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Knochenarbeit für die Weißtanne

Pflanzaktion im Burgwald Knochenarbeit für die Weißtanne

Ein Hektar pro Tag. Das bedeutet acht Stunden schweißtreibende Arbeit für Robert Schmidt und sein Kaltblutpferd „Donny“, damit die Weißtanne im Burgwald eine Chance hat.

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Robert Schmidt lenkt mit seinem muskulösen Wallach „Donny“ das Scheibenräumgerät durch den Wald. Der Boden wird so für die Weißtannen-Aussaat vorbereitet.

Quelle: Nadine Weigel

Wohra. „Donny“ ist schweißnass. Dampfend steht das 900 Kilo schwere Kaltblut in der noch kühlen Morgenluft mitten im Burgwald in einem lichten Nadelholzbestand. Verschnaufpause, ein paar Minuten. Das Pferd steht beinahe so still, wie die Bäume um es herum. „So ist er, der Donny, auf ihn kann ich mich immer verlassen“, sagt Förster Robert Schmidt. Für  Arbeitseinsätze mit Pferden bedient er vom Erzgebirge aus Forstgebiete in der gesamten Rebuplik. Schmidts Unternehmen, dem weitere Waldarbeiter mit ihren Pferdegespannen angehören, leistet Auftragsarbeit, wenn es um die Aussaat seltener Baumarbeiten geht. Wie im Burgwald um die Weißtanne.

„Sie macht nur rund ein Prozent unseres Bestands aus – die Nadelbäume hier sind Fichten und Kiefern, die meisten Menschen kennen den Unterschied nicht, dabei gibt es eindeutige Merkmale“, erklärt Forstamtsleiter Eberhard Leicht. Andere Nadelbäume werfen ihre Zapfen ab, nicht jedoch die Weißtanne, sie behält sie. „Und auf den Tannenzweigen stehen die Zapfen, anders als bei den Fichten, dort hängen sie von den Ästen herab.“

Ein Mann, ein Pferd und vier Hektar voll tiefer Furchen

Nach wenigen Minuten Pause geht die Knochenarbeit weiter. Ein kurzes „Halt“, ein gedehntes „Langsam“, ein schnelles „Yep“, ein bremsendes „Brrrrrr“. Robert Schmidt gibt in ruhigem Ton die Kommandos. „Donny“ hört aufs Wort. Der mächtige Wallach zieht ein rund 200 Kilo schweres Arbeitsgerät im Zickzack-Kurs zwischen den Baumreihen hindurch. Das Gebiet hat der Förster zuvor ausgesucht.

„Donny“ stapft mit seinen dicht behangenen Beinen über dicke Haufen von Totholz, über Baumstümpfe und Wurzelwerk. Der Wallach schnaubt, an manchen Stellen stemmt er sich mit aller Kraft ins Kummet, ein ringförmiges Geschirr, das Arbeitspferde um den Hals tragen. „Ja, der Donny muss schwer schufften, ich aber auch“, sagt Robert Schmidt, der die meiste Zeit neben dem so genannte Scheibenräumgerät her läuft und die Kommandos gibt. Aufsteigen und sich auf dem Gerät durch den Wald ziehen lassen, das ist an dieser Stelle im Burgwald nicht möglich, so viele Äste, Stämme, Stümpfe machen den Waldboden zu einem für Mann und Pferd extrem schwergängigen Gelände.

Zitat

„Die Tanne kommt ausgezeichnet mit Schatten klar. Sie kann Jahrzehnte lang auf Licht und Raum warten.“

Eberhard Leicht, Forstamtsleiter

Deshalb bringt Schmidt die Samen auch ausnahmsweise mit der Hand aus, nachdem er und sein Pferd die Furchen gezogen haben. In leichtgängigem Gelände übernimmt das Scheibenräumgerät diesen Arbeitsschritt gleich mit, aber hier müssen Mann und Pferd zu oft stoppen, „da würden wir punktuell viel zu viel ausbringen“, erklärt Schmidt und wirft den feinen, stark harzig riechenden Weißtannen-Samen in den frisch aufgebrochenen Boden. „Ohne die Furchen würde das gar nicht funktionieren“, erklärt Eberhard Leicht, „die Samen kämen durch die dicke Schicht von Moos und Tannennadeln nicht bis zur Erde.“

Das Scheibenräumgerät hinterlässt im Waldboden eine rund fünf Zentimeter tiefe Narbe.„Anders geht‘s nicht, das ist die effektivste Methode“, weiß der Forstamtsleiter. Maschinen würden zu viel zerstören in den Beständen – und die Pflanzaktionen der Waldarbeiter funktioniere nur punktuell. „Dann legen wir an einer ausgesuchten Stelle ein Stück Boden frei und sähen die Tanne dort aus – kein Vergleich zu der Fläche, die Mann und Pferd schaffen.“

Robert Schmidt und „Donny“ ziehen ihre Bahnen pro Tag auf einer Fläche von einem ganzen Hektar Burgwald, „wenn es gut läuft“, sagt Schmidt und lacht. „Wir pausieren zwischendurch und schauen, wie wir vorankommen.“ Die beiden müssen sich ihre Kraft einteilen, schließlich werden sie auch noch an anderer Stelle gebraucht. Nicht nur das Forstamt Burgwald, sondern auch noch die benachbarten Bezirke Frankenberg und Haina haben Robert Schmidt und „Donny“ für die Weißtannen-Aussaat gebucht. Eine neue Chance für die Baumart, die laut Eberhard Leicht geradezu ideal ist, um „gestufte Mischwälder“, aufzubauen – also Gebiete mit verschiedenen Baumarten in unterschiedlichen Größen. „Die Tanne passt da so gut rein, weil sie ausgezeichnet mit Schatten klarkommt. Sie kann Jahrzehnte lang auf Licht und Raum warten.“

 
Aus diesen kleinen Samen können 30 bis 50 Meter hohe Bäume werden. Foto: Nadine Weigel

Im Wald wirkt die Baumart als Stabilisator: tiefe Pfahlwurzeln garantierten Standhaftigkeit auch im Sturm; und wenn die Tanne nach 30 bis 60 Jahren des Aufwachsens dann endlich blüht, erneuern sich die Bestände laut Leicht quasi von selbst – neue Bäume wachsen, ohne dass sie extra gepflanz werden müssen. Bis es so weit ist, müssen im Burgwald noch Jahrzehnte vergehen. „Die Tannen wachsen langsam, sind in den ersten Jahren noch sehr klein. Wir alle hier werden von dieser Aktion nichts mehr haben, aber nachfolgende Generationen“, freut sich Eberhard Leicht.

Und immerhin: Ein paar Weißtannen hat der Burgewald auch jetzt schon zu bieten. Verteilt über seine weiten Flächen gibt es majestätische Alttannen zu sehen, solche, die auch die Phase des „sauren Regens“ in den 1980er Jahren gut überstanden haben.  Eberhard Leicht datiert den allerersten Anbau der Weißtanne im Burgwald auf die erste Hälfte des 16. Jahrhunderts: Damals wurden beim Jagdschloss Wolkersdorf und am Schlossberg in Rauschenberg Tannen gepflanzt, wohl aus ästhetischen Grunden. Dabei ist eine Tanne so viel mehr als nur schön.

von Carina Becker-Werner

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