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„Im Herzen auf ein Wunder gehofft“

Schwangerschaftsabbruch „Im Herzen auf ein Wunder gehofft“

Julia W.* hat ihre Schwangerschaft abgebrochen, weil ihr Kind höchstwahrscheinlich nicht lebend zur Welt gekommen wäre. ­Ihre Geschichte erzählt sie im OP-Gespräch.

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Eine Betroffene berichtete der OP über ihren Schwangerschaftsabbruch.

Quelle: Collage: Nicola Ohlen

Marburg. Als Julia W.* 2013 ihre Schwangerschaft abbrach, ging sie zu der Gießener Ärztin Kristina Hänel. Vor wenigen Wochen unterschrieb sie im Internet ­eine Petition von Hänel an den Bundestag (siehe Kasten). Der Ärztin wird von der Gießener Staatsanwaltschaft vorgeworfen, „Werbung“ für Schwangerschaftsabbruch zu machen.

Julia W. fand das absurd, die Information auf der Webseite der Ärztin als Werbung zu werten. Sie wandte sich an die OP, um ihre Geschichte zu erzählen. Denn die hätte ohne diese Information auch anders verlaufen können.

Julia W. ist bei dem Gespräch aufgeregt. Sie spricht langsam, gefasst, in überlegten Worten. Was sie erzählt, wird hier in Form ­eines Protokolls aus ihrer Perspektive wiedergegeben:

„Als ich erfahren habe, dass ich zum zweiten Mal schwanger bin, war mein erstes Kind ein Jahr alt. Ich hatte gerade eine neue Stelle angetreten. Mein Mann und ich wollten gerne ein zweites Kind. Beim ersten Termin, in der sechsten Woche, sah alles gut aus.

In der elften Woche, beim zweiten Termin, haben mein Mann und ich sofort schon selbst auf dem Ultraschallbild gesehen, dass etwas nicht stimmte. Wo sich später das Rückenmark bildet, in der Nackenfalte, war ein Streifen, fast ein Viertel so breit wie der ganze Körper. Außerdem war der Kopf seltsam geformt. Das deutete auf eine schwere Behinderung hin.

Ich hatte das Gefühl, die Ärztin war überfordert mit der Situation. Das Kind hatte nicht einfach nur eine leichte Behinderung. Es war schnell klar, dass es mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht lebend zur Welt kommen oder gleich nach der Geburt sterben würde. Das war ein Szenario, dem wir als Eltern eines einjährigen Kindes nicht gewachsen gewesen wären. Ich war ­geschockt und traurig.

Mit den Konsequenzen allein gelassen

Ich hatte damals noch Hoffnung, dass die Chance besteht, dass das Kind überlebt. Ich wusste rational, dass es eigentlich keine gibt, aber im Herzen habe ich immer noch auf ein Wunder gehofft.
Die Ärztin schickte uns zu einem Kollegen, der das sogenannte Ersttrimester-Screening durchführt. Dabei wird aus der Größe der Nackenfalte und aus Blutwerten ermittelt, wie hoch die Wahrscheinlichkeit einer Behinderung ist.

Der Arzt sagte erst: ‚Ach, das wird schon alles nicht so schlimm sein‘, und verkaufte­ uns diesen Test. Er war eigentlich sinnlos, da das Ergebnis schon klar war. Obwohl der Arzt für diese Tests wirbt und sie rege anbietet, ließ er uns mit den Konsequenzen, einem möglichen Schwangerschaftsabbruch, allein.

Ich wollte nicht, dass weiter an ihm geforscht wird

Auch im Klinikum wurde unser Kind untersucht. Auch dort haben wir uns nach der Möglichkeit eines Abbruchs erkundigt. An den Satz, den wir hörten, kann ich mich noch sehr deutlich erinnern: ‚Da müssen Sie in eine Abbruchklinik‘. Klang für mich nach Müllhalde. Ich war entsetzt, dass das Klinikum alles Mögliche anbietet, aber keine Schwangerschaftsabbrüche.

Zu dem Zeitpunkt hatte­ ich schon eine enge Beziehung zu dem Kind. Bei der ­Untersuchung in der sechsten Schwangerschaftswoche hatte­ ich das Herz schlagen sehen. Ab dann entwickelte ich Gefühle. Irgendwann wollte ich nicht mehr, dass weiter an dem Kind herumgeforscht wird. Die ­Untersuchungen haben nicht geholfen, nichts geändert. Ich wollte auch nicht mehr wissen, was es genau hat. Es war einfach unser Kind.

Ich habe mich gefühlt, als wollte ich Drogen kaufen

Bei Profamilia hatte ich eine Beratung und habe danach eine Bescheinigung bekommen, dass ich über Methoden und Folgen eines Schwangerschaftsabbruchs aufgeklärt wurde. Profamilia nannte mir einen Arzt in Marburg, der aber Terminschwierigkeiten hatte. Am Donnerstag lief die Frist mit der 14. Woche ab (siehe Kasten). Am Montag suchten wir im Internet nach einem Arzt.

Mit einer medizinischen Indikation­ kann man auch später noch die Schwangerschaft abbrechen. Aber man kann die Entscheidung dann nicht mehr selbst treffen. Ich hatte im Klinikum nicht das Gefühl, dass ich mich auf die Ärzte verlassen kann. Deshalb wollte ich nicht warten.

