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"Mobilfunkempfang ist Daseinsvorsorge"

Netzabdeckung "Mobilfunkempfang ist Daseinsvorsorge"

Obwohl die Netzabdeckung für Mobilfunk bundesweit im Durchschnitt bei rund 99 Prozent liegt, gibt es immer noch Funklöcher. Auch im Landkreis, wie etwa im Ebsdorfergrund. Viele wünschen sich Abhilfe.

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Mobilfunkempfang ist in Gebäuden oft schlechter als im Freien. Deshalb telefoniert Marcel Hämer aus Roßberg immer an der Straßenecke gegenüber seines Hauses.

Roßberg. Wenn Marcel Hämer auf seinem Handy telefonieren möchte, geht er an die Straßenecke gegenüber von seinem Haus. Nur dort hat der 20-Jährige Mobilfunkempfang. Wenn er als Baumaschinenführer Notdienste fahren muss, ist er auf seinem Handy an vielen Orten in seinem Heimatdorf Roßberg nicht erreichbar.

Grundstücksinteressenten, die seit Jahren ins Neubaugebiet „Am Rainacker“ kommen, können sich das offenbar nicht vorstellen. „Die packen ihren Laptop aus und sagen, hier geht ja nichts“, erklärt eine Anwohnerin am Rainacker. Sie selbst benutze ihr Handy kaum, erklärt die Frau.

Funkloch im Neubaugebiet

Seit acht Jahren stehen die Grundstücke in Roßberg zum Verkauf. Nur die Hälfte sind bisher an den Mann gebracht worden. Sechs Bauplätze sind noch immer frei. Und das, obwohl sich sonst Grundstücke in der Gemeinde Ebsdorfergrund sehr gut verkaufen.

Die Anwohnerin vermutet, dass Roßberg im Vergleich zu anderen Ortsteilen zu abgelegen ist. Bürgermeister Andreas Schulz sieht den Grund im mangelnden Mobilfunkempfang. Denn: „Mobil telefonieren zu können ist genau wie Wasser und Strom Teil der Daseinsvorsorge“, findet das Gemeindeoberhaupt.

Vodafone: Die Zahl möglicher Nutzer zählt

Volker Petendorf von der ­Vodafone-Pressestelle sagt mit Blick auf das Neubaugebiet: „Wir werden den Dialog sicher suchen.“ Aber „ergebnisoffen“, betont er. Auch George-Stephen McKinney, Pressesprecher der Deutschen Telekom teilte dieser Zeitung mit, dass der Netzausbau „sehr teuer“ sei. „Es ist ergo für einen Netzbetreiber bei jeder Standortentscheidung wichtig, unter anderem auch die Zahl möglicher Nutzer in einem möglichen Versorgungsradius ins Kalkül zu ziehen.“

Für Wittelsberg habe daher der Mobilfunkanbieter die Gemeinde wissen lassen, dass es sich dort nicht lohne, die Netzabdeckung zu verbessern, da der Ort nur rund 1000 Einwohner hat. Dabei sei es „kein Zustand“, dass man in Wittelsberg auf einer Veranstaltung die Sporthalle oder den GrundTreff verlassen und auch noch um die Ecke laufen müsse, nur um zu telefonieren.

Funkmasten in Ebsdorf und Roßdorf fehlen immer noch

Dabei hätte heute alles schon ganz anders sein können. Der Netzbetreiber Vodafone habe in Hachborn, wo es ebenfalls Lücken gibt, Abhilfe schaffen wollen. Bereits 2014 habe das Unternehmen einen Pachtvertrag abgeschlossen. Am Ebsdorfer Sportplatz sollte ein Mobilfunkmast aufgestellt werden. Bis heute sei aber nichts passiert. Man habe sich zunächst auf die Netzmodernisierung konzentriert, erklärt Petendorf von Vodafone. Neubauten seien daher hinten angestellt worden.

