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Nachblüher können Ernte retten

Saisongarten Nachblüher können Ernte retten

Auch der Landkreis Marburg-Biedenkopf blieb vor Frostschäden im Obstbau nicht verschont. Allerdings sind die Auswirkungen regional recht unterschiedlich.

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Bei der Apfelernte wird es in diesem Jahr Verluste geben.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Wegen der Frostschäden im Obstbau in Teilen Mittel- und Westeuropas rechnen Agrarexperten mit einem deutlichen Preisanstieg, vor ­allem bei Äpfeln.

„Der Frost war ein großflächiges Problem, betroffen waren auch Landwirte in Frankreich, Belgien und den Niederlanden“, sagt Herbert Netter, Sprecher des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau in Koblenz.Zudem sei Polen, Europas Hauptanbaugebiet für Äpfel, betroffen gewesen. „Die Preise­ werden steigen“, kündigt der Agrarexperte an.

Im nördlichen Rheinland-Pfalz rechnet er bei Äpfeln und Zwetschgen mit Ausfällen von 50 bis 90 Prozent. „Der Windfrost bläst sofort die warme Luft wieder weg“, beschreibt er. Bei den Winzern sei der Schaden nicht ganz so groß, denn bei ­ihnen seien nicht die Blüten, sondern die Triebe betroffen.

In allen Teilen Bayerns beklagen Landwirte und Obstbauern massive Schäden nach den Nachtfrösten Ende April. Vor allem Kirschen und Zwetschgen weisen sehr starke Frostschäden auf. Vereinzelt drohen uns Ernteeinbußen von bis zu 80 Prozent“, betont Helmut Jäger, Präsident des Bayerischen Erwerbsobstbau-Verbandes.

Auch viele Weinreben seien von den Minusgraden beschädigt worden. Für die Verbraucher bedeutet dies vor allem eines: „Obst aus der Region dürfte in diesem Jahr teurer werden“, sagt Markus Peters, Pressesprecher des Bayerischen Bauernverbandes. Besonders betroffen­ waren von dem Frost Anbaugebiete in Franken und am ­Bodensee. Im benachbarten Baden-Württemberg wurden seitens der politisch Verantwortlichen die Frostnächte deshalb sogar als Naturkatastrophe eingestuft.

Grundsätzlich sei Frost Ende April nichts Besonderes“, darauf weist auch Heinrich Hofmann von der Bayerischen Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau in Veitshöchheim hin. Dass es die Obstbäume dennoch so schlimm getroffen hat, liegt nach Einschätzung der Experten an einer unheilvollen Kombination: ungewöhnlich warmen Temperaturen Ende März, Anfang April und einem späten Frost. Die Vegetation sei schon sehr weit fortgeschritten gewesen.

Das Ausmaß der Frostschäden im Landkreis Marburg Biedenkopf sei lokal sehr unterschiedlich, sagt Heinrich Bornmann, Vorsitzender des Kreisverbandes Marburg für Obstbau, Garten und Landschaft. Der Experte aus Wohra berichtet, dass mancherorts in zugigen Tälern mehr Schäden entstanden seien als in Höhenlagen.

Frühe Kirschensorten seien verschont geblieben, „sie blühten vor dem Frost“, berichtet er. Vom Frost erwischt wurden mancherorts Apfelbäume und Hauswein.

Offene Knospen sind sehr empfindlich

Die gleiche Erfahrung hat sein Kollege Ewald Achenbach gemacht. Er ist Vorsitzender des Kreisverbandes Biedenkopf zur Förderung des Obstbaues, der Garten- und Landschaftspflege.

Er selbst hat späte Apfelsorten. Schäden seien bereits zu sehen, das gesamte Ausmaß könne er aber noch nicht einschätzen. Ähnlich lauten auch die ­Berichte seiner Kollegen aus dem Hinterland. „Wenn Bäume ungünstig stehen, kann es auch zu Totalausfällen kommen“, fürchtet er.

Als die Obstbäume noch im Winterschlaf waren, machte­ ­ihnen die Kälte nichts aus. Wenn Blütenknospen und Triebe ansetzen, können Minusgrade allerdings eine verheerende Wirkung haben, unter Umständen ist sogar die gesamte Ernte­ in Gefahr. In der Regel ver­tragen geschlossene Knospen ­etwa minus vier Grad. Wenn die ­Blütenblätter zu sehen sind, überleben die Blüten Temperatur von minus zwei Grad noch im Toleranzbereich und bei ­offenen Blüten liegt die Grenze bei null Grad.

Der geneigte Hobbygärtner kann das Wetter zwar nicht beeinflussen, aber seine Aktivitäten an die Wetterlage anpassen. Ist er gut informiert, achtet er stets auf die unterschiedlichen Bedürfnisse der Pflanzen und kann so die Ernte beeinflussen. So wie manche Landwirte es in den vergangenen Tagen und Wochen getan haben, kann man beispielsweise die Bäume mit Wasser benetzen.

Bei Hochstämmen ist das freilich nicht zu bewältigen. Wenn das die Natur vor einer frostigen Nacht erledige, dann sei das ein guter Schutz, sagt Heinrich Bornmann, dass die beim ­Gefrieren freiwerdende Energie­ die Pflanzen wärme und vorm Erfrieren bewahre. Durch den Schnitt erhalten die Bäume nicht nur eine optisch schöne Form, er sorgt vor allem dafür, dass sie reichlich Blüten und somit Früchte treiben. Ein regelmäßiger und fachgerechter Schnitt bei Obstgehölzen könne einen vor einem Totalausfall bei der Ernte bewahren, weiß Bornmann. Weil die Blüten an jüngerem und älterem Holz zu verschiedenen Zeiten aufgehen, werden im Frostfall nicht alle geschädigt.

Gleichwohl komme es darauf an, dass die Blüten auch bestäubt würden und dann Früchte bildeten, sagt er.

Bornmann hat auch gleich einen Tipp für alle Hobbygärtner parat: Wer sein Obstgehölz fachgerecht schneiden lassen möchte, wendet sich an die Kreisverbände Biedenkopf oder Marburg oder an einen der zahlreichen Ortsvereine. Oder nimmt dort selbst an einem Schnittkurs teil.

Kern- und Steinobstanbau wird im Landkreis nicht professionell betrieben. Es gibt hier aber Erdbeerplantagen. Die hessische Landwirtschaftsministerin Priska Hinz (Grüne) hat gestern die Erdbeersaison in Hessen beim gemeinsamen Pflücken mit Erdbeerkönigin Marie I. offiziell eröffnet. Frostnächte im April sorgten vielerorts für Ausfällen. Derzeit werden Erdbeeren in Hessen auf einer Fläche von insgesamt 1150 Hektar angebaut.

von Hartmut Berge

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