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Halbzeit-Bilanz für Kirsten Fründt

Landrätin Halbzeit-Bilanz für Kirsten Fründt

Seit dem 1. Februar 2014 ist Kirsten Fründt die Landrätin von Marburg-Biedenkopf. Die politische Newcomerin hat in ihren bisher drei Jahren im Kreishaus für Schlagzeilen gesorgt - und Veränderungen angestoßen.

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Kreis und Stadt wollen gesündere Bürger

Landrätin Kirsten Fründt bei einer Rede.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Es ist der 5. Juni 2013 als die SPD Marburg-Biedenkopf mitten im Landratswahlkampf eine neue Kandidatin vorstellt: die bis dahin weitgehend unbekannte Sozialdemokratin Kirsten Fründt, Sportamtsleiterin der Stadt Marburg. Bald darauf nominieren die Genossen sie auf einem Parteitag, der noch hastig vorm Ende der Bewerbungsfrist anberaumt wird.
 
 Eigentlich hatte alles anders laufen sollen, doch der ursprüngliche Landratskandidat der SPD, der Amöneburer Bürgermeister Michael Plettenberg, wirft überraschend hin. Und dann kommt Kirsten Fründt. So kurzfristig sie auch in den
 Wahlkampf einsteigt, so wenig Zeit ihr auch bleibt, sich im Landkreis bekannt zu machen: Die 47-Jährige gewinnt hoch gegen den CDU-Bewerber Marian Zachow, wird nicht einmal vier Monate später, in der Stichwahl am 22. September 2013, mit fast 61 Prozent der Stimmen zur neuen Landrätin gewählt.

Zeit der Umbrüche
 
 Am 1. Februar 2014 tritt Fründt ihr Amt im Kreishaus an. Eine Zeit der Umbrüche beginnt: SPD und CDU formieren sich zur neuen Koalition, wählen Dr. Karsten McGovern ab, heben den Christdemokraten und Pfarrer Marian Zachow als neuen Ersten Beigeordneten ins Amt. Und dann, die neue hauptamtliche Kreisspitze erlebt gerade ihre ersten Monaten im Kreishaus, bricht die Flüchtlingswelle über Marburg-Biedenkopf herein. Bewährungsprobe für Fründt und Zachow. Die Verwaltung hat ab dem Sommer 2014 alle Hände voll zu tun, hunderte Menschen müssen binnen weniger Monate untergebracht werden.

Die Verteilung auf die heimischen Kommunen hat der Kreis vorzunehmen, zumeist gelingt dies auch ohne größere Konflikte. Alle zugewanderten Menschen finden eine Unterkunft. Ihre Integration in die Gesellschaft und in den Arbeitsmarkt sind auch 2015 und darüber hinaus bestimmende Themen in der Arbeit des Landkreises. 

9 000 Euro für ein Drachenboot-Rennen
 
 Das Jahr 2016 bringt eine Reihe besonderer Ereignisse rund ums Kreishaus und Landrätin Fründt mit sich. Ende Mai bricht die Verwaltungs-Chefin (SPD) mit einer vierköpfigen Delegation des Kreises nach Japan auf. 11 000 Euro muss der Landkreis Marburg-Biedenkopf für den Auslandsaufenthalt der Verwaltungs-Chefin aufbringen. Fründt reist mit zwei Verwaltungsmitarbeitern sowie mit Dolmetscherin und Reiseleiter.

Als privater Begleiter und auf eigene Kosten kommt ihr Ehemann mit. In Fernost spricht Fründt mit kommunalen Vertretern über Möglichkeiten einer deutsch-japanische Partnerschaft mit dem Schwerpunkt erneuerbare Energien. Wochen nach der Reise präsentiert die Landrätin einen Bericht des Japan-Aufenthalts, der kaum konkrete Ergebnisse liefert.

Indes legt die Oberhessische Presse weitere kostspielige und herausragende Projekte der Kreisspitze offen: neue Ausstattung des Landrätinnen-Büros für 25 000 Euro, 18 000 Euro für eine Führungskräfte-Klausur der Verwaltung im Hilton in Bonn, 9 000 Euro für ein Drachenboot-Rennen hessischer Verwaltungen auf der Lahn während der Arbeitszeit.

Mehrere Dienstaufsichtsbeschwerden gegen Fründt beim Regierungspräsidenten in Gießen folgen, bleiben nach Monaten der Prüfung ohne Sanktionen für die Landrätin. Anlass für eine neue Dienstaufsichtsbeschwerde gibt Mitte September eine von Fründt überraschend angekündigte Umorganisation in der Verwaltung, von der sich Mitarbeiter überrumpelt fühlen. Nach Prüfung des Sachverhalts weist der Regierungspräsident auch diese Beschwerde als unbegründet zurück. Im OP-Interview im Oktober sagt Fründt, sie vertraue auf ihren Instinkt und würde in Zukunft nicht anders handeln.

Kurz darauf zieht der ehrenamtliche Kreisbeigeordnete Reinhold Becker (FW) vors Verwaltungsgericht Gießen, wo er gegen Fründt und den Kreisausschuss klagt. Es geht um die Frage, ob Verwaltungsmitarbeiter wie Fründts Büroleiter Ralf Laumer bei Beratung und Beschlussfassung in dem nichtöffentlichen Regierungsgremium mit dabei sein dürfen. Becker lehnt dies ab. Das Verfahren läuft noch vorm Verwaltungsgericht, wo vor Ende Januar 2017 keine Entscheidung erwartet wird.

Grundschulbetreuung: 2000 Plätze mehr

Eine weitere Entwicklung des Jahres 2016: Die Auseinandersetzung zwischen Bürgermeistern und Landrätin über die Finanzausstattung der Kommunen schaukelt sich erheblich hoch. Zur Haushaltseinbringung legt die Kreisregierung ein Paket zur Entlastung der Kommunen mit einem Volumen von rund fünf Millionen Euro auf, enthalten ist unter anderem eine 0,5-prozentige Kreisumlagensenkung und eine Sonderzahlung von 1,75 Millionen Euro an die heimischen Städte und Gemeinden.
 
 Die kritische und fordernde Linken-Fraktionsvorsitzende Anna Hofmann attestiert der Fründtschen Regierung im Dezember 2016, dass ein Ruck hin zu einer sozialeren Politik erfolgt sei. Der Ausbau der Grundschulbetreuung auf inzwischen 2.000 Plätze, Pläne für sozialen Wohnungsbau aus Kreishand und für den Bau eines kreiseigenen Medizinischen Versorgungszentrums gehören danach zu den Entwicklungen, die dies untermauern. Fründt selbst kündigt in ihrer Haushaltsrede fürs Jahr 2017 an, dass die große Koalition „ die familienfreundlichen und an den Bedürfnissen benachteiligter sowie finanziell schwächerer Teile unserer Kreisgesellschaft orientierten Aktivitäten“ ausbauen werde. So erhalten beispielsweise die freien Träger in der Arbeit für Familie, Jugend, Senioren und Gesundheit, die für den Landkreis tätig sind, eine generelle Erhöhung ihrer Zuschüsse um fünf Prozent.
 
 Halbzeit für Kirsten Fründt:

Drei von sechs Amtsjahren sind am kommenden Mittwoch, 1. Februar, vorüber.

Die OP fragt die Leser: Was läuft gut?
Wo gibt es Handlungsbedarf? Was sollte die Landrätin besser lassen?

Senden sie unsere ihre Meinung per Mail an feedback@op-marburg.de
 
 von Carina Becker-Werner

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