Auch in Roßberg sollte ein Mast aufgestellt werden, von der Deutschen Telekom. Der Netzbetreiber habe sogar schon Leitungen in den Gehwegen verlegt. Zum Bau des Mastes sei es dann aber nicht gekommen, weil das Unternehmen den Bauantrag zurückzog. Weil in dem Vogelschutzgebiet ein Uhu brütete, bat die Behörde des Landkreises das Unternehmen, zu erklären, warum der Mast ausgerechnet dort stehen müsse oder nach Alternativen zu suchen, teilt die Pressestelle des Landkreises mit. Die Deutsche Telekom zog daraufhin im Juni 2016 den Antrag zurück. „Leichtfertig“, findet Schulz. Denn er ist sich sicher, dass er letztlich genehmigt worden wäre. Das Unternehmen habe ihm dann versprochen, den Antrag erneut einzureichen. Auch das sei bis heute nicht passiert, so Schulz.

Bürgermeister fordert Verpflichtung der Netzbetreiber ein

Deshalb findet der Bürgermeister, dass die Netzbetreiber verpflichtet werden müssten, die Abdeckung zu verbessern. Da sei, ähnlich wie bei den Vorgaben für Breitbandinternet, die Politik gefragt.
Aber auch an anderen Stellen im Landkreis gibt es Funklöcher. Dazu gehört der Burgwald in der Gemeinde Münchhausen. Wenn man dort einen Unfall hat und Rettung herbeirufen muss, habe man ein Problem, sagt Bürgermeister Peter Funk. Auch in Wollmar und Niederasphe gebe es mit seinem Netz Lücken. Kunden anderer Anbieter hätten wieder an anderen Stellen Probleme. „Kein Anbieter deckt alles ab.“

Deshalb würde sich Funk einen intelligenten Anbieterwechsel wünschen. „Wenn ein Netz nicht verfügbar wäre, würde das Handy automatisch in ein anderes wechseln“, stellt sich Funk vor. Damals habe die Viag Interkom, als Vorläufer der Telefónica, das mal angeboten.

Telefonieren mit "lang ausgestrecktem Arm"

Sein Kollege, Kai-Uwe Spanka,­ berichtet, in seinem Heimatdorf Oberrosphe habe er keinen Empfang. Schon in Unterrosphe beginne das Funkloch. Auf der Burg in Mellnau könne er wieder telefonieren. „Es gibt einzelne Punkte, wo man schon mal jemanden mit lang ausgestrecktem Arm sieht, der eine SMS verschicken will“, so Spanka.

Auch in Wetter hätten sich zwei Mobilfunknetzbetreiber bereits Baugenehmigungen für neue Masten zwischen Oberrosphe und Mellnau gesichert, berichtet der Bürgermeister. In der letzten Legislaturperiode hätten sich auch Ortsvorsteher an die Stadt gewandt, mit dem Wunsch, die Netzabdeckung zu verbessern. Heute verzichteten viele auf Festnetzanschlüsse, da sei die Erreichbarkeit auf dem Handy umso wichtiger.

In der Gemeinde Lahntal ­seien Caldern und Kernbach ­betroffen, in Weimar Nesselbrunn, erklären die Bürgermeister. Auch in Biedenkopf und dem Dautphetal gebe es Versorgungslücken, heißt es in einer Pressemitteilung der Landtagsabgeordneten Angelika Löber.

Internet auf dem Handy wichtig für Touristen

Für den Tourismus sei Internet auf dem Handy äußerst wichtig, erklärt Hartmut Reiße, ­Geschäftsführer des Hessischen Tourismusverbands. Die Zahl der Nutzer von Smartphones und Tablets, auch unter den sogenannten „Best Agern“ steige. Unterkünfte würden auf großen Buchungsplattformen zum großen Teil über mobile Endgeräte gebucht. Zudem legten Touristen Wert darauf, sich unterwegs über Sehenswürdigkeiten informieren zu können oder nach dem nächsten Restaurant zu suchen.

