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„Jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt“

10 Jahre Bob „Jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt“

"Liveunfall", Gurtschlitten und Überschlagssimulator: 3.500 Schüler und Interessierte informierten sich bei der Polizei Mittelhessen an den Hessenhallen am Freitag zum Thema Verkehrssicherheit und probierten selbst aus.

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Schon 50 Stundenkilometer Aufprallgeschwindigkeit reichten beim fingierten Unfall aus, um die Fahrzeuge so zu deformieren.

Quelle: Freya Altmüller

Gießen. Seyed Rezamusavi sitzt mit einem Mitschüler in einem Auto. Das Fahrzeug dreht sich wie in Zeitlupe zur Seite, stoppt, als es auf dem Kopf steht. Der 18-Jährige filmt alles mit seinem Handy. Als er aus dem Überschlagssimulator aussteigt, erklärt er: „Ich hatte noch nie einen Unfall. Jetzt weiß ich, wie sich das anfühlt.“

Unfälle quasi erfahrbar zu machen, sei ein geeignetes Mittel zur Verkehrsprävention, erklärt Guido Rehr, Pressesprecher des Polizeipräsidiums Mittelhessen. Im Rahmen des Programms „Bob“, das zum Thema Autofahren unter Alkohol- und Drogeneinfluss sensibilisieren möchte, hätten die Mitarbeiter in den vergangenen zehn Jahren über 2.000 Workshops veranstaltet.

In Schulen, Verbänden, Vereinen und bei Rettungskräften machten sie Jugendliche mittels Simulationen auf die Folgen aufmerksam. „So haben wir über 100.000 Menschen erreicht“, sagt Rehr.

Simulatoren verschaffen "Aha-Effekt"

Gegründet worden sei das Präventionsprogramm, weil man festgestellt habe, dass Fahranfänger zwischen 18 und 24 Jahren an Verkehrsunfällen unter Alkohol- und Drogeneinfluss zu 30 Prozent beteiligt waren – und das, obwohl sie nur acht Prozent der Bevölkerung ausmachten. Deshalb habe man in Mittelhessen das in Belgien entwickelte Programm ins Leben gerufen.

In dieser Altersgruppe sei die Zahl im vergangenen Jahrzehnt daher um 63 Prozent gesunken. Denn bei den Simulationen hätten viele einen „Aha-Effekt“. Eine davon ist der Gurtschlitten, der verdeutlichen soll, wie wichtig es selbst bei geringen Geschwindigkeiten ist, sich anzuschnallen.

Lehrer Kai Bolte vom Laubach-Kolleg hat sich auf den Sitz gesetzt und ist mit 25 Stundenkilometern aufgeprallt. „Bei dem Schlag erschreckt man sich ohne Ende“, erklärt er. Am Schlüsselbein, wo der Gurt ihn festgehalten hat, habe er jetzt einen leichten Schmerz. „Schule ist nicht nur Mathe und Physik aus Lehrbüchern“, erklärt er.

Der Verkehrssicherheitsbeauftragte des Laubach-Kollegs ist deshalb mit über achtzig Elftklässlern zu Gast. Zu erfahren, welche Kräfte hier wirken, helfe, die Schüler für das Thema zu sensibilisieren.

"Die Dunkelziffer ist hoch"

Annika Lotter vom „Bund gegen Alkohol und Drogen im Straßenverkehr“ betreut einen Fahrsimulator. 1,1 Promille gaukelt der denen vor, die sich ans Steuer setzen. Das Sichtfeld entspricht einem Tunnelblick, Lenkung, Bremse und Gaspedal reagieren verzögert. Nach rund fünf Minuten lautet die Bilanz eines Teilnehmers: drei Unfälle.

Bei 0,5 Promille liegt die Grenze, bis zu der Autofahren straffrei ist, weiß Pressesprecher Rehr. „Aber auf diese Grenze zu trinken wird schwer.“ Deshalb rät er denen, die später fahren wollen: „Lassen Sie die Finger komplett vom Alkohol.“

Timo Sondram sitzt am Steuer eines Wagens, um ihn herum stehen Hunderte von Zuschauern. Der Hobby-Stuntman beschleunigt auf über 50 Stundenkilometer und fährt auf ein geparktes Auto auf. Sondram trägt einen Nackenschutz, ihm ist nichts passiert. Aber die Autos sind Totalschäden.

2016 nahm die Polizei in Mittelhessen rund 23.000 Unfälle auf. Davon waren bei knapp 600 Unfällen Alkohol und Drogen im Spiel, erklärt Rehr. „Die Dunkelziffer ist hoch.“ Denn am Unfallort stehe die ärztliche Versorgung im Vordergrund, im Nachhinein ließe sich die Ursache oft nicht feststellen.

von Freya Altmüller

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