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Sprachbarrieren sind großes Hindernis

Ein Tag in einem Kindergarten Sprachbarrieren sind großes Hindernis

Sprachbarrieren, unterschiedliche Mentalitäten und fordernde Eltern. Wir begleiteten eine Erzieherin, die sich täglich diesen Herausforderungen stellt.

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Eltern verlangen viel von den Erzieherinnen ihrer Kinder in den Tageseinrichtungen. Neben den motorischen Fähigkeiten sollen die Kinder mit Migrationshintergrund perfekt deutsch lernen. Das bringt viele Einrichtungen an ihre Grenzen.

Quelle: pixabay

Landkreis. Um sieben Uhr morgens fängt die Frühschicht an. Die Erzieherin empfängt die ersten Kinder in einem Gruppenraum. Wir sind in einer Kindertagesstätte irgendwo im Landkreis, begleiten Jana Völkel den ganzen Tag. Ihr richtiger Name soll nicht in der Zeitung erscheinen. Sie hat Angst vor negativer Rückmeldung oder Beschimpfungen durch die Eltern. Es wäre nicht das erste Mal.

Eine Stunde später geht sie in ihre Marienkäfergruppe, wo bis um neun Uhr alle Kinder ihrer Gruppe eintrudeln. Wir nennen sie Henry, Hassan, Wassili, Ben, Bektas, Damian, Susanne, Alea, Kiara. Sie setzen sich an die Tische, puzzeln, malen oder spielen in der Bauecke. Bektas und Hassan laufen um die Tische. Ruhig aber bestimmt unterbindet Jana Völkel die Rennerei und erklärt: „Wenn ihr hier so schnell lauft, dann könnt ihr mit euren Füßen an den Stuhlbeinen hängen bleiben und stürzen.“ Das leuchtet den beiden Jungs ein. Die Erzieherin holt ein Brettspiel aus dem Regal und die beiden Vierjährigen sind erstmal wieder abgelenkt.

Ein kurzer Blick in die Runde, da öffnet sich die Tür und eine Kollegin kommt rein, stellt einige Fragen zur Weiterbildung, die von den Erzieherinnen vor Kurzem besucht wurde. Sofort schaltet Jana Völkel um und beantwortet diese, während Wassili nach ihrer Hand greift und ihr was sagen will. Der Junge aus Russland spricht kein Wort deutsch und versteht sie auch nicht. Seit zwei Monaten besucht er die Einrichtung. Seine Freundin, ebenfalls aus Russland, mit der er sich sonst tagsüber auf russisch verständigen kann, ist für zwei Monate bei ihrer Oma.

Kommentar

von Katja Peters
Jedem Kind soll ein Betreuungsplatz in einer Kindertagesstätte zustehen. Jeder Erzieherin sollen geregelte Arbeitszeiten, Weiterbildungen und angemessene Bezahlung zustehen. Da klafft derzeit aber eine große Lücke. Nicht nur, dass es nicht genug Plätze gibt – nein, die Betreuer sind am Ende mit ihren Kräften. Mehr Aufgaben, mehr Überstunden, mehr Herausforderungen. Viele Kinder mit drei Jahren sprechen gar nicht die Sprache der Erzieherin oder die der anderen Kinder. Ebenso ist ihnen ein normaler Tagesablauf gar nicht geläufig – ebenso manchen Eltern nicht, dass sie sich bei Festen der Tagesstätte mit einzubringen haben. Organisieren, Salat machen oder am Grill stehen? Fehlanzeige! Von den Erziehern wird einfach vorausgesetzt, dass sie all diese Aufgaben übernehmen. Schließlich zahlen die Eltern doch. ­Jedenfalls ist so die Herangehensweise mancher Erziehungsberechtigten. Die Politik macht trotzdem große Versprechen, ohne zu wissen, wie es an der Basis aussieht. Meine Idee wäre, bevor die Politiker zukünftig Gesetze ändern, sollten sie mal einige Stunden in einer Kindertagesstätte verbringen. Ohne roten Teppich, ohne Sektempfang. Nur einen einzigen Tag an der Seite derer, die die Zukunft unseres Landes erziehen.

„Anfangs habe ich mit ihm auf russisch gesprochen, damit er sich überhaupt zurecht finden konnte“, erzählt Jana Völkel, die ebenfalls gebürtig aus Russland ist. „Aber das löst ja nicht das Problem, dass die Kinder in unsere Einrichtung kommen und kein Wort deutsch sprechen. Dabei sprechen manche Eltern perfekt deutsch, weil sie auch schon hier geboren wurden.

