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Fahrlässige Tötung: Prozess eingestellt

Geldstrafe für Angeklagten Fahrlässige Tötung: Prozess eingestellt

Vor drei Jahren waren zwei Jugendliche von einem Auto auf der Straße von Wolfshausen nach Roth erfasst worden. ­Einer wurde schwer verletzt, der andere starb. Das Verfahren gegen den Autofahrer wurde nun eingestellt.

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Der Angeklagte neben seinem Verteidiger im Amtsgericht Marburg.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Jedem von uns wäre das möglicherweise auch passiert“, sagte am Ende des Verfahrens ein Anwalt. Er vertrat den heute 19-jährigen Neben­kläger, der damals von dem ­Auto erfasst worden war und Brüche am Unterschenkel und Fuß erlitt. Heute leide er an einer fortschreitenden Arthrose, so der Student. Drei Mal sei er operiert worden.

Vor knapp drei Jahren, am 19. November 2014, war er im Kreisjugendheim in Wolfshausen auf Klassenfahrt. Er und seine Mitschüler besuchten die elfte Klasse einer Wetzlarer Schule. Nachdem jeder, wie der 19-Jährige vor Gericht angab, ein Bier in einem Hotel in Wolfshausen getrunken hatte, traten die Jugendlichen den Weg nach Roth an. „Weil das Bier im Hotel so teuer war“, wie ein anderer der Jugendlichen als ­Zeuge aussagte.

In dem Nachbarort wollten sie eine Kneipe finden. Mit Google Maps hätten sie sich den Weg gesucht, erklärten zwei der Jugendlichen. Sie wählten die Kreisstraße, die Wolfshausen und Roth verbindet und teils parallel zur B 3 verläuft. Zunächst seien sie in Zweiergruppen hintereinander am linken Wegrand gelaufen. Es war ungefähr halb neun Uhr abends und bereits dunkel.

Als zwei Autos sie passierten, liefen sie vermutlich noch in Zweiergruppen. Doch als das dritte Auto kam, waren sie im Laufe ihrer Gespräche in eine Reihe gewechselt. Die beiden Schüler rechts außen liefen ungefähr in der Mitte der Fahrbahn.

50 Meter weit auf der Motorhaube mitgerissen

Der 19-jährige Student habe das Auto möglicherweise noch bemerkt und sich zur Seite gedreht, so der Kfz-Sachverständige, den die Staatsanwaltschaft berufen hatte. Der linke Kotflügel erfasste ihn, der Jugendliche landete im Graben auf der linken Seite der Fahrbahn. Der andere hingegen wurde auf die Motorhaube geschleudert, prallte auf die Windschutzscheibe auf und wurde rund 50 Meter weit mitgerissen.

Schließlich blieb er auf der rechten Straßenseite auf einem Acker liegen. Dort starb der Jugendliche dann an den Folgen seiner schweren Verletzungen.

Mit rund 80 Kilometern pro Stunde sei das Fahrzeug von hinten gegen den Jugendlichen gefahren, so der Sachverständige. 100 Stundenkilometer sind dort erlaubt. Die Straße sei nass gewesen, sodass das Licht des Scheinwerfers gestreut wurde und damit für die Jugendlichen schlechter zu erkennen gewesen sei, so der Sachverständige. ­

Außerdem habe die gut befahrene B 3 für einen ständigen Geräuschpegel und sich ändernde Lichtverhältnisse gesorgt. Der Angeklagte hatte sein Fernlicht nicht angeschaltet, ergab die Untersuchung. Möglicherweise, um die auf der Bundesstraße entgegenkommenden Autos nicht zu blenden. Der Angeklagte selbst machte dazu keine Angaben. Nach Angaben des Sachverständigen habe er die Gruppe erst aus 20 Metern Entfernung sehen können.

Bei seiner Geschwindigkeit und einer angenommenen Reaktionszeit von 0,8 Sekunden habe er keine Gelegenheit mehr zum Bremsen gehabt. Ein Zeuge war kurz vor dem Unfall an den Jugendlichen vorbei gefahren. Er gab an, nur 50 Kilometer pro Stunde gefahren zu sein, weil es diesig war. Die Schüler habe er erst gesehen, als er sie passierte. Polizisten sagten hingegen, die Sichtverhältnisse ­seien normal gewesen.

Der Angeklagte wollte vor Gericht zunächst nichts sagen. Zu Beginn des Verfahrens, als noch ein anderer Richter zuständig war, war bereits angedacht, das Verfahren einzustellen und eine Geldstrafe zu erheben.

Angeklagter bricht erst spät sein Schweigen

Gestern sagte der Staatsan­walt, damals habe es auch einen „geständigen Angeklagten“ gegeben. Nun könne er sich wegen des Schweigens des Angeklagten eine solche Lösung nicht mehr vorstellen. Daraufhin brach der Beschuldigte sein Schweigen und erklärte, er habe sich auf den Rat seines Anwalts verlassen.

Auf den Vorwurf, nie das Wort an die Angehörigen und das Opfer gerichtet zu haben, sagte er: „Ich habe immer das Interesse gehabt, mein Bedauern auszudrücken.“ Er ­habe das Wort nicht an sie gerichtet, weil sein Anwalt ihm gesagt
habe, daraus werde häufig der Vorwurf abgeleitet, man wolle einen günstigen Ausgang für sich erreichen. „Darum geht es mir nicht“, sagte er mit brüchiger Stimme.

Innerhalb von sechs Monaten muss der 57-Jährige nun 5 600 Euro zahlen. Das Geld soll der Stiftung zur Vermeidung von Verkehrsopfern in Frankfurt zugutekommen.

von Freya Altmüller

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