrieben“, sagt sie. Wieder verschwindet eine Hand hinter ihrem Ohr. „Ich dachte, ich kenne ihn sehr gut.“ Mehrere Male besucht er sie in Kasachstan bis er ihr schließlich einen Heiratsantrag macht. Helena ist überglücklich. Auf sein Bitten hin gibt sie ihren gutbezahlten Job auf und verlässt schweren Herzens und doch glücklich über die neue Liebe ihre Heimat.

Am Anfang sind es Kleinigkeiten

„Ich weiß nicht mehr, wann er anfing, sich zu verändern“, sagt Helena. Ihre Miene verdunkelt sich. Am Anfang sind es Kleinigkeiten, Sprüche wie „du bist zu alt“, „zu dick“ oder „zu dumm“. Sprüche, die sie demütigen. „Ich dachte, vielleicht hat er einfach einen schlechten Tag gehabt.“ Er fängt an, sie zu kontrollieren – wie sie die Wäsche zusammenlegt, das Geschirr einräumt, die Zigarettenschachtel auf dem Küchentisch platziert. „Alles musste symmetrisch sein“, sagt sie kopfschüttelnd. „Je mehr ich versuchte, es ihm recht zu machen, desto mehr tyrannisierte er mich.“

„Typisch“, nennt das Monika Galuschka, Mitarbeiterin im Marburger Frauenhaus. Dieses Verhalten trete häufig in der ersten Phase der Gewaltspirale auf, in die auch Helena und Peter geraten sind. In den 1970er-Jahren von der US-amerikanischen Psychologin Leonore Walker („Cycle of Violence“) entwickelt, wird sie bis heute herangezogen, um Gewalt in Partnerschaften schematisch darzustellen und zu beschreiben ( siehe Grafik).

In der ersten Phase baut sich die Spannung zwischen den Partnern auf. Die Frauen werden von ihrem Mann beschimpft, gedemütigt, abgewertet, eingeschränkt, kontrolliert und manchmal auch körperlich misshandelt. Sie versuchen, dem Mann „alles recht zu machen“, um Eskalationen zu verhindern. Das Problem: „Die Frau kann sich verhalten wie sie will, der Mann wird immer einen Grund finden, so mit ihr umzugehen“, so Galuschka.  

In Helenas Fall, mit dem sie seit über einem Jahr betraut ist, komme hinzu, dass zwischen Mann und Frau ein Bildungsunterschied besteht: Sie ist Akademikerin, er Lkw-Fahrer. „Der Mann stört sich daran, dass die Frau intellektueller ist als er. Er versucht also, sie mit Sprüchen kleinzuhalten, die jeglicher Wahrheit entbehren.“

Zwanzig Euro im Monat

Nicht nur das. Peter wird immer gewalttätiger. Besonders schlimm ist es am Wochenende oder an Feiertagen, wenn er mehrere Tage zu Hause ist. „Er trank und ohrfeigte mich. Immer wieder warf er meine Sachen aufs Bett und schrie mich an, ich solle verschwinden.“ Um ihrem launischen Mann aus dem Weg zu gehen, geht sie tagsüber spazieren. „Ich habe mich so geschämt. Ich dachte, es ist meine Schuld, ich bin keine gute Ehefrau“, eine Lüge, die sich tief in ihr Bewusstsein gegraben hat und die sie erst durch viele Therapiegespräche allmählich entkräften werden wird.  

Um besser Deutsch zu lernen, besucht sie einen Sprachkurs im Nachbarort. Da die zwanzig Euro, die sie jeden Monat von ihrem Mann bekommt, nicht für den Bus reichen, läuft sie jeden Tag neun Kilometer hin und zurück. Die Kursteilnehmer merken schnell, dass bei ihr und ihrem Mann etwas nicht stimmt. Ihre Lehrerin bietet ihr Hilfe an, erzählt ihr zum ersten Mal vom Frauenhaus. Dass es einen Ort gibt, an dem Frauen wie sie Schutz finden können, weiß Helena bis dahin nicht.  

„Ich war so desorientiert und allein“

An einem Sommerabend eskaliert die Situation zu Hause, als sie ihren Mann, der zu dem Zeitpunkt im Garten arbeitet, zum Abendessen ins Haus ruft. „Er wurde total wütend, hat rumgeschrien und Blumentöpfe zerschmettert.“ Helena packt die Angst.  

Für Leonore Walker ist die erwartete und reale Gefahr für die Frau in dieser zweiten Phase der Gewaltspirale maximal groß, ernsthaft verletzt oder gar getötet zu werden, da die Gewalt zunimmt. Frauen reagieren in dieser Phase unterschiedlich: Während die einen versuchen zu flüchten und sich zu wehren, versuchen die anderen, die Misshandlung zu ertragen.

Kontakt

Wenn Sie in Gefahr sind, rufen Sie bitte stets die Polizei über Notruf 110. Örtliche Polizeidienststellen: Marburg 0 64 21 / 40 60, Biedenkopf 0 64 61 / 9 29 50, Stadtallendorf 0 64 28 / 9 30 50. Hilfe bekommen Sie auch in der Frauenberatungsstelle „Frauen helfen Frauen“ unter der 0 64 21 / 16 15 16 oder im Frauenhaus: 0 64 21 / 1 48 30.

