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FDP lädt zum Sprung vom Zehner ein

Politik FDP lädt zum Sprung vom Zehner ein

Der Besuch des Spitzenkandidaten der Freien Demokraten, Christian Lindner, zog rund 500 Zuschauer in das Marburger Cineplex. Ihnen erklärte Lindner, was seine Partei "neu denken" will.

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FDP-Chef Christian Lindner stellte gestern zu Gast im Cineplex Marburg das Programm der Freien Demokraten vor.Foto: Nadine Weigel

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. Von der Kinoleinwand lächelt der FDP-Bundesvorsitzende Christian Lindner den 470 Menschen zu. Ein wenig eingedreht über die Schulter - fast wie ein Model in einer Anzugswerbung. Im Kontrast zum Schwarzweißfoto steht ein neonfarbener Schriftzug: „Manchmal muss ein ganzes Land vom Zehner springen.“ Auf die ­Gründe, warum sie mitspringen sollen, müssen die Zuschauer noch warten. Lindner ist noch nicht da.

Grund für die Verzögerung: die hessische Verkehrspolitik, erklärt Bettina Stark-Watzinger. Die Landesgeneralsekretärin und der Marburger Direktkandidat Hanke Bokelmann mussten nun wenige, für sie mühevoll lange Minuten überbrücken. Statt die Werbetrommel für die eigenen Kandidaturen zu rühren, berichteten sie vom Drachenbootrennen am vergangenen Wochenende. Stichpunktartig wurden die A 49, Radfahren in Marburg und der Verkauf des Marbuch-Verlags abgehandelt. Auf Publikumsfragen ließen sich die beiden kurz ein. „Aber nicht zu lange reden, Christian Lindner kommt doch gleich“, sagte Bokelmann. Und dann läuft der Spitzenkandidat endlich die Treppe hinunter und lässt die Atmosphäre wie ein Rockstar auf sich wirken.

Auf der Bühne angekommen zückt er das Smartphone, macht ein Selfie mit der Menge im Hintergrund und ist überwältigt vom vollen Kinosaal, wie er sagt. Im jungen Publikum sitzen wohl viele Erstwähler. Wahrscheinlich kamen einige gerade aus der Uni. Dass eine kleine Partei so viele Menschen anlockt, „das ist ein motivierendes Signal, für unser Comeback zu kämpfen“, sagt Lindner.

„Bei so viel Veränderung ist Stillstand die größte Gefahr“

Dann teilt der FDP-Chef aus: Das „Deutschland, in dem wir gut und gerne leben“, das der CDU, könne nicht einfach „weiter so“ machen. „Bei so viel Veränderung ist Stillstand die größte Gefahr“, warnt Lindner. Die gute wirtschaftliche Lage ermögliche es, das Land für die kommenden Jahrzehnte „fit zu machen“, ohne irgendwo den Rotstift anzusetzen. Den Gerechtigkeitsbegriff der SPD bezeichnet er als altes Denken. Schlichtes Umverteilen führe nicht zu mehr Gerechtigkeit. „Die eigentliche Gerechtigkeitsfrage ist, warum jedes Jahr 50000 junge Menschen ohne Abschluss die Schulen verlassen“, sagt Lindner. Und warum die Herkunft immer noch bestimme, wie viel Erfolg ein Mensch im Leben hat. Die einzige Lösung sei ein besseres Bildungssystem. „Zwei Prozent des Bruttoinlandsprodukts - so viel Geld kann noch nicht mal Ursula von der Leyen für Rüstung ausgeben. Stattdessen müssen wir bei den Bildungsausgaben ganz vorne mit dabei sein.“ Bildungsföderalismus sei nicht mehr Teil der Lösung, sondern das Problem. Die Bundesländer müssten sich nicht miteinander messen, sondern mit der Konkurrenz im Ausland.

Christian Lindner, der Bundesvorsitzende der FDP, war in Marburg zu Gast.

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Damit die Schere zwischen Arm und Reich nicht weiter auseinander gehe, müsse man mehr Menschen dabei helfen, „zu bescheidenem Wohlstand“ zu kommen. Stromsteuern und Solidaritätszuschlag ­sollten weg. Bei der Grunderwerbssteuer könnte sich die FDP einen Freibetrag von 250000 Euro vorstellen, wie er in Schleswig-Holstein und NRW in den Koalitionsverträgen steht. Eine eigene Immobilie sei ein guter Weg, Altersarmut zu vermeiden. „Es kann nicht sein, dass erst mehrere Monatseinkommen für Steuern draufgehen, bevor die Leute dann jahrelang ihre Wohnung abbezahlen“, sagt ­Lindner.

Google, Apple und Facebook hingegen wollen die Freien Demokraten in die Pflicht nehmen. Die Großkonzerne führen Milliardengewinne ein, ohne einen Beitrag zum Gemeinwohl zu leisten. „Bevor dieser Skandal nicht beendet ist, stehen Steuererhöhungen nicht zur Debatte.“ Insgesamt müssten die Systeme des Sozialstaats moderner und Bürokratie abgebaut werden. „Wir wollen Sie wieder machen lassen“, sagt Lindner.

Glasfasernetz soll dringend ausgebaut werden

Auch bei der Digitalisierung will die FDP „neu denken“ und Ängste nehmen. „Meine Angst ist, Digitalisierung findet überall statt, außer bei uns“, sagt Lindner. Das Glasfasernetz solle dringend weiter ausgebaut werden, andere Länder seien weit voraus. Die FDP schlägt außerdem ein Ministerium für Digitalisierung auf Bundesebene vor.

Auf Nachfrage aus dem Publikum erläutert Lindner die „roten Linien“ einer Regierungsbeteiligung: Massenüberwachung unbescholtener Bürger, Steuererhöhungen und mehr Bürokratie seien mit der FDP nicht zu machen. „Wir sind nach der Wahl in NRW nicht übergeschnappt. Immerhin haben rund 87 Prozent nicht FDP gewählt. Deshalb können wir auch nicht das gesamte Programm durchsetzen, aber dem ganzen eine Richtung geben, manche Projekte beginnen, andere verhindern.“

Ein Interview mit Christian Lindner lesen Sie in den kommenden Tagen in der OP und online.

von Philipp Lauer

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