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Thema Hochsensibilität Die Empfindsamen

Zu laut, zu eng, zu hektisch: Manchen Menschen wird es schnell zu viel, wenn um sie herum viel Treiben ist. Sie beschreiben sich als hochsensibel. Was steckt hinter diesem Wesenszug? Eine Marburger Psychologin klärt auf.

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Symbolfoto zum Thema Hochsensibilität.

Quelle: Pixabay

Marburg. OP: Frau Nixdorf, was macht ­eine hochsensible Person (HSP) aus?
Jutta Nixdorf: Es gibt verschiedene Bereiche, in denen die Hochsensibilität zum Tragen kommt. Da ist zum einen die sensorische Sensibilität, das heißt, die Betroffenen nehmen mit ihren fünf Sinnen - riechen, hören, schmecken, tasten und sehen - besonders intensiv wahr. Es gibt die ästhetische Sensibilität. Darunter fällt eine besondere Empfänglichkeit für Kunst, Musik oder die Natur. Ein weiterer Teilbereich ist die emotionale Sensibilität. HSP nehmen beispielsweise Gefühle und Stimmungen intensiver wahr und haben ein hohes Einfühlungsvermögen. Es ist wie so ein sechster Sinn. Zur Hochsensibilität gehört auch die geistige Sensitivität. HSP haben oft vielseitige Interessen, sind sehr kreativ und nehmen komplexe Zusammenhänge und Feinheiten stärker wahr und haben ein sehr ausgeprägtes Gerechtigkeitsempfinden.

OP: Haben HSPler aus allen Bereichen etwas oder ist ein Bereich ausgeprägter als der andere?
Nixdorf: Das ist ganz unterschiedlich. Es gibt HSP, bei denen ein Bereich besonders stark ausgeprägt ist- dafür kein anderer. Und es gibt solche, die sich in mehreren Bereichen wiederfinden.

OP: Angeblich sind bis zu 20 Prozent der Bevölkerung hochsensibel. Das ist ja eine ganze Menge. Macht sie das nicht skeptisch?
Nixdorf: Meine Theorie ist, dass man früher nicht so empfänglich für solche feinsinnigen Dinge war. Meine Großelterngeneration ist in der Kriegszeit aufgewachsen. Sie mussten sich hauptsächlich darum kümmern, dass sie was zu essen kriegen und ein Dach über dem Kopf haben. Sie hatten kaum Kapazitäten, sich Gedanken um Gefühle zu machen. Vielleicht haben sie sie erlebt, aber es war kein Raum dafür da. Meine Elterngeneration ist nach dem Krieg aufgewachsen. Auch sie mussten sich um das Notwendigste kümmern und die Wirtschaft in Schwung bringen. Meine und die heutige Generation kennt keinen Krieg und keinen Mangel. Wir haben mehr Zeit und Energie, um uns um höherliegende Dinge zu kümmern. Wir sind in der Maslow‘schen Bedürfnispyramide quasi ein paar Stufen höher gestiegen.

OP: Tut es den Menschen denn überhaupt gut, sich so viele Gedanken darüber zu machen, wie sensibel sie sind?
Nixdorf: Ja, denn das Allerwichtigste ist, dass ein Mensch sich selbst gut kennt. Viele HSP merken immer wieder, dass sie Probleme haben mit Dingen, mit denen andere anscheinend keine Probleme haben. Sie entwickeln deshalb häufig den Gedanken: Ich bin verkehrt. Dabei empfinden sie ja nichts Falsches. Wenn sie wissen, dass sie in bestimmten Situationen schneller an ihre­ Grenzen stoßen, wird ihnen das helfen - zum Beispiel bei der Berufswahl. Wenn ich weiß, dass ich hochsensibel bin, sollte ich mir keinen Job in einem Großraumbüro besorgen, weil es dort so viele Sinneseindrücke gibt, die auf mich einströmen und mich ablenken. Da kommen eher Jobs mit Fingerspitzengefühl infrage wie Diplomaten, Kriminologen oder Psychotherapeuten. Hochsensibilität ist eine Gabe, die man durchaus für sich nutzen kann.

