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Rezepte gegen das Schubladen-Denken

Vorurteile und Klischees Rezepte gegen das Schubladen-Denken

„Vorurteile gehören zum Leben, jeder hat sie“, sagt Diplom-Pädagogin Sabine Kriechhamer-Yagmur. Frauen in Marburg vermittelt sie kommende Woche, wie man Schubladen-Denken überwinden kann.

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Quelle: Illustration: Sebastian Hahn

Marburg. OP: Worum geht es beim „vorurteilsbewussten Arbeiten“?

Sabine Kriechhammer-Yagmur: Der Grundgedanke dabei ist, dass man nie vorurteilsfrei sein kann, deshalb heißt es auch vorurteilsbewusst. Vorurteile gehören zum Leben, jeder hat sie – und es ist wichtig, dass man sich dessen bewusst ist. Und sich klar macht: Ich bin kein Sklave meiner Vorurteile, ich kann aktiv etwas gegen sie tun, indem ich schaue, welche Realitäten haben Menschen, die eventuell zu der Gruppe gehören, der gegenüber ich ein Vorurteil oder Klischees entwickelt habe.

OP: Wahrscheinlich sind aber ziemlich viele Menschen davon überzeugt, sie würden ganz offen und vorurteilsfrei durchs Leben gehen . . .
Kriechhammer-Yagmur: Ein Vorurteil zu haben, gilt ja auch als etwas grundsätzlich Negatives. Der Ansatz der vorurteilsbewussten Bildung und Erziehung sagt, erst, wenn wir verstehen, dass wir Vorurteile haben und wie sie zustande kommen, ist es möglich, sie ansatzweise zu überwinden. 

OP: Das klingt ja so, als wäre das ganz einfach.
Kriechhammer-Yagmur: Nun ja, ich kann meine Haltung zu bestimmten Menschen und Gruppen ändern. Und ich muss  mir die Frage stellen, welche strukturellen Rahmenbedingungen dazu beitragen, dass Vorurteile bestehen bleiben. Oft werden Vorurteile durch entsprechende Ideologien gestützt, das muss mir bewusst sein.

OP: Haben Sie für diese Rahmenbedingungen ein Beispiel?
Kriechhammer-Yagmur: Stellen Sie sich vor, ein Kind, das aus einer pakistanisch-afghanischen Familie kommt, geht in Deutschland in die Grundschule. Die Bildungssprache dort ist natürlich Deutsch. Die braucht das Kind,  um bildungserfolgreich in Deutschland zu sein. Das Kind spricht mit Urdu und Dari zwei Sprachen, die in Pakistan und Afghanistan gesprochen werden. Zwei Lehrerinnen unterhalten sich nun und sagen: Dieses Kind spricht ja nur Urdu und Dari und noch kein Deutsch. Sie unterhalten sich auch über ein Kind, das aus einer deutsch-französischen Familie kommt und sagen: Dieses Kind spricht schon Französisch und Deutsch. 

OP: Bei diesem Beispiel geht es um das Prestige von Sprachen, richtig?
Kriechhammer-Yagmur: Genau. Und um die Bewertung.  Die Schule könnte dafür sorgen, dass alle Kinder im gleichen Maß als mehrsprachig kompetent anerkannt und gewürdigt werden, beispielsweise, indem urdu- oder dari-sprachige Kinderbücher genauso vorgehalten werden wie französischsprachige. Das setzt voraus, dass Politik und Gesellschaft davon überzeugt sind, dass Mehrsprachigkeit immer ein Gewinn ist und es das Recht des Einzelnen ist, seine Familiensprachen zu sprechen, um damit seine Zugehörigkeit auszudrücken.  

OP: Vielleicht noch mal etwas allgemeiner gefragt: Welche Vorurteile und Klischees werden Ihrer Erfahrung nach immer wieder bemüht?
Kriechhammer-Yagmur: Da gibt es einige Beispiele . . . Das Klischee der Blondine etwa, der man zuschreibt, dass sie nicht bis drei zählen kann. Das Stereotyp des unbeweglichen Dicken. Oder auch das häufig bemühte Bild der Frau mit Kopftuch – und wir denken dann in der Regel nicht an eine Bäuerin aus Oberhessen, sondern oft an eine muslimische Frau. Das Klischee dahinter ist die Vorstellung von einer Frau, die kein Deutsch spricht, die bildungsfern und unterdrückt ist. Im Einzelfall ist es durchaus möglich, dass das stimmen kann, aber die Verallgemeinerung ist unangebracht und immer falsch.

