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Behlens Tiere: Ein Fall für die Behörden

OP Exklusiv: Verlassene Bienenvölker Behlens Tiere: Ein Fall für die Behörden

Mit Versäumnissen in seiner Bienen- und Rinderhaltung rief FDP-Kreispolitiker Jörg Behlen wiederholt die Veterinärbehörden auf den Plan.

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„Geschehnisse, aufgrund derer ich Bußgeldbescheide erhalten habe, bedauere ich persönlich zutiefst“, sagt Jörg Behlen (FDP).

Quelle: Archivfoto

Marburg. Behlen will am 6. Dezember von SPD, Grünen, FDP und FW im Landeswohlfahrtsverband (LWV) zum hauptamtlichen Beigeordneten gewählt werden. Er wäre die dritte Kraft an der Spitze des Verbands mit rund 1 200 Mitarbeitern, einem Zwei-Milliarden-Haushalt und 57 000 zu betreuenden Menschen in Hessen. Diese Personalie versetzte Imker und Landwirte in Aufruhr. Zweifel an Behlens Eignung für die verantwortungsvolle Position im LWV wurden laut.

Der aus Ebsdorfergrund stammende und seit vielen Jahren in der Kreispolitik engagierte 49-Jährige war im vergangenen Jahr nach eigenem Bekunden erkrankt und konnte die Imkerarbeit über einen längeren Zeitraum nicht verrichten.
Behlen berichtete gegenüber der OP bereits im Juli über Versäumnisse im Zusammenhang mit seiner Imkertätigkeit. Die Redaktion recherchierte damals zu Vorgängen rund um verlassene Bienenvölker in Göcklingen in der Pfalz. Behlen hatte den dortigen Bienenstand mit 16 Völkern eingerichtet, um von der Kastanienblüte zu profitieren. Nur eines der Völker überlebte (die OP berichtete). Die Veterinärbehörden schalteten sich ein – die ganze Angelegenheit endete in einem Bußgeldverfahren.

Kuhn: "In den den Kästen bot sich ein Bild des Grauens"

Im Nachgang der Recherche über die Bienen in Göcklingen ergaben sich in den vergangenen Wochen weitere Erkenntnisse über Behlens Bestand. Imker und Bienensachverständige aus drei Landkreisen sowie die hiesige Veterinärbehörde berichten über Versäumnisse des 49-Jährigen auch im Zusammenhang mit seinen Bienen in Caldern, bei sich daheim in Ebsdorfergrund sowie an ­einem Standort in Walluf nahe Wiesbaden. Zu Caldern teilten die hiesigen Veterinäre mit, dass die Stände „offenbar imkerlich nicht ausreichend betreut“ worden seien. „Es wurde ein hoher Befall mit der Varroa-Milbe festgestellt.“ Behlen erhielt daraufhin die Anordnung, die Betreuung der Bienenstände sicherzustellen. Er zahlte ein Bußgeld von rund 330 Euro.

Von der Veterinärbehörde und Bienensachverständigen wurde der Bestand überprüft. „In den Kästen bot sich ein Bild des Grauens“, sagt der Sachverständige Peter Kuhn. Privatfoto

Von der Veterinärbehörde und Bienensachverständigen wurde der Bestand überprüft. „In den Kästen bot sich ein Bild des Grauens“, sagt der Sachverständige Peter Kuhn.

Quelle: Privatfoto

Von den 40 Völkern in Walluf sei der Großteil aufgrund fehlender Fürsorge gestorben, sagt der dortige Bienensachverständige Peter Kuhn. „Das zeugt von einer unmöglichen Haltung gegenüber den Tieren und wirft einen Schatten auf die ganze Imkerschaft“, beklagt der Vorsitzende­ des Imkervereins Rheingau. Kuhn begutachtete für die ­Veterinärbehörde des Rheingau-Taunus-Kreises Behlens dortigen Bestand, nachdem Imker auf die verlassenen Bienen aufmerksam geworden waren. „In den Kästen bot sich ein Bild des Grauens“, sagt Kuhn. Die Größe von Behlens Bestand mit 40 Völkern in Walluf, 70 in Caldern und weiteren Ständen an anderen Orten sei für einen Hobbyimker höchst ungewöhnlich. „Der Durchschnitt liegt bei fünf bis sechs Völkern“, erklärt Kuhn, „ab 25 Völkern muss man von einer beruflichen oder ­zumindest nebenberuflichen Tätigkeit ausgehen“.

Imkerverein Kirchhain bot Hilfe an - Behlen habe nicht reagiert

Über die Vorgänge in Caldern, wo Behlen in der zurückliegenden Saison von insgesamt 70 Völkern rund 40 verlor, sowie über die Vorgänge in Walluf bei Wiesbaden, erlangte der Imkerverein Kirchhain und Umgebung, in dem Behlen Mitglied ist, ­irgendwann Kenntnis. „Ja, wir haben im Vorstand darüber gesprochen. Und ja, wir haben auch über einen Ausschluss aus unserem Verein diskutiert“, sagt Vorsitzender Werner Gemmecker aus Stadtallendorf. „Aber wenn, dann würden wir eher einen freiwilligen Austritt nahelegen.“

In Walluf bei Wiesbaden stellte Jörg Behlen 40 Völker auf – und verlor einen Großteil von ihnen. Privatfoto

In Walluf bei Wiesbaden stellte Jörg Behlen 40 Völker auf – und verlor einen Großteil von ihnen.

