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"Inklusion ist ein Sparmodell"

Thema Grundschulunterricht "Inklusion ist ein Sparmodell"

Zu viele Stunden, zu viele Schüler pro Klasse, jetzt auch noch Inklusion und die Beschulung von Flüchtlingen. Gerade an Grundschulen klagenLehrer immer häufiger über die steigendeArbeitsbelastung.

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Eine Gruppe von Grundschülern mit ihren Tornistern.

Quelle: Arne Dedert

Marburg. Grundschullehrer zu sein - für viele ist das nicht nur ein Beruf, sondern eine Berufung. Aktuell jedoch sei es ein „sehr unattraktiver Job“, sagt Joana Becker, vom Kreisverband Marburg-Biedenkopf der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). „Wir haben diesen Beruf nicht ergriffen, weil es uns um Geld oder wenig Arbeit geht“, führt sie aus. Eigentlich seien die Grundschullehrer eher zurückhaltend, doch inzwischen sei „die Not so groß geworden“, dass immer mehr Stimmen laut werden, die sich gegen ein „Weiter so“ in der hessischen Schulpolitik erheben.

Was ist der Grund dafür? Schon seit langem sei die Arbeitsbelastung für die Lehrer enorm gestiegen, berichtet Maria Jacobsohn aus dem Leitungsteam des GEW-Kreisverbandes. Stunden für zusätzliche Aufgaben, würden nicht durch neues Personal ausgeglichen, bildungspolitische Entscheidungen wie etwa die Ganztagsschule führten aber zu deutlich höherem Aufwand. Zudem sei seit einigen Jahren absehbar, dass die Schülerzahl wieder steigt - die Geburtenraten würden schließlich im Voraus darüber Aufschluss geben.

Zu der ohnehin angespannten Situation kommen zwei Entwicklungen, die aktuell für eine besondere Mehrbelastung sorgen. Zum einen die Herausforderung der Inklusion von Kindern mit besonderem Förderbedarf. Zum anderen die Beschulung von Flüchtlingen, die durch die große Flüchtlingswelle im Jahr 2015 hinzugekommen sind. Zwei Schülergruppen, die eine spezielle Aufmerksamkeit benötigen und den Lehrern eine Menge Arbeit bescheren.

„Jede Stunde müsste doppelt besetzt sein“

Für Aufsehen sorgte in den vergangenen Monaten vor allem die Situation in Frankfurt und Südhessen - in Brandbriefen an das Kultusministerium erklärten Lehrer dort, dass die Situation nicht mehr tragbar und die Lehrer überfordert seien. Doch nicht nur - wie man vermuten könnte - in den sozialen Brennpunkten sei die Lage so.

„Das ist ein grundsätzliches und hessenweites Problem. Und zwar flächendeckend - da macht es gar keinen großen Unterschied, wo die Schule liegt“, sagt Becker. Innerhalb des Landkreises, aber auch bei Treffen mit GEW-Vertretern aus anderen Regionen sei der Tenor immer derselbe.

„Die Idee der Inklusion will ich gar nicht kritisieren, das finde ich grundsätzlich gut“, sagt Becker. Voraussetzung sei aber, dass entsprechende finanzielle Mittel und mehr Personal zur Verfügung stünden. „Man kann nicht einfach sagen, wir machen das, aber wir Lehrer kriegen nicht mehr Ressourcen dafür“, so Becker. Bei einer Klassengröße von 25 Schülern, sei inklusive Beschulung schwer umzusetzen.

Zwar „störe“ ein behindertes Kind nicht im Unterrichtsablauf, doch könne eine Lehrperson alleine nicht auf die ­individuellen Bedürfnisse der Kinder eingehen. Außerdem ­gebe es auch die Kategorie „verhaltensauffällig“ nicht mehr, so dass viele Schüler, die früher auf Förderschulen gingen, nun gar nicht mehr einen „Förderstatus“ erhielten, der Doppelbesetzung möglich machte.

„Eigentlich müsste jede Unterrichtsstunde doppelt besetzt sein, mit einer weiteren (Förderschul-)Lehrkraft zur Unterstützung“, so Becker weiter. Auf Förderschulen seien die Klassen deutlich kleiner gewesen - für das Land also teurer als jetzt. „Im Grunde“, erklärt Becker, „ist die Inklusion in der jetzigen Form ein Sparmodell“.

Flüchtlinge werden im ersten Jahr ihres Schulbesuchs noch nicht in den normalen Klassen unterrichtet. Doch der Unterricht in den Intensivklassen bedarf eines besonderen Aufwandes. „Diese Schüler brauchen viel mehr Zuwendung als andere“, sagt Jacobsohn.

Einige seien traumatisiert, dazu kämen verschiedene Kulturen und Sprachen. „Bei uns gibt es zum Beispiel eine Klasse mit 18 Schülern - da kommt jeder von woanders her“. Zum Teil seien die Schüler - aufgrund ihrer Herkunft - „verfeindet“. Schon innerhalb der Intensivklassen sei es daher schwierig, überhaupt einen Unterricht zu ermöglichen. Ganz zu schweigen von der Eingliederung in die Regelklassen. Anstrengend seien auch die Elterngespräche, die oft nur mit einem Dolmetscher geführt werden könnten. „Die Stunden, die wir für die Flüchtlingsklassen aufwenden, fehlen woanders“, sagt Becker.

Forderung nach mehrLohn als Anerkennung

Zunehmend mache sich ein Gefühl des „Ausgebrannt seins“ breit. „Wenn man abends nach Hause kommt, fühlt es sich anders an. Man merkt dann einfach, dass die Belastung eine andere ist, als früher“, sagt Becker, die selbst nur eine reduzierte Stelle hat. „Wir haben es mit großen Klassen mit extremer Heterogenität zu tun. Da ist es einfach schwierig, den Überblick zu behalten und die Gruppe zu koordinieren“. Diese „nervliche und körperliche Belastung“ führe dazu, dass eine Reihe von Kollegen ebenfalls auf eine 60- oder 80-Prozent-Stelle runtergingen oder früher aufhörten.

„Ich bin selbst seit 30 Jahren im Schuldienst - in der Belastung ist es ein extremer Unterschied zu früher“, sagt Jacobsohn. Die GEW fordert daher mehr Personal, aber auch bessere Bezahlung, um entsprechenden Nachwuchs überhaupt finden zu können. „Es geht nicht gegen andere Lehrergruppen. Aber in der Grundschule wird die Grundlage für alles gelegt“, sagt Becker. „Es kann nicht sein, dass wir dafür die wenigste Anerkennung bekommen“. Am 13. November jedes Jahres sei der Tag erreicht, ab dem Grundschullehrer im Vergleich zu anderen quasi umsonst arbeiteten - dazu soll es an diesem Datum eine groß angelegte Protestaktion geben. Die Forderung der GEW: Eingruppierung in die Gehaltsklasse A13, so wie die Kollegen an weiterführenden Schulen.

von Peter Gassner

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