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Null Toleranz bei Mobbing an Schulen

"Fack ju Göhte 3" Null Toleranz bei Mobbing an Schulen

Der dritte Teil von „Fack ju Göhte“ rückt auf der Kinoleinwand das Thema Mobbing an Schulen in den Fokus. Die OP hat mit einem Schulleiter, einem Vertrauenslehrer und einem Schulpsychologen über Mobber und  Gemobbte gesprochen.

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Worte, die verletzen und ausgrenzen: Mobbing läuft vielfach über soziale Medien. Beleidigungen greifen bei WhatsApp um sich, fordern die Schulen in ihrer Anti-Mobbing-Arbeit

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Jeder sechste 15-jährige Schüler in Deutschland wird der aktuellen Pisa-Studie zufolge regelmäßig Opfer von Mobbing. „Manchmal muss man Mobbern erst mal verdeutlichen, dass sie andere gerade mobben, sie geraten in solche Situationen, ohne es zu merken. Mobbing passiert – den Opfern und den Tätern“, sagt Schulpsychologe Gordon Wingert.

Wingerts Schilderungen decken sich mit den Erfahrungswerten zwei weiterer Männer vom Fach: Der eine ist Thomas C. Ferber, Schulleiter der Richtsberg-Gesamtschule, der andere­ Sebastian Sack, Vertrauenslehrer an der Alfred-Wegener Schule (AWS) in Kirchhain. „Mobbing erleben wir vielleicht nicht täglich, aber immer wieder“, sagt Sebastian Sack. Er setzt darauf, den Mobbern ihr Verhalten zu spiegeln. „Man muss ihnen aufzeigen, was sie bei anderen auslösen. Das klingt vielleicht naiv, aber für manchen ist es überraschend, zu erfahren, wie sein Verhalten ankommt.“

Gnadenloses Aufdecken

Die Lehrer setzen aufs Zuhören, darauf, dass niemand mit seinen Sorgen allein bleibt. „Wir decken Mobbing gnadenlos auf, alle unsere Lehrer sind darauf sensibilisiert“, sagt ­Ferber. Mobbing auszublenden könne sich die „bunteste Schule Marburgs“ mit ihren rund 560 Schülern gar nicht leisten. „Hier lernen so viele unterschiedliche Kinder gemeinsam, da müssen wir vermitteln und einen Blick dafür haben, wenn es Probleme gibt.“ Zu einem großen Teil habe Mobbing sich inzwischen auf die sozialen Medien verlagert. „Über WhatsApp schaukelt sich so etwas schnell hoch, da werden in Gruppen schon mal 600 Nachrichten über den Tag verteilt herumgeschickt – und manchmal sind die Eltern geschockt, wenn man ihnen einen Chatverlauf zeigt“, berichtet Ferber. Und Sack zählt auf, was dort kursiert: „Lügen, Beleidigungen, Verunglimpfungen, manipulierte Fotos, blöde Kommentare, gehässige Spitznamen und so weiter“.

Sowohl an der Richtsberg-Gesamtschule als auch an der AWS in Kirchhain sollen möglichst viele Ansprechpartner dafür sorgen, dass Fälle von Mobbing nicht im Verborgenen bleiben. „Dafür steht natürlich nicht nur der Vertrauenslehrer zur Verfügung, sondern auch jeder andere Lehrer, die Schulpädagogen, die Schulseelsorgerin“, zählt Sack auf. Die Angst der Gemobbten, dass ihre Situation sich noch verschlechtern könnte, wenn sie auf das Mobbing aufmerksam machten, sei oft groß. „Man kann diese Angst auch nicht ganz nehmen. Aber Schweigen ist keine Lösung, es kann nicht besser werden, wenn man nichts sagt.“

Senioren als Streitschlichter

Schulleiter Ferber hat die ­Erfahrung gemacht, dass Reden hilft. „Es gibt Gespräche mit den Opfern, mit den Mobbern und solche, wo man Opfer und Mobber zusammenbringt.“ Wichtig ist den Pädagogen dabei, dass weder Mobber noch Gemobbte stigmatisiert werden. Jeder soll die Chance haben, seine Betrachtungsweisen und sein Verhalten zu verändern. An der Richtsberg-Gesamtschule helfen dabei beispielsweise auch die „Seniorpartner in School“. Das sind Senioren, die als ausgebildete Streitschlichter auftreten.