Arnold Lorch, dem gemeinsam mit seiner Frau Anja die Gaststätte Eißner in Roßberg gehört, würde sich Mobilfunkempfang dringend wünschen. WLAN ­habe er schon eingerichtet. Aber zum Telefonieren müssten die Gäste bis an die Straße gehen. Seine Frau sieht aber auch positive Seiten: „Hier rappelt kein Handy, keiner wird nach Hause zitiert“, scherzt sie.

von Freya Altmüller

Fragen und Antworten zur Netzabdeckung

Was kann die Politik für ­eine bessere Netzabdeckung tun?

Wenn Netzbetreiber Frequenzen ersteigern, müssen sie Auflagen erfüllen, erklärt Michael Reifenberg, Pressesprecher der Bundesnetzagentur in Bonn. Bisher gebe es jedoch keine Vorgabe für eine Vollversorgung. Bei der Versteigerung 2015 sei die Auflage gewesen, bis 2020 98 Prozent der Bevölkerung mit breitbandigem mobilem Internet zu versorgen. Ähnlich wie beim Festnetz sei es aber auch denkbar, Zugang zu einem Rechtsanspruch zu machen. Dafür müsse das Telekommunikationsgesetz vom Bund geändert werden. Auch eine Förderung durch EU, Bund und Länder, wie es sie für Breitband-Internet gebe, sei denkbar, um Anreize für den Ausbau zu schaffen. Nicht nur Unternehmen, sondern auch Kommunen und Städte können in dem Fall Förderung bekommen. Für Mobilfunknetze ist sie jedoch weniger geeignet, weil eine Übertragungsgeschwindigkeit sichergestellt werden muss, und das bei der gängigen Technologie nicht möglich ist, da sich immer mehrere Nutzer im Umkreis die Bandbreite teilen.

Ist ein automatischer Netzwechsel umsetzbar?

Es gibt in Deutschland mit ­Telefónica, Vodafone und der Deutschen Telekom drei ­Mobilfunknetzbetreiber, deren Infrastruktur von zahlreichen Marken genutzt wird. Ein Kunde kann jedoch immer nur ein Netz nutzen, außer bei Notrufen, wo automatisch auf das stärkste Netz geschaltet wird. Es sei auch prinzipiell möglich, als Kunde des einen Betreibers auch das Netz eines anderen zu nutzen, sagt Michael Reifenberg, Pressesprecher der Bundesnetzagentur in Bonn. „Inlands-Roaming“, nenne sich das. Wegen des Wettbewerbsrechts müssten Netzbetreiber, die eine gemeinsame Nutzung planen, Verträge bei der Bundesnetzagentur und dem Kartellamt zur Prüfung vorlegen.

Volker Petendorf von der Pressestelle von Vodafone sagt, er könne sich nicht vorstellen, dass es erlaubt würde, Netze zusammenzuschalten. Reifenberg betont jedoch: ­„Eine gemeinsame Infrastrukturnutzung ist möglich.“ Daher sei das damals auch der Viag Interkom möglich gewesen. Seitdem habe es aber diesbezüglich keine Anfrage mehr gegeben.

Ist eine vollständige Netzabdeckung möglich?

In einer Antwort, die die Landtagsabgeordnete Angelika Löber auf ein Anfrage­ an das hessische Wirtschaftsministerium erhielt, heißt es, die Netzabdeckung liege in Hessen bei 99,2 Prozent, im Landkreis bei 97,9 Prozent. Aber: „Gemäß Auskunft der Bundesnetzagentur ist eine hundertprozentige Mobilfunk-Versorgung aufgrund der physikalischen Eigenschaften von Funkwellen in Regionen mit schwieriger Topografie (Berge, Täler usw.) oft nicht möglich.“ Auch der Naturschutz sei bei der Errichtung von Mobilfunkmasten zu beachten, erklärt Michael Reifenberg, Pressesprecher der Bundesnetzagentur.

Für Netzbetreiber günstiger werden könnten neue Masten aber, wenn das Glasfasernetz weiter ausgebaut wird, so die Landtagsabgeordnete Löber. Ihre Fraktion setze sich im Parlament dafür ein. Bisher koste allein die Erschließung und Errichtung rund 150 000 Euro, so Volker Petendorf von der Vodafone-Pressestelle.

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