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„Kostbares reformatorisches Erbe“

Polizeiseelsorge feierte Lutherjahr „Kostbares reformatorisches Erbe“

Ein Gottesdienst, ein gemeinsamer Gang durch die Oberstadt und ein Festakt im historischen Rathaussaal: Die evangelische Polizeiseelsorge richtete in Marburg einen Vormittag im Zeichen der Reformation aus.

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Musikalischer Empfang auf dem Marburger Marktplatz: Das Bläserensemble des Hessischen Polizeiorchesters begrüßte (von links) Bischof Professor Martin Hein, Ministerpräsident Volker Bouffier und Kirchenpräsident Dr. Volker Jung.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. „Polizeidienst ist Dienst an der Gesellschaft und für die Gesellschaft – Polizisten sind Staatsbürger in Uniform“, sagte Bischof Professor Martin Hein während des Festakts im Marburger Rathaus. Aus protestantischer Sicht erfüllten die Beamten einen „Gottesdienst in der Gesellschaft, auch, wenn sie gar nicht gläubig sind“.

Die evangelische Polizeiseelsorge richtete in Marburg einen Vormittag im Zeichen der Reformation aus

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Die Polizeiseelsorge sei dabei bedeutsam – für schwere Gewissensfragen brauche man einen „absolut geschützten Raum, wie ihn nur die Seelsorge bieten kann“, sagte Hein und bezeichnete die Seelsorge als „kostbares reformatorisches Erbe“. Die Kirche freue sich darüber, dass der Einsatz ihrer Seelsorger im Polizeidienst von staatlicher Seite gewürdigt werde.

Polizeiseelsorge

Unter dem Dach des Polizeipfarramtes der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau sowie auf der Basis staatlich-kirchlicher Vereinbarungen bieten dafür beauftragte Pfarrer in der hessischen Polizei ein seelsorgerliches Angebot unabhängig von konfessioneller Zugehörigkeit. Ordinierte Geistliche leiten diese Arbeit. Sie stehen unter Schweigepflicht und haben das Zeugnisverweigerungsrecht. Ihren Dienst in den Behörden üben sie unabhängig von staatlichen Weisungen aus. Die Polizeipfarrer sind vertraut mit dem Polizeialltag. Sie bieten Dienststellenbesuche und Einsatzbegleitung an, unterstützen nach belastenden Ereignissen, bei Todesfällen und in beruflichen wie privaten Krisen. Das hessische Polizeipfarramt der evangelischen Kirche hat seinen Sitz in Frankfurt.

Dies versicherte der hessische Ministerpräsident Volker Bouffier (CDU), der die Polizeiseelsorge als festen Bestandteil des Hilfesystems für die Polizeibeamten bezeichnete. Das Reformationsjubiläum sei ein guter Anlass, um die Stärken der Seelsorge ins Bewusstsein zu rufen. „Sie nimmt den Menschen ganzheitlich in den Blick. Sie ermöglicht einen Deutungshorizont, den andere Beratungsangebote nicht bieten können“, sagte Bouffier und betonte, dass Seelsorger bei Gewissensnöten, Konfliktlagen und Lebenskrisen eine Unterstützung böten. Dabei beschränke sich die Hilfe nicht auf den Arbeitsplatz, „und nichts gelangt in die Personalakte“. Die Polizeiseelsorge sei in der Polizei verankert, aber kein Teil von ihr. Damit verkörpere sie auch das Selbstverständnis der Kirche, bezog sich Bouffier auf das Johannesevangelium, wo es heißt: „In der Welt, aber nicht von der Welt.“

Volker Jung, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, ermutigte die Polizeibeamten und Seelsorger, in ihrer Arbeit die Begegnung von Mensch zu Mensch in den Vordergrund zu stellen. Wegweisend sei für ihn ein einfacher Luther-Satz: „Wir sind Menschen und nicht Gott, das ist die Summe.“

Ein Zeichen der Ökumene setzte Ordinariatsrat Hans Jürgen Dörr, Landesbeauftragter für die katholische Polizeiseelsorge in Hessen. Er forderte die Kirchen dazu auf, ihre Zusammenarbeit zu intensivieren und „aufeinander zu hören“. Marburgs Oberbürgermeister Dr. Thomas Spies (SPD) betonte, dass es Marburg und sein Rathaus „in dieser Form“ ohne Luther und ohne Philipp den Großmütigen, der sich dem protestantischen Glauben anschloss, nicht geben würde. „Diese Stadt gründet sich auf den religiösen Disput, sonst wären wir womöglich nur ein völlig unbedeutendes oberhessisches Bergdorf“, schlug Spies den Bogen zur Gründung der Universität in Marburg, für das bis dahin große katholische Klosteranlagen prägend waren.

„Gewissen muss immer wieder Thema sein“

Den Festvortrag „Beruf – mit fröhlichem Gewissen“ hielt Wolfgang Hinz, leitender Polizeipfarrer in der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau. Hinz erinnerte daran, dass Luther „der Gewissensfreiheit 1521 in Worms eine geschichtlich höchst wirksame Bresche“ geschlagen habe. Dies sei gerade für das polizeiseelsorgerliche Engagement von Belang: „Gewissen, verstanden als die innere moralische Urteilsinstanz, muss in einem Berufsstand, der in besonderer Weise rechtlichen und ethischen Normen verpflichtet ist, immer wieder Thema sein.“ So gehörten „eigene Ermessensspielräume zum persönlichen Kernbereich menschlicher Würde und stärken auch die Überzeugungskraft einer Amtsperson“. In Luthers Definition sei das Gewissen „primär das innere Gehör des Menschen, wo sich entscheidet, was bei ihm ankommt, sich durchsetzt und über ihn Macht gewinnt“.

Vor dem Festakt im Rathaus hatte Landespolizeipfarrer Kurt Grützner in der Lutherischen Pfarrkirche vor rund 100 geladenen Gästen über „Das Priestertum aller Gläubigen“ gepredigt und über Luthers Brief „an den christlichen Adel deutscher Nation“. Darin hatte der Reformator 1520 festgehalten: „Alle Christen sind wahrhaft geistlichen Standes und unter ihnen ist kein Unterschied als allein des Amtes halber.“

von Carina Becker-Werner

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