„Entscheidend ist, dass sich Mobber und Gemobbte über ihre Gefühlswelten austauschen, dass sie erfahren, was beim Gegenüber vorgeht. Man sollte gemeinsame Regeln festlegen für den Umgang miteinander“, findet Vertrauenslehrer Sack. Es sei ein großes Problem, dass Mobbing heutzutage oft über WhatsApp läuft. „Der Kreis wächst dann rasend schnell, viele sind auf einmal beteiligt.“ Dementsprechend groß sei die Gefahr, dass sich Gemobbte ­alleingelassen fühlten.

Ob Smartphones an Schulen verboten werden sollten? Wenn es um Mobbing geht, taucht diese Frage zwangsläufig auf. „Es muss jedenfalls klargemacht werden, dass Mobbing nicht akzeptiert wird. Wenn es nötig sein sollte, könnte da auch schon mal ein Handy-Verbot eine Lösung sein“, meint Schulpsychologe Wingert. Schließlich bestehe auch die Gefahr, dass Schüler aus der Rolle des Gemobbten nicht mehr so einfach herauskämen. „Mitunter kommt es auch schon mal vor, dass ein Schüler die Schule wechselt, weil die Eltern zu dem Ergebnis kommen, dass es so nicht mehr weitergehen kann.“

Lehrer pfeift auf "Fack ju Göhte"

Solche extremen Fälle gebe es zum Glück nur selten, sagt Wingert, „das erlebe ich in meinem Zuständigkeitsbereich vielleicht ein- oder zweimal im Jahr.“ Die Schulpsychologen am Staatlichen Schulamt in Marburg stehen den Lehrern beratend zur Seite, wenn es um Mobbing geht. „Die Problemlösung bleibt aber bei der Schule, die Lehrer müssen es in die Hand nehmen“, sagt Wingert und verweist auf Präventionsarbeit, beispielsweise mit dem „Anti-Mobbing-Koffer“. Den hat das hessische Kultusministerium für den Gebrauch an Schulen gepackt. „Wenn es in einer Klasse Probleme gibt, dann sollte man diesen Koffer vielleicht einmal auspacken und sich im Klassenverband mit Mobbing beschäftigen“, rät Wingert. „Das soziale Lernen ist der Königsweg, es kommt darauf an, ein positives Klassenklima aufzubauen.“

Wie am Marburger Gymnasium Elisabeth-Schule mit Mobbing umgegangen wird, berichtet ein 14-jähriger Schüler der OP. „Im großen Stil habe ich von Mobbing noch nichts mitbekommen, aber manche Leute werden schon ausgegrenzt.“ Die Schule biete Workshops zum Thema Mobbing an. „Da haben wir schon gelernt, dass wir uns genau überlegen sollen, was wir bei WhatsApp rumschicken und wie das ankommen könnte.“ In der Schule gelte für alle Schüler diese Regel: „Wenn es Opfer von Mobbing gibt, dann sollen wir uns an die Lehrer wenden und das offenlegen.“

Dass Mobbing beim dritten Teil von „Fack ju Göhte“ in den Fokus rückt, finden Vertrauenslehrer Sack und Schulpsychologe Wingert gut. „Der Input muss natürlich stimmen“, sagt Wingert, der den Film noch nicht gesehen hat. „Hilfreich wäre, wenn dargestellt wird, wie junge Menschen gemeinsam einen Weg raus aus dem Mobbing finden.“ Wichtig sei, dass Schüler und Lehrer für das Thema sensibilisiert werden, findet Sack. „Da kann auch ein Film hilfreich sein.“

Der Leiter der Richtsbergschule hingegen pfeift auf „Fack ju Göhte“. „Das ist Comedy, das bringt uns nicht weiter. Dann lieber einen ,Harry Potter‘ im englischen Originalton zeigen“, sagt Schulleiter Ferber.

von Carina Becker-Werner

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