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Ein Ort für Impulse, aber auch für Gefühle

Trauercafé Ein Ort für Impulse, aber auch für Gefühle

Ein Café mitten in der Stadt, mitten im Leben, aber doch in einem geschützten Raum. Dieses Konzept wurde ab Oktober 2016 gut angenommen. Bis zu 14 Besucher kamen zu den offenen Treffen für Trauernde.

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Sie stellen das Trauercafé-Team: die geschulten ehrenamtlichen Mitarbeiter des Ambulanten Hospizdienstes der Johanniter Ernst Hansel (links), Hildegard Heiser (rechts), Christina Mißbach (links oben) und die qualifizierte Trauerbegleiterin Gertrud Rücker.

Quelle: Privatfoto

Marburg. Das Erleben des Schmerzes über den Verlust eines geliebten Menschen und der Umgang damit stellt Hinterbliebene auf harte Proben. „Die Form des Trauerns ist dabei sehr individuell“, sagt Diplom-Pädagogin Gertrud Rücker, Koordinatorin des Ambulanten Hospizdiensts der Johanniter in ihrer Funktion als Trauerbegleiterin.

Aus ihren Erfahrungen heraus weiß sie, dass es immer wieder Menschen gibt, die in ihrer Trauer einen Erfahrungsaustausch mit anderen Trauernden suchen, aber das an einem Ort, der auch fröhlich machen kann, der eine lebensbejahende Atmosphäre besitzt, der Ablenkung verspricht, irgendwo mitten in der Öffentlichkeit ist und trotzdem einen gewissen Schutz für die eigenen Empfindungen bietet. Der Wunsch ist ein Raum, in dem alles erlaubt ist von Lachen bis Weinen, in dem niemand irritiert schaut aufgrund durchaus extremer Stimmungsschwankungen.    

Hintergrund

Das Trauercafé im Obergeschoss des „Café Aroma“  in Marburg, Schwanallee 29a, kann ohne Voranmeldung besucht werden. Die monatlichen Treffen sind jeweils dienstags von 15 bis 17 Uhr am 7. März, 4. April, 2. Mai,
6. Juni, 4. Juli, 1. August, 5. September, 10. Oktober,  7. November und 5. Dezember.

So entstand im vergangenen Jahr die Idee zu einem einmal im Monat stattfindenden Trauercafé in der oberen Etage des Cafés Aroma in der Schwanallee in Marburg. Dort können alle Menschen aus dem Landkreis hinkommen, die trauern, darüber reden oder einfach nur anderen Trauernden zuhören wollen. Mit dabei sind auch immer Mitarbeiter des Ambulanten Hospizdienstes der Johanniter. Sie fungieren als Ansprechpartner, auch gerne als Impulsgeber, etwa zu Beginn der Veranstaltung, sie können sich aber auch ganz zurücknehmen und einfach nur dabei sein. Einfach so, wie sie gebraucht werden.

„Das mit dem Trauercafé in einem richtigen öffentlichen Café war wohl eine gute Idee“, resümiert Gertrud Rücker nach fünf Veranstaltungen seit Oktober 2016. Zunächst war das Trauercafé nur über die Herbst und die Wintermonate geplant. Doch nun fungiert das vermeintlich letzte Treffen am kommenden Dienstag, 7. März, als Bindeglied zu weiteren Monatstreffen bis Jahresende (siehe Hintergrund). Zu den zurückliegenden Treffen kamen bis zu 14 Menschen, die einfach mal in einer für sie angenehmen Atmosphäre unter Menschen kommen wollten.

Eine Teilnehmerin erzählt von ihren Erfahrungen

Eine Teilnehmerin, die mehrfach zu den Treffen gekommen war, berichtete während des  Februar-Treffens, dass ihr diese Treffen geholfen haben, Entscheidungen für ihr weiteres Leben zu treffen, und sie verabschiedete sich mit dem Hinweis, dass sie nun umzieht, in eine andere Stadt in einem anderen Bundesland, sich dort dem Leben zuwendet.

Dabei, das sagt sie im Gespräch mit der OP, wird sie immer einen nur für sie sichtbaren Koffer haben, in dem sie ihre Erinnerungen und die Trauer über den Verlust eines ihr wichtigen Menschen transportiert.

„Ich weiß, dass die Trauer immer zu meinem Leben gehören wird und ich sicher auch weiter heftige Momente des Trauerns erleben werde. Aber ich weiß jetzt auch, dass ich den Koffer einfach mal in die Ecke stellen und mich frei bewegen kann“, sagt sie. Für sie ist die Entscheidung, woanders eine Heimat zu finden, eine gute Form, das Leben wieder aktiv anzunehmen. „Ich meine, Trauer ist keine Krankheit, aber sie greift massiv in das Alltagsleben ein. Und je länger sie dauert, um so schwieriger wird es,  Verständnis zu finden.“ Außenstehende erwarten einfach, dass man nach einer gewissen Zeit, die eher kürzer als länger ist, wieder „funktioniert“. Die Teilnahme am Trauercafé hat mit dazu  beigetragen, dass sie ihre Pläne jetzt umsetzt. Und sie will nun anderen Mut machen, das Gefühl des Trauerns zuzulassen, wann immer es einen überfällt, aber gleichzeitig auch etwas für das eigene Leben zu tun. Dabei weiß sie, wovon sie spricht. Ihre Trauer ist nicht frisch, sie trauert bereits seit fünf Jahren.

Information

Weiterführende Informationen gibt es bei der Koordinatorin Ambulanter Hospizdienst der Johanniter, Gertrud Rücker, unter Telefon 0 64 21 / 96 56 26 oder per Mail an hospiz.marburg@johanniter.de

„Wer es nicht selbst erlebt, kann das kaum nachvollziehen, zumal ich um einen Menschen trauere, von dem ich mich im Leben habe scheiden lassen, als meinem Ex-Mann, den Vater meiner Kinder.“ Lange hat sie sich mit der Frage auseinandergesetzt, ob sie zu einer solchen  Trauer berechtigt ist, bis sie merkte, dass das gar nicht die Frage war. „Wenn Trauer da ist, ist sie da und damit berechtigt. Sie ist ein Gefühl, das nicht zu steuern ist“, sagt sie.

Im Trauercafé trifft sie auf Menschen, die ihre  „Trauer-Berechtigung“ nicht in Frage stellen. Sie trifft auf Menschen mit schweren Schicksalsschlägen, auf Menschen, die gerade geliebte Partner, Kinder oder andere für sie wichtige Personen verloren haben oder auch wie sie schon über eine längere Zeit trauern und den Weg zurück ins Leben suchen. Ihre Lösung ist, die Trauer in ihr aktives Leben zu integrieren. Sie zuzulassen, wenn sie kommt, aber die übrige Zeit auch zu leben. „Was sie im Trauercafé erlebt hat, will sie bewahren. Sie hat sich auch schon erkundigt, weiß dass es in ihrer neuen Heimatstadt ebenfalls ein Trauercafé gibt.

Das Konzept des Trauercafés der Johanniter in Marburg findet sie sehr gut. „Alles kann, nicht muss, nichts ist verpflichtend. Man fühlt sich willkommen.“ Gertrud Rücker und Marco Schulte-Lünzum, Regionalvorstand der Johanniter-Unfall-Hilfe Regionalverband Mittelhessen, sind sehr froh, dass Maggie Verroen, die Inhaberin des Cafés Aroma ihnen einmal im Monat das Obergeschoss ihres Cafés für diese Veranstaltung zur Verfügung gestellt hat und es jetzt möglich macht, dass das Angebot dort auch fortgesetzt werden kann. 

von Götz Schaub

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