Bei der Recherche im Internet habe ich mich gefühlt, als wollte ich Drogen kaufen. Letztlich sind wir auf die Webseite von Frau Hänel gekommen. Sie sagte mir am Telefon, ich könne ­sofort nach Gießen kommen.
Bei ihr hatte ich das erste Mal das Gefühl, dass jemand meine Situation versteht. Die Dringlichkeit, und dass ich sehr traurig darüber war, dass ich mein Kind nicht bekommen kann. Bei Frau Hänel gab es einen respektvollen Rahmen. Ich kann mir nicht vorstellen, dass das woanders möglich gewesen wäre.

Hintergrund

  • Schwangerschaftsabbruch: Bis zur 14. Schwangerschaftswoche, zwölf Wochen nach der Empfängnis, ist es zulässig, eine Schwangerschaft abzubrechen. Mit einer medizinischen Indikation, die von einem Arzt festgestellt werden kann, ist der Abbruch auch darüber hinaus noch legal. Dazu gehört unter anderem die „Gefahr einer schwerwiegenden Beeinträchtigung des körperlichen oder seelischen Gesundheitszustandes der Schwangeren“ (Paragraph 218a des Strafgesetzbuchs).
  • Kristina Hänel: Der Gießener Ärztin wird Werbung für Schwangerschaftsabbruch vorgeworfen, weil sie auf ihrer Webseite dieses Angebot ihrer Praxis aufführt. Die Gießener Staatsanwaltschaft hat Anklage gegen sie erhoben, am Freitag, 24. November, um 10 Uhr beginnt das Verfahren. Im Strafgesetzbuch heißt es in Paragraph 219a des Strafgesetzbuchs: „Wer öffentlich […] eigene […] Dienste zur Vornahme […] eines Schwangerschaftsabbruchs […] anbietet, ankündigt, anpreist oder Erklärungen solchen Inhalts bekannt gibt, wird mit Freiheitsstrafe bis zu zwei Jahren oder mit Geldstrafe bestraft.“ Hänel, die nach Angaben der Gießener Allgemeinen Zeitung bereit ist, durch alle Instanzen zu ­gehen, hat eine Petition an den Deutschen Bundestag gestellt. Titel: „Informationsrecht für Frauen zum Schwangerschaftsabbruch.“ Gestern Abend hatte sie rund 71 000 Unterschriften.

Sie hatte mir zu einer Vollnarkose geraten, damit ich keine schlimmen Erinnerungen habe, wenn ich noch mal schwanger werde. Wenn ich einmal ein totes Kind bekommen hätte, wäre ich danach wahrscheinlich so fertig gewesen, dass ich nicht weiß, ob ich noch ein zweites Kind bekommen wollte. Ich konnte mir danach das Kind angucken und es berühren, mich von ihm verabschieden.

Mehr Aufklärung über Schwangerschaftsabbrüche

Inzwischen haben wir auch ein zweites Kind. Ich finde es wichtig, dass Frauen sich vernünftig informieren können, nicht erst in der Schwangerschaftskonfliktberatung. Es gibt viele Seiten im Internet mit irreführenden Informationen über Schwangerschaftsabbrüche und deren mögliche Folgen, die zum Teil nur dazu da sind, die Frauen zu diffamieren.

Deshalb würde ich mir wünschen, dass Gynäkologen und Hebammen auch über Schwangerschaftsabbrüche aufklären. In jeder gynäkologischen Praxis gibt es so viele Flyer zu allen möglichen Themen. Da könnte es auch einen Flyer zu Schwangerschaftsabbrüchen geben, wegen mir auch ganz links unten in der Ecke.

Ich hatte damals das Glück, dass mein Mann und meine Eltern mich unterstützt haben. Als ich in meinem Freundeskreis darüber gesprochen habe, kam heraus, dass die eine oder andere auch einen Abbruch hatte oder jemanden mit der gleichen Erfahrung kennt. Ich finde, es ist nicht mein Recht, über die Situation von anderen zu urteilen. Die Frauen, die ich kenne, hatten alle ihre sehr guten Gründe für den Schwangerschaftsabbruch. Daran zu denken, dass ich ein Kind in mir habe, das höchstwahrscheinlich in den nächsten Monaten sterben wird, war ein Zustand, in dem ich nicht lange bleiben konnte, auch weil ich schon für ein kleines Kind verantwortlich war.

Keine Unterstützung bei der Trauerbewältigung

Ich hätte aber gerne mehr Zeit für die Entscheidung gehabt. Durch die gesetzliche Frist musste ich sie damals auch aus der Angst heraus treffen, dass es später nicht mehr möglich sein könnte. Ich hätte gerne in Ruhe von meinem Kind Abschied genommen.

Ich finde es wirklich absurd, dass Ärzte – teilweise für viel Geld – Pränataldiagnostik durchführen, sogar dafür werben, aber die Frauen dann mit den Ergebnissen allein lassen. Ich finde es auch schlimm, dass Medizinstudierende häufig nicht lernen, wie Schwangerschaftsabbrüche ordentlich durchgeführt werden.

Die Tabuisierung des Themas hat dazu geführt, dass ich mit der Verarbeitung der Trauer alleine war. Es gibt kaum Möglichkeiten, sich darüber auszutauschen, ich kenne keine Betroffeneninitiativen.
Wenn ich heute darüber spreche, sage ich, ich habe mein Kind verloren. Ich sage nicht, dass ich einen Schwangerschaftsabbruch hatte, weil ich Angst habe, dafür verurteilt zu werden.“

von Freya Altmüller

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