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Nesthocker lieben das „Hotel Mama“

Studie im Landkreis Nesthocker lieben das „Hotel Mama“

Wann die Kleinen flügge werden, ist von Region zu Region verschieden. In einer Studie hat der Geograph Tim Leibert untersucht, wie hoch der Anteil der „Nesthocker“ ist, die auch mit über 25 noch bei den Eltern wohnen.

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Im Kreis Marburg-Biedenkopf ziehen Mittzwanziger früher aus als in anderen Hessen-Kreisen

Quelle: pixabay

Marburg. Dabei kam heraus: Das Modell „Hotel Mama“ ist in ganz Hessen vor dem Hintergrund steigender Mieten in vielen Städten beliebter denn je. Der Leipziger Forscher fordert daher mehr gesellschaftliche Akzeptanz für Nesthocker. Noch immer habe das Zuhausewohnen mit zunehmendem Alter einen negativen Beigeschmack. Es unterstelle, dass die junge Generation die ältere ausnutzt. Doch das sei die absolute Ausnahme, weiß Leibert: „Mein Eindruck ist, dass auch die Eltern ganz gerne mit ihren Kindern zusammenleben.“

Leibert, der am Leibniz-Institut für Länderkunde in Leipzig forscht, hat seinen deutschlandweiten Nesthocker-Atlas mit Hilfe von Zensus-Daten der Europäischen Statistikbehörde Eurostat entwickelt. Dafür hat er die Gruppe der 25- bis 29-Jährigen, die im elterlichen Haushalt leben, ausgewertet. Der Kreis Marburg-Biedenkopf befindet sich dabei im Landesvergleich im hinteren Drittel – sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen.

Vogelsbergkreis hat die meisten Nesthocker

Fast jeder vierte Mann (23,9 Prozent) wohnte im heimischen Kreis demnach noch bei den Eltern. Bei den Frauen zwischen 25 und 29 ist es etwa jede neunte (11,8 Prozent). Damit ist Marburg-Biedenkopf der Kreis, der hessenweit die wenigsten Nesthocker hat. Noch geringere Quoten haben nur die kreisfreien Städte Kassel (6,2 Prozent der Frauen/11,5 Prozent der Männer), Frankfurt, Darmstadt, Offenbach und Wiesbaden. Die meisten Nesthocker gibt es im Vogelsbergkreis, wo fast jede vierte Frau und fast jeder zweite Mann noch bei Mama und Papa schläft.

Dieses Stadt-Land-Gefälle gibt es auch im MR-Gebiet. „Ohne die Universitätsstadt Marburg läge der Kreis auf dem Niveau der umliegenden Kreise“, sagt Tim Leibert. Dort lebt circa jeder dritte Mann dieser Altersgruppe daheim und jede sechste Frau. Die Marburger Zahlen seien daher ein Mittelwert aus sehr niedrigen Quoten in der Uni-Stadt Marburg und hohen Quoten im Umland.

„Das ist eine Besonderheit kreisangehöriger Universitätsstädte wie auch Tübingen oder Göttingen. Viele junge Menschen ziehen fürs Studium alleine dorthin. Wenn es aber nur einen vergleichsweise kleinen Arbeitsmarkt gibt, verlassen sie die Region aber auch wieder schnell“, hat der Wissenschaftler festgestellt.

Wohneigentum und finanzielle Aspekt entscheidend

Wesentliches Kriterium, damit Kinder lange zuhause wohnen, ist statistisch gesehen das eigene Haus der Eltern. Der Anteil der Wohneigentümer ist auf dem Land deutlich höher als in der Stadt. Das geht einher mit mehr Wohnfläche und einem höheren Wohnkomfort. Leibert bringt das Gegenbeispiel: „Bei jungen Menschen, die mit ihren Eltern in einer Mietwohnung leben, ist die Auszugsneigung tendenziell größer.“

Nicht zu unterschätzen ist auch der finanzielle Aspekt. Weil viele Eltern ihre Kinder auch nach dem Auszug noch unterstützen, wird das Familienbudget weniger belastet, wenn die Kinder zuhause wohnen. Vielfach würden sogar junge Erwachsene mit eigenem Einkommen das Nest nicht verlassen und so Geld für andere Dinge sparen, meint der Forscher. Häufig beteiligen sich die Kinder dann an den Wohnkosten.

