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Ein Coach für junge „Energiedetektive“

Große und kleine Klimasünden Ein Coach für junge „Energiedetektive“

Bis zu drei Mal pro Woche ist Erich Weber, Energie-Coach des Kreises, an heimischen Schulen zu Gast: mit einem ganzen Anhänger voller Klimaschutz-Exponate.

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Anschauungsmaterial: Energie-Coach Erich Weber kniet zwischen Exponaten  des Klimaschutz-Anhängers, mit dem er an Schulen und auf Messen zu Gast ist.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. „Wärmeschlucker“, „Stromfresser“ und „Gewissensbeißer“ sind die Anti-Helden dieser Geschichte. Als Comicfiguren tauchen sie in den Klimaschutzbroschüren des Landkreises auf. Und als schaurig grinsende Plüschpuppen gehen sie mit Erich Weber auf die Reise, wenn dieser Schulen im Landkreis besucht. „Sie verdeutlichen, dass die Energie, die wir einsparen, die beste ist“, sagt Weber, der seit zwei Jahren als  Energie-Coach für den Fachdienst Klimaschutz und Erneuerbare Energien des Landkreises arbeitet. Zuvor war der 54-Jährige in Berlin bei der Deutschen Umweltstiftung in der Bildungsarbeit tätig. Webers Mission im Landkreis: Klimaschutz greifbar machen, vor allem für Kinder.

Für den Unterricht an den Schulen hat der Kreis ein Equipment zusammengestellt – heimische Firmen halfen dabei, indem sie eigens angefertigte Exponate bereitstellten. Diese gehen in einem neu angeschafften und großflächig bedruckten Anhänger auf die Reise durch Marburg-Biedenkopf.

Weber verrät kleine Kniffe zum Energiesparen

Es ist eine Art Werbetournee: für Energie aus Sonne, Wind, Biomasse und für landwirtschaftliche Erzeugnisse aus der Heimat. Kurz: für all das, was das Klima schonen und dafür sorgen soll, dass der Kreis bis zum Jahr 2040 unabhängig von atomaren und fossilen Brennstoffen werden kann.

Um diesen Zielen näher zu kommen, ist der Unterricht mit dem Energie-Coach ein Beitrag, womöglich sogar ein recht effektiver. „Die Kinder nehmen die Anregungen mit nach Hause – und sie nehmen die Eltern in die Pflicht, dazu bekommen wir oft Rückmeldungen“, sagt Weber und schmunzelt. Er weiß, dass frisch ausgebildete „Energiedetektive“ ihre Mütter und Väter ordentlich nerven können. Dabei geht es manchmal nur um die kleinen Kniffe: wie man richtig lüftet, ohne zu viel Wärme zu verschwenden. „Ganz einfach“, sagt Weber, „Stoßlüften mit weit geöffneten Fenstern ist sehr effektiv, da findet in fünf Minuten ein Luftaustausch statt. Noch besser: Querlüften mit Durchzug, da reichen schon zwei bis drei Minuten.“ Im Unterricht mit dem Energie-Coach wird dies durch den Einsatz eines kleinen CO2-Messgeräts deutlich. „Die Schüler können daran ablesen, wann sich genug Frischluft im Raum befindet.“

 
Klimaschutz-Glücksrad für Experimente im Unterricht.

Manchmal geht es auch um grundsätzliche Lebenseinstellungen, beispielsweise, was Mobilität angeht. „Keine Flüge mehr im Urlaub, stattdessen kann man auch mit Bus und Bahn reisen – es gibt da viele Möglichkeiten“, sagt Weber, wohlwissend, dass man damit bei vielen Menschen an Grenzen stößt. „Nicht jedoch bei Kindern, sie nehmen solche Anregungen gut auf – und tragen sie dann weiter.“ Dass umweltschonender Urlaub mit Kind und Kegel auch ohne Flugzeug oder Auto funktioniert, macht Weber selbst seit 20 Jahren vor. „In all der Zeit sind wir kein einziges mal geflogen und haben trotzdem tolle Urlaube erlebt.“

Im Unterricht mit dem Energie-Coach lernen Kinder alternative Mobilitätskonzepte kennen, wie sie etwa die Firma Twike aus Rosenthal umsetzt. So präsentiert Twike beispielsweise ein regional und fair gefertigtes Fahrzeug, einen Elektro-Zweisitzer mit zusätzlichem Pedalantrieb. „Da fahren die Kinder dann sehr gern einmal mit“, berichtet Weber.