OP: Trotzdem sitzen wir hier in einer psychologischen Praxis. Welche Nachteile kann dieser Wesenszug denn für die Betroffenen haben?
Nixdorf: Ich sagte ja bereits, dass viele HSP den Eindruck haben, ‚nicht richtig‘ zu sein, weil sie nicht in diese Gesellschaft passen, in der es viel um Schnelligkeit und Leistung geht. Wissenschaftler haben festgestellt, dass hochsensible Kinder einen visuell-räumlichen Lernstil haben. Das heißt, Bilder kommen bei ihnen viel mehr zur Geltung als das Gesagte. Und da kriegen wir ein Problem in der Schule:­ In der Schule wird mehr geredet, als mit Bildern gearbeitet, die diese Kinder aber besser verarbeiten könnten. Sie müssen also immer eine Transferleistung erbringen. Das ist anstrengend und schafft nicht jedes Kind. Hochsensible Kinder, die ständig übererregt sind, weil sie beispielsweise in einer viel zu großen Kindergartengruppe untergebracht sind, rasten häufig aus und brüllen rum und werden deshalb häufig als „unerzogen“ abgestempelt. Aber aus der ständigen Übererregung können sich langfristig psychische aber auch psychosomatische Störungen wie Bauchschmerzen und Kopfschmerzen entwickeln. HSP haben außerdem häufig einen Hang zum Perfektionismus und ein hohes Harmoniebedürfnis. Das kann ­ihnen zum Verhängnis werden.

OP: Was empfehlen Sie im Umgang mit hochsensiblen Personen?
Nixdorf: Viel Geduld. Sätze wie „Stell dich nicht so an“ bringen überhaupt nichts. Es ist wichtig, ihre Gefühle ernst zu nehmen und sie ihnen zuzugestehen - auch wenn man sie nicht immer nachvollziehen kann. Sie sind eine Realität für die Betroffenen.

 
 

Ein Leben in Blautönen

Kneipe, Musik, Freunde treffen – was für viele nach einem entspannten Abend in der Oberstadt klingt, ist für Sebastian Kraus eine Herausforderung. Im OP-Gespräch berichtet er über sein Leben als hochsensible Person.

Marburg. Das Klirren der Gläser, das Klappern des Geschirrs, das Gespräch am Nachbartisch, sogar die Emotionen der Gäste – das, was an vielen von uns vorbeirauscht, nimmt Sebastian Kraus intensiv wahr. Er ist hochsensibel. „Wo andere nur einen Blauton sehen, sehe ich viele Blautöne“, beschreibt der 31-jährige Werbetexter das Gefühl der ständigen Sinneswahrnehmung, das ihn seit seiner Kindheit begleitet.

Schon im Kindergarten stellt er fest, dass er anders ist als die anderen. „Im Stuhlkreis sitzen und der Beobachtung der anderen ausgeliefert zu sein, das war für mich schwer auszuhalten“, erinnert er sich. Auch in der Schule fühlt er sich von den vielen Eindrücken regelrecht erschlagen. „Die vielen Kinder und Geräusche, der volle Schulhof, dann der

Lehrer, der vorne steht und unterrichtet – all das war sehr anstrengend für mich zu verarbeiten.“

Je älter Kraus wird, desto mehr leidet er darunter, anders zu sein. Ihm fällt auf, dass er sich ständig Gedanken über Dinge macht, über die sich seine Klassenkameraden keine Gedanken zu machen scheinen. Fragen wie „Warum gibt es uns Menschen?“, „Was ist der Sinn des Lebens?“ beschäftigen ihn.