Tim Leibert kennt das. Der 40-Jährige war selbst lange Nesthocker. Er zog erst mit 28 zuhause aus. Als das Studium begann, blieb er daheim in einem Ort nahe Heidelberg wohnen. „Die Universitätsstädte Heidelberg und Mannheim sind zum Wohnen extrem teuer. Zuhause habe ich gar keine Miete bezahlt“, zählt Leibert die Vorzüge auf. Und viel Platz gab es auch. Im elterlichen Haus hatte er die Einliegerwohnung der Oma übernommen, als diese starb.

Wichtigster Auszugsgrund ist Familiengründung

Der nach wie vor wichtigste Auszugsgrund neben Studium oder Berufsstart ist die Familiengründung. Fast alle Paare sagen sich spätestens mit der Geburt ihres Kindes von Zuhause los. Dadurch, dass Frauen im Schnitt jünger sind als ihre Partner, erklärt es auch die unterschiedlichen Quoten bei Männern und Frauen in der Altersklasse der 25 bis 29-Jährigen.

Mit zunehmendem Alter werden die „Hotel-Mama-Quoten“ dann übrigens überall geringer. Dennoch lebt von den 30- bis 34-jährigen Männern im Vogelsbergkreis fast jeder vierte noch bei Muttern (22,7 Prozent). Im Kreis Marburg-Biedenkopf sind es 14,9 Prozent. Von hundert Frauen im gleichen Alter sind es hier nur sechs.

Nach Trennung oder bei Arbeitslosigkeit geht es oft zurück

Im europäischen Vergleich liegt der Kreis beim Auszugsalter im Mittelfeld. In Skandinavien stehen die Kinder deutlich früher auf eigenen Füßen, in Südeuropa, aber auch in Osteuropa wohnen die Kinder länger bei den Eltern. Diese Familientradition wird auch beibehalten, wenn Familien ihren Wohnsitz nach Deutschland verlegen. So hat Wissenschaftler Leibert beobachtet, dass zum Beispiel bei Menschen mit türkischem Migrationshintergrund die Hochzeit – insbesondere für Frauen – als Auszugsgrund wesentlich wichtiger ist als in anderen Kulturkreisen.

Und ein Aspekt dürfe in der Nesthocker-Betrachtung auch nicht außer Acht gelassen werden, so Forscher Leibert. Gerade in der Gruppe der 25- bis 29-Jährigen gebe es viele, die nach einer Trennung oder bei Arbeitslosigkeit wieder zuhause einziehen.

Hintergrund

Alle von OP-Volontär Tobias Kunz befragten „Nesthocker“ wollten anonym bleiben. Ihre Gründe fürs „Hotel Mama“  gibt es hier:  

  • „Ich wohne noch zuhause, weil ich zum einen nicht aus meinem Ort weg möchte und zum anderen das natürlich die günstigste Lösung ist. Ich selbst bin lieber Vermieter. Ich brauche nicht irgendjemandem 500 Euro in den Rachen werfen. Zudem bin ich die meiste Zeit ohnehin nicht zuhause.“ männlich, 28 Jahre, aus dem Hinterland
  • „Eigentlich wollte ich schon früh ausziehen. Es kam für mich aus finanziellen Gründen aber zunächst nicht infrage. Gemeinsam mit meinen Eltern habe ich dann entschieden, zuhause umzubauen. Ich wäre zwar lieber ausgezogen, aber jetzt habe ich eine Wohnung in meinem Elternhaus mit eigenem Eingang.“ weiblich, 25 Jahre, aus Marburg
  • „Ich wohne noch zuhause, weil ich Kosten sparen möchte. Mein Geld gebe ich lieber für andere Dinge aus. Außerdem ist auch ein Stück weit Bequemlichkeit ein Grund. Bei meinen Eltern gefällt es mir und ich habe weniger Arbeit.“ männlich, 25 Jahre, aus dem Südkreis

von Jan Schmitz

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