Aber Zuhause mit der Familie wird dann eben nur türkisch, russisch oder polnisch gesprochen. Das verkompliziert unseren Alltag enorm.“  Das scheint aber Normalität zu sein. Jana Völkels Kita  ist ein Beispiel für viele Einrichtungen im Landkreis Marburg-Biedenkopf. Vor allem städtische Einrichtungen sehen sich mit dem hohen Migratenanteil konfrontiert und müssen reagieren. Mit eigenen Ideen, mit Übergangslösungen. Vorbereitet wurden sie auf diese Situation nach der Flüchtlingskrise in 2015 nicht. Weder mit Schulungen, noch mit mehr Personal.

Auf einmal fängt Jana Völkel an zu singen: „Es ist soweit, es ist soweit! Alle Kinder – es ist Aufräumzeit.“ Sofort fängt das große Aufräumen an. Puzzle, Spielzeug, Stifte, Scheren, Blätter – alles wird an seinen Platz ins Regal geräumt. Die Kinder, die die Sprache noch nicht richtig verstehen, schauen einfach was die anderen machen und fangen dann auch an aufzuräumen.

Damian, ein Vorschüler, bringt seinen kleinen Bruder wieder zurück in die Froschgruppe – wie ganz selbstverständlich. „Auch das ist uns wichtig. Die Großen passen auf die Kleinen auf, übernehmen Verantwortung“, erklärt Jana Völkel und fügt hinzu: „Wenn es mit der Verständigung bei den Eltern überhaupt nicht klappt, dann müssen auch schon mal die Kinder helfen.“ Dabei geht es manchmal um ganz banale Sachen wie die Bezahlung des Essengeldes oder das Mitbringen der „Matschehose“ oder dass der Zahnarzt in die Einrichtung kommt.

Nach dem Aufräumen sitzt jedes Kind auf seinem Platz. Das ist immer der gleiche – jedenfalls in der Marienkäfergruppe. Hier wird auch gemeinsam gefrühstückt. „Wir wollen damit der Schnelllebigkeit entgegen wirken“, so die Erzieherin. Seit Jahren erkennt sie, dass „viele Eltern keine Zeit haben oder sie sich nicht nehmen, um den Kindern eine Regelmäßigkeit vorzuleben, gerade bei den Mahlzeiten. Auch fehlt oft die Kommunikation zwischen Eltern und Kind.“  In den anderen Gruppen kann jedes Kind dann essen, wenn es Hunger hat. Nebenan am Tisch wird eben einfach weiter gespielt.

Ich zahlen – Du machen. Die Erwartungen sind hoch

Bevor die Brotdosen geöffnet werden dürfen, muss noch der Helferplan aktualisiert werden. Jeden Tag zieht ein Kind ein Bild aus einem Beutel. Heute zieht Henry seinen Namensvetter und Alea. Sie decken später die Tische, ihre Fotos werden an den Helferplan geheftet. Bektas und Hassan helfen beim Tische abwischen und abtrocknen. Ein Blick aus dem Fenster und die Kinder beschreiben das momentane Wetter. „Viele Wolken“, ruft Kiara und Jana Völkel klebt die Wolke an den Helferplan.

Während Henry und Alea nun den Tisch decken, gehen die anderen Kinder auf die Toilette zum Hände waschen – unbeaufsichtigt. Wenn die Kinder zu lange weg bleiben, dann weiß Jana Völkel schon, was passiert ist. Das Badezimmer steht unter Wasser oder die Kinder spielen in den Räumen.

Heute klappt alles problemlos. Als sie zurück kommen stehen schon die Tischlaternen, Teller und  Tassen an ihren Plätzen. Aus den Taschen werden die Brotdosen geholt und die Pizza, das Bretzel, die Weißbrotstulle, Banane, Äpfel, Nüsse auf die Teller gelegt. Für einen kurzen Moment ist Ruhe in der Marienkäfergruppe. Jana Völkel setzt sich an ihren Tisch. Zusammen mit ihrer Kollegin, die nach dem Vorschulunterricht jetzt auch ein Auge auf die Kinder hat.