OP: Wie wird unser Miteinander beeinflusst, wenn wir uns beladen mit Vorurteilen und Klischees begegnen?
Kriechhammer-Yagmur: Es passiert häufig, dass wir uns individuell oder als Angehörige bestimmter Gruppen gegenseitig entwerten. Und so eine Entwertung trägt dazu bei, dass man eher in Konflikt miteinander gerät, als dass man versucht, freundlich und friedlich miteinander umzugehen. Und das wiederum dient dazu, bestimmte Machtpositionen zu erhalten. Das heißt, wenn ich mir bewusst bin, dass ich möglicherweise ein Vorurteil hege, dann wäre es ein erster Schritt, mich selbst zu fragen, wie es zu diesem Vorurteil kommt. Haben mir meine Eltern das beigebracht, habe ich es möglicherweise in der Schule gelernt? Ist es Teil einer Ideologie, die ich bewusst oder unbewusst teile, wie Rassismus oder Sexismus? 

OP: Was ändert sich im Idealfall, wenn wir uns auf diese Weise mit Vorurteilen auseinandersetzen?
Kriechhammer-Yagmur: Im Idealfall gehen wir dann selbst- und gesellschaftskritisch  durchs Leben und machen einen kleinen gedanklichen Stolperer, wenn wir das nächste Mal auf ein Vorurteil stoßen, stellen fest: Da bin ich mir jetzt selbst wieder ins Netz gegangen. Vielleicht werden Menschen ja dazu ermutigt, beispielsweise auch zu sehen, dass es Frauen mit Kopftuch gibt, die gut Deutsch sprechen, die selbstbewusst sind. Oder Menschen lernen, wenn sie jemanden mit anderer Hautfarbe treffen, nicht gleich ihrem Impuls nachzugeben zu fragen: Wo kommen Sie denn her? 

OP: Das waren jetzt recht deutliche Beispiele. Werden wir in unserem gesellschaftlichen Miteinander womöglich auch durch versteckte Vorurteile behindert, die viele von uns ganz unbewusst hegen oder für ganz harmlos halten?
Kriechhammer-Yagmur: Ganz bestimmt ist das so, da greife ich nochmal ein Beispiel aus der Schule auf. Zwei Lehrerinnen unterhalten sich über Kinder und belegen diese mit Stereotypen. Ach guck mal, da ist ja wieder unser kleiner Pascha. Guck mal, da kommt die kleine Zicke. Oder: Guck, da ist ja unser Trampeltier. Ich unterstelle jetzt mal, dass nichts davon böse gemeint ist. Aber die Wahrnehmung für diese Kinder in Zusammenhang mit dem Stereotyp führt dazu, dass die Kinder eigentlich überhaupt keine Chance haben, aus dieser Schublade herauszukommen und wegen ihres Geschlechts oder ihres Gewichts diskriminiert werden. Man sieht praktisch nur einen Teil von ihnen und andere Teile eben nicht. 

OP: Vereinfacht könnte man sagen: Mit unseren Vorurteilen machen wir Menschen zu etwas, was sie gar nicht sind.
Kriechhammer-Yagmur: Ja, wir schreiben ihnen einfach verallgemeinernd bestimmte Eigenschaften zu und übersehen andere dabei sehr großzügig, weil es für uns individuell oder gesellschaftlich gerade so am besten passt.

OP: Haben Sie zum Abschluss denn noch einen kleinen Tipp: Was rüttelt uns wach, wenn einmal wieder das Schubladen-Denken einsetzt?
Kriechhammer-Yagmur: Auf der individuellen Ebene: Was du nicht willst, das man dir tu, das füg auch keinem anderen zu. Auf der gesellschaftlichen Ebene: das bewusste Einsetzen gegen jede Form von Diskriminierung; das Erkennen der Funktion von Vorurteilen und der Ideologien, die  damit bedient werden.

Zur Person  

Diplom-Pädagogin Sabine Kriechhammer-Yagmur arbeitet als Bildungsreferentin für Eltern- und Familienbildung sowie inklusive Bildung beim Bundesverband des Paritätischen Bildungswerks in Frankfurt. Die 60-Jährige war in Marburg schon öfters zu Gast für verschiedene Kursangebote und Vorträge. Auf Einladung des Frauenbüros beim Landkreis Marburg-Biedenkopf referiert sie über das Thema „Vorurteilsbewusst arbeiten in Verwaltung und sozialer Arbeit“. Termin: Dienstag, 21. März, 10 bis 17 Uhr, Raum U 057 (Untergeschoss) Kreisverwaltung Marburg-Biedenkopf, Im Lichtenholz 60.

  • Anmeldung und weitere Infos unter Telefonnummer 0 64 21 / 4 05 13 11 oder -13 10, E-Mail: frauenbuero@marburg-biedenkopf.de

von Carina Becker-Werner

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