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Vogelkinder in Not

Tierschutz Vogelkinder in Not

Jedes Jahr werden in der Gießener Vogelklinik hunderte Jungtiere in mühevoller Pflege großgezogen. Die Tierklinik in Marburgs Nachbarstadt ist eine der ersten Anlaufstellen für verletzte, verwaiste, aber auch häufig aus Unwissenheit unnötigerweise eingesammelte Küken.

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Vom Schlüpfen bis zum Federkleid: Diese Amselküken durften in ihrem Nest groß werden.

Quelle: Dr. Ute Arndt

Marburg. Was wäre der Frühling ohne den Gesang der Vögel? Doch was der Mensch als idyllisch und herzerwärmend empfindet, ist in Wirklichkeit Ausdruck von Überlebenskampf: Männliche Vögel streiten aus voller Kehle singend um Reviere und Ressourcen, werben um eine Partnerin. Ist die gefunden, wird ein Nest gebaut.

Um ihre Chancen auf überlebende Nachkommen zu erhöhen, brüten die meisten heimischen Singvögel mehrmals. Das heißt: Nachdem die Küken des ersten Geleges flügge geworden sind, legt die Henne weitere Eier, während der Hahn die erste Brut weiter füttert und großzieht. Dennoch passiert es, dass zum Beispiel von zwölf jungen Blaumeisen nur zwei überleben. Schuld daran sind unzählige Nesträuber, unerwartete Kälteperioden wie im vergangenen April, Unwetter, Nahrungsengpässe, aber auch Ursachen, die der Mensch verschuldet hat: Indem er zum Beispiel dafür sorgt, dass es keine passenden Nistmöglichkeiten gibt oder Katzen während der Brutzeit frei laufen lässt.

Aber auch falsch verstandene Tierliebe kann für Vogelkinder tödlich sein. Oft passiert es nämlich, dass bereits vollständig befiederte Küken, die noch als Bruchpiloten das Fliegen üben und von ihren Eltern außerhalb des Nestes weiter gefüttert werden, von unwissenden Passanten mitgenommen werden. Damit sinkt die Überlebenschance dieser Tiere deutlich. Denn die Aufzucht von Menschenhand ist in Fachkreisen sehr umstritten, betont Tierärztin Alexandra Hampe, weil diese Küken weder Freund noch Feind kennen und keine Altvögel haben, die ihnen die Nahrungssuche vorleben.

Hampe weiß, wovon sie spricht: An der Gießener Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische wurden in der vergangenen Brutsaison 400 Küken großgezogen, im Jahr davor waren es sogar 600. Nicht alle waren Jungvögel, die ohne menschliche Hilfe ausgekommen wären. Auch verletzte oder verwaiste Tiere zählten dazu. Wann es sinnvoll ist, einen außerhalb des Nestes gefundenen Jungvogel in fachliche Obhut zu geben, zeigt die Grafik „Jungvogel gefunden – was tun?“

„Schwache oder kranke Küken erkennt man an ihren geschlossenen Augen, Wunden und einer nicht arttypischen Körperhaltung wie herunterhängenden Flügeln“, sagt Hampe. „Diese müssen umgehend mit Wärme, Energie und eventuell medizinisch versorgt werden.“ Ansprechpartner seien neben der Gießener Vogelklinik auch die heimischen Tierärzte. Zum Transport sollten die Vögel in Dunkelheit sein, am besten in einen Karton mit Luftlöchern gesetzt werden, „auf gar keinen Fall in einen Käfig“, warnt Hampe, da die Tiere sich dort durch Umherflattern weiter verletzen und unter Umständen zu Tode kommen könnten.

Die vogelkundige Tierärztin rät zudem davon ab, Küken selbst zu Hause großzuziehen, weil dies nicht nur sehr zeit-, sondern aufgrund des speziellen Futters auch kostenintensiv sei. Es gehöre viel Erfahrung dazu, ein Küken so großzuziehen, dass es in der Natur später eine Chance hat.

Ganz kleine Patienten müssen halbstündlich gefüttert werden

Die aufwendige Logistik in der Gießener Vogelklinik beschreibt Hampe so: Wer ein Küken in die Klinik bringt, erhält dort zunächst eine Fundvogelnummer für das Tier, unter der es während seines gesamten Aufenthaltes zu identifizieren ist. Es folgen die Erstuntersuchung mit Art- und Altersbestimmung des Vogels, eventuell auch eine medizinische Versorgung. Um die weitere Versorgung kümmert sich das sogenannte Kükenteam. Es besteht aus 15 Tiermedizinstudenten, die sich während einer Wahlpflicht­veranstaltung ehrenamtlich engagieren. „Der diensthabende Kükenteamer organisiert die Unterbringung innerhalb der Spezialistengruppen“, berichtet Hampe. Das heißt, die kleinen Zöglinge werden nach Körner- und Insektenfressern aufgeteilt. Und sie sollen in Kükengruppen aufgezogen werden.

Dazu nehmen die Studenten die Küken mit nach Hause, wo diese, wenn sie sehr klein sind, jede halbe Stunde gefüttert werden müssen. Das Material für Unterbringung und Futter erhalten die „Zieheltern“ von der Vogelklinik beziehungsweise dem Verein zur Förderung der Vogelmedizin Gießen.

Regelmäßig werden Gewicht und Gesundheitszustand der Küken kontrolliert. Bevor es ans Auswildern geht, folgt noch eine Abschlussuntersuchung in der Klinik. „Dann geben wir die Jungvögel weiter an meist ehrenamtlich geführte Aus­wilderungsstationen“, sagt Hampe. Einige von diesen gibt es auch in Marburg und Umgebung, von wo auch immer wieder Fundvögel nach Gießen in die Vogelklinik gebracht werden. In den Auswilderungsstationen werden die Tiere in spezielle Volieren gesetzt und können dann selbst entscheiden, wann sie in die Freiheit davonfliegen.

von Michael Arndt

Adressen
  • Klinik für Vögel, Reptilien, Amphibien und Fische Klinikum, Veterinärmedizin
  • Justus-Liebig-Universität Gießen, Frankfurter Straße 91 bis 93, 35392 Gießen, Telefon: 06 41 / 9 93 84 32 (Notdienst: 01 51 / 55 02 70 90)
  • Verein zur Förderung der Vogelmedizin Gießen, www.vogelmedizin-giessen.de
  • Wildvogel-Pflegestation Marburg, www.wildvogelpflege.de
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