Hintergrund

137 Kindertagesstätten (ohne reine Krippen und Hort) zählen die Stadt Marburg und der gesamte Landkreis.
Amöneburg: drei Einrichtungen mit 248  Kindern. Angelburg: zwei Einrichtungen mit 115 Kindern. Bad Endbach: fünf Einrichtungen mit 335 Kindern. Biedenkopf: sieben Einrichtungen mit 540 Kindern.  Breidenbach: zwei Einrichtungen mit 315 Kindern. Cölbe: vier Einrichtungen mit 351 Kindern. Dautphetal: neun Einrichtungen mit 547 Kindern. Ebsdorfergrund: sechs Einrichtungen mit 309 Kindern. Fronhausen: zwei Einrichtungen mit 157 Kindern. Gladenbach: sechs Einrichtungen mit 440 Kindern. Kirchhain: elf Einrichtungen mit 644 Kindern. Lahntal: vier Einrichtungen mit 349 Kindern. Lohra: fünf Einrichtungen mit 252 Kindern. Marburg: 43 Einrichtungen mit 2.034 Kindern. Münchhausen: drei Einrichtungen mit 145 Kindern. Neustadt: drei Einrichtungen mit 307 Kindern. Rauschenberg: drei Einrichtungen mit 222 Kindern. Stadtallendorf: zehn Einrichtungen mit 692 Kindern. Steffenberg: zwei Einrichtungen mit 160 Kindern. Weimar: vier Einrichtungen mit 286 Kindern. Wetter: vier Einrichtungen mit 300 Kindern. Wohratal: zwei Einrichtungen mit 105 Kindern. Quellen: Landkreis Marburg-Biedenkopf und Stadt Marburg

Gerade hat diese von ihrem Brot abgebissen, da kommt Bektas und beschwert sich, dass Hassan ihn geärgert hat. Sie ermahnt den Jungen, doch er macht weiter. Kurzerhand beordert sie ihn direkt neben sich an den Tisch zu Alea, Henry und Wassili. Letzterer braucht noch Hilfe bei seiner Brotdose. Wortlos hält er diese hin.

Fast 70 Prozent der Kinder in der Einrichtung haben einen Migrationshintergrund. Das bedeutet Umstellungen beim Mittagessen und auch das Sommerfest erfordert eine große Flexibilität. Ein Extragrill für das Halālfleisch muss aufgebaut werden. „Die Erwartungen der Eltern sind sehr hoch. Sie erwarten, dass ihr Kind nach drei Jahren bei uns perfekt deutsch spricht und alle Fertigkeiten erlangt hat. Deren Mentalität ist: Ich zahlen – du machen. Sie geben viel Verantwortung an uns Erzieher ab“, so Jana Völkel, die betont, dass sie dieses Gehabe nicht nur von ausländischen Eltern kennt. „Es gibt auch viele Kinder mit deutschen Eltern, die Sprachprobleme haben, weil sie nur noch das ‚Fernsehdeutsch‘ kennen.“

Nach dem Frühstück gehen die Vorschulkinder in einen anderen Raum und üben weiter für die Schule. Beaufsichtigt werden sie von einer Kollegin. Die anderen „Marienkäfer“ stellen sich in einer Schlange auf. Henry ist der erste, er darf jemanden benennen, der sich hinter ihm einreiht. So geht es immer weiter.

Als „Eisenbahn“ geht die Marienkäfergruppe nun in den Sportraum und macht ein paar Bewegungsspiele. Früher hatte die Einrichtung dafür eine Fachkraft. Diese Zeiten sind vorbei. Heute muss Jana Völkel selbst vorturnen. Sie singt das Lied der großen Schlange und führt die Kinder in großen und kleinen Bögen durch den Raum. Festhalten, gehen, singen, stehen bleiben – nicht alle Kinder haben diese Motorik.

Nach einer halben Stunde ziehen sich alle an und gehen auf den Spielplatz. Wieder eine kurze Verschnaufpause für Jana Völkel. Sie sammelt die Stöcke ein, die die Kinder in den Händen halten: „Früher haben sie damit im Sand Häuser gebaut, heute schlagen sie sich damit.“

18 Jahre arbeitet Jana Völkel schon in der Einrichtung.  „Wie sich die Kinder im Laufe der Jahre entfalten oder wenn man hört, es hat einer auf eine weiterführende Schule geschafft – das motiviert mich jeden Tag, trotz aller Hindernisse.“ Wassili steht alleine rum. Seine Freundin ist nicht da, er kann die anderen Jungs nicht fragen, ob er mitspielen darf.

Es ist 12 Uhr. Zurück in der Gruppe warten schon die Eltern draußen auf dem Flur auf ihre Kinder. Mit einem Gedicht verabschiedet sich die Gruppe voneinander, ehe sie persönlich von Jana Völkel an die Eltern übergeben werden. Wassili rennt zu seiner Mutter, lacht und spricht mit ihr ganz aufgeregt. Als wenn er froh ist, dass ihn endlich jemand versteht.

  • Alle Namen wurden geändert, die Personen sind der OP bekannt.

von Katja Peters

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