Helena entscheidet sich für die Flucht. Sie flieht zu ihrer Deutschlehrerin, die sie über eine Freundin in ein Frauenhaus nach Bielefeld vermittelt. Doch es vergehen nur ein paar Wochen, bis Peter versucht, sie zurückzugewinnen. „Er entschuldigte sich. Er sagte, er habe eine schwere Kindheit gehabt. Seine Ex-Frau habe ihn betrogen. Seine Kinder respektieren ihn nicht.“ Peter verspricht, Helena nie wieder so schlecht zu behandeln.   Wie Peter setzen viele Männer in dieser dritten Phase alle Hebel in Bewegung, um ihre Frauen nicht zu verlieren. Sie verhalten sich ihren Frauen gegenüber zugewandt, machen ihnen Geschenke, weshalb diese Phase auch als „Honeymoon“ – also „Flitterwochen“-Phase – bezeichnet wird.

In der Hoffnung, dass sich der Partner verändert, kehren viele Frauen nach Hause zurück – so auch Helena. „Ich war so desorientiert und allein“, sagt sie. „Ich dachte, er würde sich wirklich ändern.“ Doch Peter ändert sich nicht. „Er warf mir immer wieder vor, ihn verlassen zu haben.“ Das Leben zu Hause gleicht einem Minenfeld. Jedes Geräusch von ihr macht ihn wütend. „Ich wusste nicht, was er in der nächsten Minute macht oder sagt.“

„Ich habe geschrien, aber niemand ist gekommen“

Helena wird immer depressiver und erkennt, dass es so nicht bleiben kann. Sie nimmt all ihren Mut zusammen und stellt ihren Mann zur Rede. Als sie von Scheidung spricht, fängt er an, sie zu schlagen, zu würgen, zu treten und an den Haaren zu ziehen. „Ich habe geschrien, aber niemand ist gekommen.“

Auf dem Küchenboden kommt sie schließlich wieder zu sich. „Da wurde mir klar, dass ich allein nicht gegen ihn ankomme.“ Sie geht zu ihren Nachbarn und ruft die Polizei an. „All die Nachbarn“, sagt sie kopfschüttelnd, „haben es gehört und wussten ganz genau, wie er mich behandelt hat.“

Zahlen

Laut Kriminalstatistik der Polizei Marburg-Biedenkopf kam es im Jahr 2013 zu insgesamt 239 Fällen häuslicher Gewalt. Im Jahr 2014 reduzierten sich diese auf 232 Fälle. Im Jahr 2015 erhöhte sich die Zahl auf 252 (die Zahlen für das Jahr 2016 liegen noch nicht vor).  Zwischen 2013 und 2015 sind die Fälle häuslicher Gewalt also um 5,4 Prozent gestiegen.

Polizeisprecher Martin Ahlich vermutet, dass die Dunkelziffer hoch ist. „Häusliche Gewalt ist etwas, was hinter verschlossenen Wohnungstüren passiert“, weiß er. Umso wichtiger sei es, dass Bürger aufmerksam sind. „Wenn jemand eindeutig um Hilfe ruft, sollte man handeln.“ Auch blaue Flecken, das Tragen von Sonnenbrillen selbst an dunklen Wintertagen und Verhaltensauffälligkeiten wie Isolation könnten auf häusliche Gewalt hinweisen.

Die Polizei erteilt Peter ein Haus- und ein Kontaktverbot. 48 Stunden lang darf er sich Helena nicht nähern. Das gibt ihr Zeit, um über ihre Zukunft nachzudenken. Der Arzt, der sie am nächsten Tag wegen einer Gehirnerschütterung und Prellungen im Krankenhaus behandelt , stellt über die Polizei einen Kontakt ins Frauenhaus Marburg her.

Dort wird sie von Monika Galuschka aufgenommen. „Sie war psychisch in einer ganz schlechten Verfassung und musste erst einmal stabilisiert werden“, erinnert sie sich. „Wenn jemand normal mit mir redete, habe ich mich erschreckt. Ich hatte Angst und konnte mich nicht selbst beruhigen. Da halfen auch keine Medikamente“, erzählt Helena. Erst allmählich, nach einem mehrwöchigen Aufenthalt in einer psychiatrischen Klinik, gelingt es ihr, sich innerlich von der Situation zu distanzieren.

Seit knapp einem Jahr lebt sie nun im Marburger Frauenhaus und versucht, sich, wie viele andere Frauen auch, ein neues Leben aufzubauen. Sie tauschen sich aus, kochen gemeinsam, teilen ihr Leben, ihren Schmerz.
„Wenn ich mit ihm zusammen war, habe ich mich immer schuldig gefühlt. Jetzt weiß ich, dass ich frei bin und dass ich mit meiner Geschichte nicht allein bin“, sagt Helena. Ob sie nach Kasachstan zurück will, weiß sie noch nicht. Erst einmal möchte sie in Deutschland Fuß fassen. Nach monatelangem Jobben als Hauswirtschaftshelferin in einem Hotel sieht sie sich nun nach einer Bürotätigkeit um. „Ich will etwas Gutes mit zurücknehmen, ein intellektuelles Gepäck“, wünscht sich die 48-Jährige.

von Ruth Korte

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