„Es war wie eine unsichtbare Wand“

„Ich konnte ganz schlecht Smalltalk führen. Dazu war ich einfach nicht imstande“, sagt er. Vielen Altersgenossen wiederum sind die Themen, die ihn beschäftigten, zu tiefgründig. Sätze wie „du machst dir viel zu viele Gedanken“ oder „stell dich nicht so an“ hört er nicht selten. Eine Hilfe sind sie ihm nicht. Im Gegenteil: „Es war wie eine unsichtbare Wand, als würde mich etwas von den anderen trennen. Ich hatte das Gefühl, dass alle anderen etwas miteinander teilten, was ich nicht mit ihnen teilen konnte“, beschreibt er seine Gefühle von damals.

Partys und Discos meidet er. „Die laute Musik, die vielen­ Menschen – das war mir schnell zu viel. Also bin ich immer früh gegangen, was die anderen dann leider oft persönlich genommen haben. Das wiederum hat mich unter Druck gesetzt“, fasst er das Dilemma zusammen.

Dank seiner extrovertierten Art gelingt es Kraus trotzdem, Freunde zu finden. „Ich habe schnell begriffen, dass ich, wenn ich soziale Kontakte haben will, Kompromisse eingehen muss.“

Das ist für hochsensible Personen (HSP) eher untypisch. Die meisten HSP (laut HSP Deutschland 70 Prozent) sind introvertiert und werden als ruhig und zurückhaltend beschrieben. Das bedeutet allerdings nicht, dass sie kein Interesse am gerade stattfindenden Geschehen oder sozialen Kontakten haben. Denn trotz der häufig auftretenden Reizüberflutung haben sie immer noch einen großen Hunger nach Eindrücken.

Thema Hochsensibilität ist umstritten

Dies könnte daran liegen, dass ihr Gehirn mehr Reize als „wichtig“ einstuft, die dann das ­Bewusstsein erreichen. Eine­ anerkannte neurophysiologische Theorie, die die Ursache der Hochsensibilität klärt, existiert jedoch noch nicht. Die Forschung dazu steht noch ganz am Anfang.

Trotzdem ist Hochsensibilität kein neues Phänomen. Bereits in den 1990er-Jahren veröffentlichte die kalifornische Psychologin Dr. Elaine Aron das Buch „The Highly Sensitive Person“, in dem sie ihre wissenschaftlichen Erkenntnisse über Hochsensibilität zusammenfasste und das Thema so einem größeren Publikum zugänglich machte.

Seitdem sind allein im deutschsprachigen Raum unzählige Bücher mit Titeln wie „Schon immer anders“, „Zart besaitet“ oder „Ich spüre was, was Du nicht spürst“ erschienen, die sich mit dem Thema befassen – ein Hype, der durchaus kritisch beäugt wird. So bemerkt etwa der Münchner Psychiater Andreas Meißner laut der Zeitung Die Welt, dass die in den Fachbüchern angeführten Eigenschaften einer HSP „zu ­vage und beliebig sind“ und sich darin „mühelos die meisten ­Leser wiederfinden können“.

Als Sebastian Kraus vor drei Jahren zum ersten Mal in einem Magazin von dem Thema­ erfährt, ist es zunächst wie ­eine „Erlösung“: „Ich hatte das ­Gefühl: Endlich hat das Kind ­einen Namen. Ich wusste jahrelang, dass ich anders bin. Aber ich konnte es nicht definieren.“ Nun weiß er, dass seine Art zu empfinden, nichts Unnormales ist, sondern es vielen anderen auch so geht.

Zu vielen anderen? „Das ­Thema bekommt einen Trendeffekt“, beobachtet auch er. „Das erschwert es mir, Menschen zu finden, die wirklich ähnlich empfinden wie ich.“

Grundsätzlich jedoch freue er sich darüber, dass das Thema salonfähiger wird und mehr Menschen bereit sind, über ­ihre Gefühle zu sprechen. Ihm ­jedenfalls hat die Auseinandersetzung damit geholfen, Frieden mit seiner Hochsensibilität zu machen.

von Ruth Korte

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