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Enkeltrickser ganz cool ausgetrickst

Polizei ehrte wachsame Mitbürger Enkeltrickser ganz cool ausgetrickst

Am Donnerstag lud Bernd Paul, Polizeipräsident des Polizeipräsidiums Mittelhessen, zu einer besondern Feierstunde nach Gießen ein. Geehrt wurden Menschen, die bei Straftaten und Notsituationen nicht wegsahen.

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Polizeipräsident Bernd Paul (Mitte) und Jürgen Begere ehrten im Polizeipräsidium Mittelhessen in Gießen Margit Henning (links) sowie Helga Semrau, Henrik Leupold, Ulrike Helling und Horst Lenz.

Quelle: Michael Hoffsteter

Gießen. Margit Henning und Ulrike Helling, beide aus Bad Endbach, Horst Lenz aus Steffenberg, Helga Semrau aus Schweinsberg und Henrik Leupold aus Marburg – gleich fünf Bürger aus dem Landkreis Marburg-Biedenkopf halfen in jüngerer Vergangenheit nicht nur der Polizei bei der Aufklärung von Verbrechen, sie schritten auch selbst mutig ein. Somit­ ­gehörten sie zu insgesamt acht Personen, denen  Polizeipräsident Bernd Paul persönlich Dank aussprechen wollte. Auch vor dem Hintergrund andere Mitmenschen zu animieren, sich im Fall der Fälle ähnlich vorbildlich zu verhalten. „Wer sich nicht sicher ist, ob alles in Ordnung ist, sollte immer die Polizei rufen. Lieber einmal zu viel als einmal zu ­wenig“, stellte Paul heraus.

Margit Henning verließ sich auf ihren Instinkt. Sie sah, während sie ihren Beruf in Gladenbach ausübte, einen 13-jährigen Jungen aus ihrer Nachbarschaft, dessen Verhalten ihr komisch vorkam. Und richtig, der Junge befand sich in einer Notsituation, er war gerade Opfer eines Raubüberfalls, Nicht weit von ihm entfernt hielten sich drei ältere Jugendliche auf, die ihn bedrängt und mit einem Messer bedrohten und so Geld erpressen wollten. Henning rettete den Jungen dadurch, dass sie mit ihrem Fahrzeug anhielt und ihn aufforderte einzusteigen. Die drei anderen fotografierte sie auch noch, so dass die Polizei schnell handeln konnte. Der Haupttäter, so Bernd Paul, war in diesem Jahr schon viermal aufgefallen.

Henrik Leupold aus Marburg  hatte auch einen Blick für einen ungewöhnlichen Vorgang auf der Straße. Der junge Familien­vater saß mit seiner Frau an einem Samstag im Oktober 2016 gerade am  Frühstückstisch. Es war gegen acht Uhr, als sie Schreie wahrnahmen. Als er an ein Fenster des mehrstöckigen Hauses trat, sah er einen Mann, der auf eine am Boden liegende Frau einschlug und eintrat. Er rief und rannte sofort los, um der Frau, die zudem schwanger war, zu helfen. Der Angreifer lief sofort davon.

Auch hier handelte es sich um einen Raubüberfall. Der Mann wollte der Frau die Handtasche entreißen, die diese aber möglicherweise unter Schock stehend krampfhaft festhielt. Das veranlasste den Mann offenbar dazu, brutal auf die Frau einzuschlagen. Allein, dass Leupold reagierte, rettete die Frau aus dieser durchaus lebensgefährlichen Situation. Der Mann griff später eine weitere Frau mit einem Stein an, konnte dann aber dingfest gemacht werden. „Er sitzt seither in Untersuchungshaft“, informierte Paul.

Unbekannte allein auf dem Nachbargrundstück

Horst Lenz ist nicht nur Bürger, er ist auch Profi, nämlich ein Polizist im Ruhestand. Und seine Berufserfahrung ließ ihn misstrauisch werden, als er am 1. August vergangenen Jahres um die Mittagszeit zwei Männer auf dem Grundstück seiner Nachbarn wahrnahm. „Es wird tagsüber weit mehr als nachts eingebrochen, das beweisen auch die Statistiken“, sagt er gegenüber der OP. Also schaute er lieber mal nach. Lieber einmal zu viel, als einmal zu wenig. Und tatsächlich, auf der Rückseite des Hauses war die Kellertür aufgebrochen.

Die Täter waren noch nicht lange weg, kurzentschlossen setzte er sich auf ein greifbares Damenfahrrad und fuhr die Straße hinunter und dann ganz harmlos an zwei Männern vorbei, die gerade an ihrem Auto standen. Äußerlich ganz cool arbeitete es doch in Lenz. Er merkte sich den Autotyp und das Nummerschild, rief kurze Zeit später die Polizei an.