Quelle: Privatfoto

Auf der anderen Seite sei der Verband bestrebt, die Imker in schwierigen Situationen zu unterstützen. „Es kommt ja immer einmal vor, dass ein Kollege krank wird und ein anderer Imker dann übernehmen muss. Das hätten wir für Jörg Behlen auch getan.“ Deshalb habe der Vorstand an Behlen­ auch einen­ Brief geschrieben und ein Gespräch angeboten. Das sei im November 2016 gewesen, sagt Gemmecker. Auf das Angebot habe er nicht reagiert, weil er seine Versäumnisse bis dahin bereits weitgehend ­habe aufarbeiten können, sagt Behlen.
Für den Bienenbestand des 49-Jährigen in Ebsdorfergrund erließ die hiesige Veterinärbehörde Auflagen: Entsorgung toter Bienenvölker, Einschmelzen der Waben, Desinfektion der Rahmen, Behandlung der Völker gegen Varroa-Milbe, Auffüttern futterarmer Völker.
„Meine Hobbybienenhaltung habe ich auf ein Maß reduziert, das es mir ermöglicht, mich anderen Aufgaben widmen zu können“, sagt Behlen zum jetzigen Stand der Dinge.

Kuh musste getötet werden, weil sie nicht tierärztlich betreut wurde

Länger zurück liegen Einsätze­ des Veterinäramts, bei denen es um Behlens Rinderherde ging. Diese gab der Landwirt 2013 auf, „im Rahmen der Veräußerung landwirtschaftlicher Flächen“, erklärt der 49-Jährige den Hintergrund. Behlens Rinder seien ausreichend mit Futter und Wasser versorgt gewesen, teilt die Veterinärbehörde auf Nachfrage der OP mit. Der Landwirt habe keine „grundsätzlichen Probleme“ damit gehabt, seine Rinder zu versorgen. Allerdings gingen mehrere Anzeigen gegen ihn bei der Behörde ein. Eine Kuh habe man töten müssen, da sie trotz einer Verletzung nicht tierärztlich betreut worden sei.

Verstöße gegen das Tierschutz- und Tierseuchengesetz seien geahndet worden. Behlen habe­ zwei tierschutzrechtliche Anordnungen zur Haltung von Rindern auf der Weide und im Stall erhalten. Demnach musste den Tieren auf der Weide ein Unterstand gebaut und eine Futterraufe zur Verfügung gestellt werden. „Die Anordnung für den Stall bezog sich auf bauliche Veränderungen in einem älteren Stallgebäude“, teilen die Veterinäre mit.

Da Tiere nicht geimpft worden waren und keine Ohrmarken erhalten hatten, wies die Behörde Behlen damals an, künftig die „einschlägigen Vorschriften zur Tierhaltung“ einzuhalten.

Behlen betont, es habe kein Strafverfahren gegeben

Aus den Vorkommnissen habe­ er gelernt, „dass Menschen – wie auch ich selbst – nicht fehlerfrei sind“, sagt Behlen. In den Jahren 2011 und 2012, „in denen es Schwierigkeiten und zudem einen personellen Engpass bei der Rinderhaltung gab“, hätte er „im Nachhinein betrachtet mehr personelle Hilfe benötigt“. „Geschehnisse, aufgrund derer ich Bußgeldbescheide erhalten habe, bedauere ich persönlich zutiefst. Ich möchte aber betonen, dass es sich bei den Bußgeldbescheiden nicht um Straftaten, sondern um Ordnungswidrigkeiten handelte, was die Höhe der Bußgelder zeigt, die sich im unteren Bereich des Bußgeldrahmens bewegt haben.“ Zudem hebt Behlen hervor, dass kein Tierhaltungs- oder Betreuungsverbot nach dem Tierschutzgesetz gegen ihn verhängt wurde. „Auch gab es im Rahmen der Tierhaltung kein Strafverfahren gegen mich.“ Beides bestätigt die Veterinärbehörde.

Im Zusammenhang mit Behlens Imkertätigkeit und den Vorgängen in der Rinderhaltung diskutieren Imker und Landwirte darüber, ob Behlen für die verantwortungsvolle Aufgabe, die er als Beigeordneter im Landeswohlfahrtsverband anstrebt, geeignet wäre. Behlen selbst ist der Meinung, dass man von den Ordnungswidrigkeiten keinen Rückschluss auf seine Eignung für das Beigeordneten-Amt ziehen könne. Mit der Rinderhaltung habe er bereits 1994 begonnen. „Dabei kam es in einem Zeitraum von knapp 19  Jahren zu keinerlei Bußgeldern in Zusammenhang mit dem Tierschutz“, merkt Behlen an.

von Carina Becker-Werner

Nachgehakt
Ein Haltungsverbot für Tiere kann ausgesprochen werden, wenn Tiere länger anhaltend leiden und / oder Schmerzen haben, führt die Veterinärbehörde aus. Für Bienen gebe es kein Haltungsverbot. Es fehle an einer „wissenschaftlichen Grundlage“, um mit Rechtssicherheit belegen zu können, dass Insekten leiden oder Schmerzen haben könnten.
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