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Integration fängt bei der Betreuung an

Extremismus Integration fängt bei der Betreuung an

Ist Integration das Mittel zur Identifikation und Prävention? Wie kann eine freie demokratische Gesellschaft extremistischen Tendenzen und terroristischer Gewalt begegnen? Darüber sprach Dr. Ulrich Wagner in Marburg.

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Quelle: Arne Dedert

Marburg. Während eines offenen Gesprächsabends zum Thema Extremismus in der Kreisverwaltung nahm Wagner Stellung zu neuen gesellschaftlichen Herausforderungen und einem einseitig verstandenen Integrationsbegriff.

Themen wie Integration und Teilhabe rücken gerade bei gesellschaftlichen Veränderungen, etwa durch verstärkte Einwanderung, in den Vordergrund. Welche Bedeutung die Identifikation mit der neuen Gesellschaft für geflüchtete Menschen hat und welche Auswirkungen eine unzureichende Integration haben kann, zeigte der Forscher anhand der Entwicklung von religiös motivierter extremistischer Gewalt. Diese erfolgt laut Wagner (Foto: Ina Tannert) in vier Phasen: von einer persönlichen Krise und fehlenden Perspektiven, Rekrutierungserfolgen extremistischer Gruppen, den Ausbruch von Gewalt, bis zum möglichen Ausstieg.

Der Weg zur Extremisierung beginne bereits durch Abschottungsbestrebungen einer Gesellschaft, quasi einem Alleinlassen von Zuwanderern. Ob durch Benachteiligung oder Verdrängung an den gesellschaftlichen Rand, bis zur Demütigung von Geflüchteten.

So etwa der Fall, wenn diese von der Gesellschaft kulturell und religiös in eine Nische gedrängt und allesamt als homogene Gruppe gesehen würden, „obwohl sie sich selber nicht so sehen und so nicht fühlen - die Geflüchteten sind nicht alle gleich“, betonte Wagner.

"Nicht in blinden Aktivismus verfallen"

Kommt es dadurch zu einem Gefühl der Benachteiligung und fehlenden Perspektiven, kann dies den Weg zum Extremismus öffnen. Es mache die Betroffenen empfänglich für Annäherung von extremistischen Gruppen und deren Ideologien. Versprechen diese doch die entstandene Lücke zu füllen, ein Gefühl der Zugehörigkeit und Anerkennung, eine Identifikation. „Das setzt dem Gefühl alleine gelassen zu werden, der Angst, etwas entgegen und macht plötzlich wieder Hoffnung“, befand Wagner.

Es folge die gezielte Abschottung und Isolation. Die Gruppe orientiere sich ausschließlich innerhalb der eigenen Gemeinschaft, werte fremde Gruppen ab, legitimiere damit die Gewalt gegen diese Fremden, gegen „die Anderen“. Dann können im Umkehrschluss regressive Maßnahmen der Polizei zum Teil ins Leere laufen. So geschehen bei dem Terroranschlag in London: Die Täter trugen falsche Sprengstoffgürtel, um einerseits weitere Panik zu verbreiten, doch dem Anschein nach ebenfalls, um den Märtyrertod zu sterben. „Sie wollten erschossen werden“, so Wagner.

Um gegen Terror vorzugehen, dürfe man indes „nicht in blinden Aktivismus verfallen“. Das in heutiger Zeit auf Aggression zunehmend schneller mit Regression und „fast reflexartig“ mit der Forderung nach Ausreise reagiert werde. „Das alleine reicht und funktioniert nicht überall“, betonte der Präventionsforscher. Regressive Ansätze der Staatsgewalt seien angemessen, aber nicht alleiniges Mittel gegen Extremismus.

Vielmehr gelte es, den beschriebenen extremistischen Kreislauf von vornherein zu unterbrechen, das Weltbild potenzieller Täter zu verändern und mit Identifikation zu begegnen, so Wagner. Prävention sei hierbei das Mittel der Wahl.

Präventive Maßnahmen sollten möglichst früh an den Grundproblemen ansetzen. Angefangen bei der Betreuung von Geflüchteten vor Ort, bei Teilhabe und Identifikationsmöglichkeiten mit der neuen Gesellschaft. Methoden, die präventiv wirken und somit eine mögliche Extremisierung bereits im Keim ersticken könnten. Als ein Beispiel nannte Wagner die Vermeidung von Ghettoisierung der Geflüchteten. Dort und andernorts setze eine frühe, langfristig erfolgreiche Integration an.

Vielfalt und Konflikt machen freie Gesellschaften aus

Hierzu sprach Wagner über einen teils falsch verstandenen Begriff von Integration. Im umgangssprachlichen Gebrauch werde Integration eigentlich mit Anpassung assoziiert, also ein komplettes „sich anpassen an die Gesellschaft“. Eine solche einseitige Integration lasse dabei jedoch keinen Raum für eigene, kulturelle Besonderheiten von Einwanderern.

Die Forderung nach Anpassung sei in manchen Bereichen zwar angemessen, etwa bei kompromisslosen Themen wie dem Grundgesetz, Menschenrechten und Gleichberechtigung - „da gibt es nichts zu diskutieren“. In anderen Bereichen sieht der Sozialpsychologe dagegen Spielräume, die Raum für Kompromisse und Diskussionen ließen. „Man sollte eigene Werte, Bräuche und die eigene Religion pflegen können, solange diese mit dem Grundgesetz vereinbar sind“, so Wagner. Eine Gesellschaft müsse nicht alle Verhaltensweisen vereinheitlichen, um weiter zu bestehen: Mache doch gerade die Vielfalt und ebenso der demokratische Umgang mit damit einher-­gehenden Konflikten eine freie Gesellschaft aus.

„Wir müssen aushalten, dass manche Gruppen merkwürdige Überzeugungen haben, solange sie nichts anstellen“, gab Wagner zu bedenken. Er bezog sich dabei auf eine Diskussion über wachsende Gruppierungen, wie der „Identitären Bewegung“ oder der Reichsbürgerbewegung.

Auch hierbei werde häufig vorschnell geurteilt, „wir belegen bestimmte Gruppen zu schnell mit einem Extremismusbegriff“. Die Grenze dieser Toleranz liege dabei beim Einsatz von Gewalt - „als klares Kriterium zum Eingreifen der Staatsgewalt“. Nicht jedoch bei bloßem Verdacht, warnte er vor einer „Präventionshast“.

Solange sich die Ausübung differenter Lebens- und Verhaltensweisen mit geltendem Recht vereinbaren lasse, müsse man schon ein wenig streiten können - „aber demokratisch streiten“, so Wagner. Aus dieser Perspektive könne Integration eine gegenseitige Annäherung bedeuten, „in der die ‚alten‘ Kulturstandards sehr wohl Platz finden“.

Sein Fazit: „Wer sich mit einer Gesellschaft identifizieren und ihre Regeln und Normen beachten soll, muss entsprechende Identifikations- und Partizipationsangebote bekommen. Das Fehlen dieser Angebote fördere die Gewalt. Wagner meint: „Wenn die Gesellschaft es nicht schafft diese Identifikation herzustellen, haben andere dazu die Möglichkeit, etwa extremistische Gruppen.“

Der Forscher sprach sich generell für „eine richtige Debatte“ über die Auslegung des Integrationsbegriffs aus, unter Beteiligung aller. „Das ist dringend notwendig und kann zu einer gesunden Weiterentwicklung unserer Gesellschaft beitragen“.

von Ina Tannert

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