„So konnten wir die Einbrecher festnehmen“, sagt Bernd Paul. Er geht davon aus, dass dadurch weitere Einbrüche verhindert wurden. Die beiden ­jeweils 27-Jährigen waren aus Litauen eingereist und wohl nur zum Zwecke, Einbrüche zu begehen. „Es gibt viele reisende Einbrecher. Das macht es den Ermittlern besonders schwer, Taten jemanden zuzuordnen. Paul warb in diesem Zusammenhang dafür, dass Nachbarn durchaus auch immer mal einen Blick auf die umliegenden Grundstücke und Häuser haben sollten, insbesondere, wenn die Hausbewohner nicht anwesend sind.

Dann waren da noch Ulrike Helling aus Bad Endbach und Helga Semrau aus Schweinsberg. Sie sollten beide Opfer des berüchtigten Enkeltricks werden. Beide erhielten einen ­Telefonanruf eines angeblichen Verwandten, der davon berichtete in einer finanziellen Notlage zu sein und deshalb kurzfristig um Geld bat. Nicht 50 Euro, 100 oder 1000, nein im Fall von Ulrike Helling waren es 18 000 Euro, bei Helga Semrau sollten es glatte 20 000 Euro sein. Beide Frauen, obgleich völlig unvorbereitet damit konfrontiert, merkten sofort, dass es darum gehen sollte, ihnen Geld abzunehmen. Beide gingen zum Schein auf die ihnen aufgetischte Geschichte ein, informierten aber sofort nach dem Telefonat über Handy die Polizei. Ulrike Helling war zum Zeitpunkt des Telefonats nicht alleine, ihre Tochter Michaela bekam alles mit und stand ihrer Mutter bei. „Ich habe die ganz senile Oma gespielt“, sagt Helling.

Die Anruferin fühlte sich sicher, rief dann praktisch im Zehn-Minuten-Takt an, um alles für eine Geldübergabe zu arrangieren, zu der sie „leider“ nicht selbst kommen könne. Sie gab aber an, jemand, eine vertrauenswürdige Person, schicken zu wollen. Diese Person sitzt jetzt im Gefängnis. Sie erhielt zwei Jahre ohne Bewährung, informierte der Poli­zeipräsident. Über die Anruferin wurde ­indessen nicht viel ­
bekannt, außer dass die Anrufe aus Polen getätigt wurden.

Bei Helga Semrau dauerte die ganze Sache viereinhalb Stunden. „Ich wusste sofort, dass es sich hier um den Enkeltrick handelte“, sagt sie. Denn die Anruferin nannte sie „Tantchen“. Und so nennt sie in der ganzen Verwandtschaft niemand. Sie aber ging drauf ein und entgegnete der Frage „Weißt du wer hier ist?“ ganz locker mit „Susanne, bist du das?“ Und tatsächlich, die Anruferin gab sich als Susanne zu erkennen.

Vorgegaukelte Seriosität: Anwalt und Bänker rufen an  

Ab da gab es unzählige Anrufe, auch von einem angeblichen Rechtsanwalt und einem angeblichen Mitarbeiter einer Bank. Alles nur, um der ganzen Sache die größtmögliche Seriosität zu verleihen. Sie wurde sogar aufgefordert, die Seriennummern der Scheine durchzugeben. Zwei Beamte der Kriminalpolizei waren zwischenzeitlich bei ihr eingetroffen und unterstützten sie lautlos mit diversen Anweisungen während der Telefonate. Auch in diesem Fall  wurde der Geldabholer von der Polizei gestellt. Auch wenn Bernd Paul weiß, dass auch hier der Anrufer, der Urheber der Straftat, nicht gefasst werden konnte, setzt er darauf, dass noch mehr Menschen beim Enkeltrick so reagieren wie die beiden Frauen und nicht zögern, die Polizei einzuschalten. Die Realität sieht aber schon so aus, dass immer wieder ältere Menschen Opfer werden. Deshalb dürfe nie nachgelassen werden, den Enkeltrick in all seinen Variationen publik zu machen. Semrau betreibt auch Aufklärung. Sie ist in der Seniorenarbeit tätig und erzählt dort von ihrem Erlebnis.

Drei weitere Personen aus anderen Landkreisen wurden ebenfalls ausgezeichnet. Zwei dafür, dass sie bei Nötigungen, die in Handgemenge mündeten, einschritten und auch die Polizei alarmierten. Ein weiterer verhinderte als Fahrer eines Begleitfahrzeugs für Schwertransporte eine Geisterfahrt eines Mannes, der verkehrt abgebogen war. Wie sich später herausstellte hatte der verhinderte Geisterfahrer 3,0 Promille im Blut.

von Götz Schaub

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