Solarthermie-Modell ist das „Herzstück“ der Sammlung

Wärme aus der Sonne: Diesem Klimaschutz-Kapitel widmet sich der Kreis mit einem Solarthermie-Modell. „Das ist das Herzstück unserer Sammlung“, sagt Weber, „hier haben wir alles, was sonst auf dem Dach, im Keller oder im Fußboden verstaut ist, auf einem Fleck.“ Die Firma Roth fertigte das Modell am Standort Buchenau an. Vom Material her ist es etwa 5000 Euro wert.

Mithilfe des mannshohen Ausstellungsstücks lernen Schüler, welche Kraft in der Sonne steckt. Gemeinsam mit den Kindern füllt Weber zwei Tanks mit 250 Litern kaltem Wasser. „Dann stellen wir das Exponat in die Sonne – und ab der ersten oder spätestens zweiten Pause hat das Wasser durch die Sonnenenergie 50 bis 60 Grad erreicht.“ An einem Waschbecken, das fest an dem Ausstellungstück angeschlossen ist, können sich die Kinder dann warmes Wasser über die Hände laufen lassen. Zeitgleich heizt die Anlage ein Fußheizungsmodul auf.

Währenddessen lädt Weber an einem etwa DIN-A3-großen Photovoltaik-Modul über einen USB-Stick ein Handy auf. „Das funktioniert draußen oder drinnen auf der Fensterbank“, sagt Weber und verweist darauf, dass solche kleinen Anlagen beim Campen zum Einsatz kommen, „beispielsweise, um eine Lampe zu betreiben“.

Anhand der deutlich größeren Ausführung eines Solarmoduls, das die Firma Greenvesting GmbH aus Cölbe bereitstellt, sehen die Kinder, wie man mit Sonnenkraft den Strom gewinnt, speichert und nutzt, um auch größere Geräte zu betreiben.

Kinder experimentieren mit Rohstoffen aus Holz

Von der Sonne zum Wald: Weiterer Bestandteil des Klimaschutz-Equipments ist ein Experimentierkoffer mit Rohstoffen aus Holz. Die Kinder lernen den nachwachsenden Energieträger näher kennen, sehen und berühren, was aus Holz hergestellt wird: Holzwolle, Faserplatten, Pellets, Hackschnitzel.

Mit einem Messgerät ermitteln die Jungen und Mädchen die Restfeuchte von Brennstoffen. Und sie pressen in einem kleinen Experiment selbst Pellets. Dass die Holzreste aneinanderkleben, wenn sie in eine Form gedrückt werden, liegt an dem natürlichen Polymer Lignin, „unter Druck wird es zum Klebstoff“, erklärt Weber. „Das Lignin ist auch dafür verantwortlich, dass die Holzpellets glänzen.“

Energie und Klimaschutz – das sind Themen, mit denen man an den Schulen immer landen kann und bei den Kindern schnell Begeisterung weckt, stellt der Energie-Coach fest. „Es gibt so viele Anknüpfungspunkte: Magnetismus, Elektrizität, der Treibhauseffekt, das Sonnensystem“, wirbt er für das Angebot des Kreises.

Und dann heißt es: Vorsicht! Denn frisch ausgebildete „Energiedetektive“ achten auf Details und halten mit Kritik nicht hinterm Berg. Auch dann nicht, wenn sie den Energie-Coach selbst betrifft. So wird Erich Weber schon öfters mal darauf angesprochen, dass der Klimaschutz-Anhänger von einem Fahrzeug mit Dieselmotor gezogen wird, obwohl der Energie-Coach ja über die Vorzüge der Elektromobilität spricht.

  • Einen Besuch des Klimaschutz-Anhängers kann man beim Landkreis vereinbaren. Kontakt: Fachdienst Klimaschutz und Erneuerbare Energien, Energie-Coach Erich Weber, Telefon 0 64 21 / 4 05 62 05, oder per E-Mail: WeberE@marburg-biedenkopf.de

von Carina Becker-Werner

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