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Gedankenverloren mit 54 in der 30er Zone

Zwischenbilanz des Speed-Marathons Gedankenverloren mit 54 in der 30er Zone

„Flash“ – Wer am Mittwoch das Gaspedal unbeeindruckt durchdrückte und die Tachonadel mehr als erlaubt nach oben schnellen ließ, hatte gute Chancen auf ein kostspieliges Speedmarathon-Erinnerungsfoto. 

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Blitz-Marathon im Wehrdaer Weg. Dort darf eigentlich nur 30 ­gefahren werden.

Quelle: Tobias Hirsch

Marburg. Dieses Mal lag der Schwerpunkt klar im Ostkreis. Dort hatte die Polizei im Vorfeld des Aktionstages gleich elf Kontrollpunkte veröffentlicht. In Marburg ließe es sich hingegen ganz entspannt fahren, es sei denn, man war ab Nachmittag im Wehrdaer Weg unterwegs, in dem Tempo 30 gilt. Dort löste der Blitzer immer wieder aus.  Kawumm, das Messgerät zeigt 54 „Sachen“ an. Das sind 24 Stundenkilometer zu viel. Das sind satte 80 Euro und ein Punkt.

Standpunkt

Alles andere als eine Showeinlage

Die Gewerkschaft der Polizei bezeichnet den Blitz-Marathon gegen Raser als eine „mediale Showeinlage“. Was soll dieses ebenfalls über die Medien verbreitete Störfeuer denn nun? Die Botschaft des Blitzmarathons ist von der Polizei klar und deutlich in die Öffentlichkeit getragen worden. Es geht darum Aufmerksamkeit zu schaffen, aber doch nicht um eine Show. Es geht darum, Rasern in Tempolimit-Zonen auf Bundes- und Landesstraßen, aber auch in Tempo-30-Zonen zu verdeutlichen, dass sie etwas falsch machen. Und diese Methode, es mit Ansage zu tun, sogar noch zu sagen, wo die Blitzer zu erwarten sind, ist mehr als fair.

Nichts ist schwerer, als Autofahrern beizubringen, dass Schilder, die ein Tempolimit zeigen, ihren Sinn haben. Weiß es doch jeder gute Autofahrer besser, glaubt immer und ständig seinen Wagen im Griff zu haben. Mag ja alles jahrelang oder auch immer für den einzelnen gut gehen, aber die Ergebnisse der Unfallstatistik zeigen Jahr für Jahr auf, dass irgendwo ständig diese Serien des Gutgehens reißen. Mit fatalen Folgen. Und wenn etwas passiert, das zeigt die Statistik unmissverständlich, entscheidet in erster Linie die Geschwindigkeit über die Schwere der Verletzungen, über ein Restleben im Rollstuhl oder einen zu frühen Tod.

Wenn nur ein Autofahrer am Tag des Blitzermarathons für sich entscheidet, künftig mehr Verantwortung zu übernehmen und sich vornimmt den Schildern mehr Beachtung zu schenken, hat sich der ganze Aufwand schon gelohnt. Auch wenn für den Aktionstag Überstunden anfallen sollten, liebe Gewerkschaft.

von Götz Schaub

Das seien noch Peanuts für den Wehrdaer Weg, heißt es. Nicht am Aktionstag, aber noch gar nicht lange her, wurde dort bei einer Kontrolle jemand mit 94 Sachen erwischt. Das sind 64 Stundenkilometer zu viel und kostet dann mal 480 Euro und zwei Punkte. Zudem erhält der Fahrer ein dreimonatiges Fahrverbot. Er mag es dann gelernt haben, dass die Schilder eine ­Bedeutung haben.

Die Top-Nachricht der Zwischenbilanz ist aber eine andere, eine positive: In Biedenkopf in der Hainstraße, an der Schule, wo es sonst eigentlich immer rot funkelt, wenn dort überprüft wird, blieb der Blitzer gestern im Zeitraum von zwei Stunden komplett ohne Beschäftigung. „Das macht Mut und ist ein deutliches Zeichen in Richtung mehr Verkehrssicherheit“, sagt Guido Ruhr, Sprecher des Polizei-Präsidiums Mittelhessen. Es geht als auch anders in einer 30er Zone. Zugegeben, der Wehrdaer Weg ist verdammt lang, verdammt gerade und verführt trotz seiner Engstellen zum schnelleren Fahren. Aber Schild ist Schild. Und die Zahlen, die da draufstehen sind bindend.

Korrektes  Verhalten, das andere nervt

Dazu ein Selbstversuch: Die Aufgabe ist denkbar simpel. Die Geschwindigkeit einfach konsequent nach den Schildern ausrichten. Nun, die Erfahrungen sind vielfältig, aber nach gut zwei Stunden empfindet man sich ehrlich gesagt nicht nur wie ein Verkehrshindernis, sondern wie ein böswilliger Verlangsamerer. Vor allem in Kreuzungsbereichen, wenn man von 100 auf 80 und dann auf 60 abbremst wie etwa auf der L 3048 von Fronhausen nach Heskem, liegen die Nerven der nachfolgenden Verkehrsteilnehmer schnell blank. Eine Lichthupe, ein entnervtes Überholen bei nächstbester Gelegenheit.

Die gefühlte drei-Minuten-Zeitstrafe wird ausgeglichen durch weiteres munteres Überholen, auch im Kreuzungsbereich und trotz durchgezogener Linie. Der Fahrer mag wegen der mega korrekten Fahrweise­ meinerseits genervt gewesen sein, aber jetzt zeigt er anderen Verkehrsteilnehmern gegenüber eine freche Rücksichtslosigkeit, zwingt die Kolonne hinter einem Traktor zum zusätzlichen Bremsen, damit er wieder einscheren kann. Dabei höre ich justament im Radio, dass von zehn Fußgängern, die von einem Auto, das 65 Stundenkilometer schnell ist, erfasst werden, acht sterben. Dass aber nach der Statistik acht von zehn überleben, wenn das Auto nur 15 Stundenkilometer langsamer, also nur 50 fährt.

Szenenwechsel. „Nicht schneller als 100“ steht an der B 62 deutlich zu lesen, die zwischen Kirchhain und Bürgeln dreispurig ausgebaut ist, mit wechselnden Überholspuren. Ich weiß, hier wird am Aktionstag irgendwo auf Höhe von Betziesdorf und auf Höhe von Niederwald geblitzt. Die Tachonadel bleibt konstant auf 100. Und Überraschung, Überraschung: Obwohl echt was los ist auf der Bahn, es kommt keiner von hinten angerauscht, alle fahren brav 100. Es geht also und alle kommen an ihr Ziel, ohne die Bekanntschaft mit einem Blitzer gemacht zu haben.    
In der nächsten Ausgabe dann die ausgewertete Bilanz des Aktionstages.

von Götz Schaub

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