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Einmal gucken kostet jetzt 100 Euro

Kreisweite Polizeikontrollen Einmal gucken kostet jetzt 100 Euro

Die Polizei hat gestern im ganzen Kreisgebiet den Verkehr kontrolliert. Vor allem auf Autofahrer, die sich während der Fahrt von elektronischen Geräten ablenken lassen, hatten es die Beamten abgesehen.

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Auch am Amöneburger Tor in Kirchhain kontrollierte die Polizei am Mittwochmorgen den Verkehr.

Quelle: Thorsten Richter

Marburg. Der Mann in dem grauen Audi lächelt. Gerade hat ihm ein Polizist 100 Euro Bußgeld und einen Punkt im Flensburger Fahreignungsregister aufgebrummt. „Sie haben ja recht“, sagt er und meint damit die Beamten, die ihn zu der Strafe verdonnert haben. Der Mann war in Kirchhain am Amöneburger Tor Richtung Marburg unterwegs, als er sich in seiner Musiksammlung auf seinem Mobiltelefon umsah. „Nur kurz geguckt“ habe er, sagt der Mann. Den Beamten ist das aber egal.

Die Polizei hat am Mittwoch an verschiedenen Orten im Landkreis den Verkehr kontrolliert. Mit dem Aktionstag wollen die Beamten auf die Gefahren aufmerksam machen, denen Autofahrer sich und andere aussetzen, wenn sie mit elektronischen Geräten hantieren. An insgesamt sechs Stationen beobachten die Polizisten den Verkehr und winken jeden an die Seite, der sich erwischen lässt.

„So geht das Geld ab“

„Ich verstehe das ja. Es ist ja für die Sicherheit“, sagt ein anderer Mann, der mit einem weißen Transporter unterwegs ist. Er wolle den Wagen gerade in eine Werkstatt bringen, sagt er. „Heute Morgen ist der Transporter kaputt gegangen und jetzt das noch. Der Tag könnte nicht schlechter anfangen.“ Er hatte während der Fahrt telefoniert. Auch ihn wird das 100 Euro und einen Punkt kosten.

„Ich arbeite, arbeite, arbeite. Und dann geht so das Geld ab“, schimpft er. Jetzt steht er am Straßenrand und schlägt wütend auf das Lenkrad. Während die Polizisten seine Daten aufnehmen, klingelt zweimal sein Telefon.

Thorsten Samsa kennt solche Reaktionen. Der Polizeihauptkommissar ist schon seit 16 Jahren im Dienst. Mittwochmorgen war er mit seinen Kollegen am Amöneburger Tor in Kirchhain bei der Arbeit. „Etwa die Hälfte derer, die wir mit einem Handy am Ohr erwischen, leugnen das“, sagt er. Und um Ausreden seien sie auch nicht verlegen.

„Einer hat mir mal gesagt, er hätte nicht telefoniert, sondern sich rasiert.“ Das Handy habe neben ihm auf dem Beifahrersitz gelegen, vom Rasierapparat fehlte jede Spur. Die häufigste Ausrede: Das Kind hat angerufen. Und vor allem Rechtsanwälte behaupteten gern, sie hätten das Telefon als Diktiergerät genutzt.

Sich rausreden bringt nichts

Zu versuchen, sich kreativ rauszureden oder den Vorwurf komplett abzustreiten, bringt aber nichts. Zwar haben die Beamten kein Foto als Beweis für den Fall, dass eine Anzeige­ vor Gericht verhandelt werden muss. Dafür aber einen Augenzeugen.

Ein Polizist steht bei den Kontrollen als eine Art Beobachtungsposten weiter vorn. „Der petzt per Funk“, sagt Samsa und erklärt, dass die Petze ganz genau sagt, was sie gesehen hat. „Hat mit rechter Hand Handy am rechten Ohr“, heißt es dann zum Beispiel. Genau diese konkreten Beschreibungen erhärten die Aussage des Beamten dann vor Gericht, wenn Aussage gegen Aussage steht.

Kaum ein Fall kippt

Vor Gericht gingen solche Fälle aber nur sehr selten, sagt Polizeioberkommissar Gregor Zylka. „Und von den wenigen Fällen, die vor Gericht landen, habe ich noch nicht einen einzigen kippen gesehen." Zylka hat Mittwochnachmittag in Gladenbach am Marktplatz den Verkehr kontrolliert. Lange warten muss er nicht. Dann haben seine Kollegen Veysi Simsek aus Lollar erwischt.

Der Paketfahrer ist mit seinem Transporter unterwegs und nutzt das Handy, um eine Adresse zu suchen. „100 Euro ist ein Hammer für einen Paketfahrer“, sagt der 26-Jährige. „Ich muss meine ganze Familie ernähren.“

"Beim Tippen bin ich raus"

Die Polizei geht davon aus, dass erheblich weniger Unfälle­ passieren würden, wenn die ­Autofahrer die Finger vom Handy lassen. „Beim Tippen bin ich einfach raus aus dem Verkehr“, sagt Thorsten Samsa. Solche Ablenkungen vervielfachten das Risiko eines Unfalls.

Laut der Polizeidirektion Marburg-Biedenkopf wurden bei der Aktion im Landkreis 88 Männer und Frauen mit Bußgeldern belegt, weil sie während der Fahrt nicht angeschnallt waren. 29 wurden zudem dabei erwischt, wie sie während der Fahrt ihr Handy benutzten. Unter den Verkehrssündern waren auch Fahrer von 40-Tonnern, die während der Fahrt mit ihrem Telefon interagierten. Der Fahrer eines Sprinters wurde vier Kilometer weit von der Polizei verfolgt, bis er die Beamten endlich bemerkte.

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