Volltextsuche über das Angebot:

11 ° / 7 ° wolkig

Navigation:
Videochat statt Praxis-Sprechstunde

Arztbesuche übers Internet Videochat statt Praxis-Sprechstunde

In den USA, Australien und Skandinavien sind sie bereits an der Tagesordnung: Video-Sprechstunden mit Ärzten. Die ersten Mediziner bieten den Service auch in Deutschland an, die Mehrheit zögert noch.

Voriger Artikel
Hochsaison für Schniefnasen
Nächster Artikel
Chaos nach Gerichtsurteil

Dass Arzt und Patient nur über die Webcam miteinander kommunizieren, ist zurzeit noch für die meisten Mediziner Neuland.

Quelle: Sven Hoppe

Marburg. Ob zur Kontrolle einer heilenden Wunde, der Beratung über einen passenden Facharzt oder um bei ­einer chronischen Erkrankung auf dem Laufenden zu bleiben – viele Ärzte und Patienten wären froh, solche Dinge auch ohne einen Besuch in der Praxis klären zu können. Video-Sprechstunden sind heute sowohl technisch als auch rechtlich möglich, doch bisher bieten nur ­wenige Ärzte diesen Service an.

„Das Konzept finde ich gut“, sagt Dr. Ulrike Kretschmann: „Besonders in Großstädten wäre das praktisch, weil einfach mehr Patienten behandelt werden können.“ In ihrer Marburger Praxis hat die Fachärztin für Allgemeinmedizin jedoch nicht vor, Sprechstunden über das ­Internet zu führen, da sie Bedenken hat, ob man über Video einen zuverlässigen Eindruck vom Patienten bekommt.

Hintergrund

Die „E-Health-Initiative“ soll Ärzten den Einstieg in ­diese Technologien erleichtern. In dieser Initiative sind sowohl das Bundesministerium für ­Gesundheit als auch die Organisation der Selbstverwaltung und die maßgeblichen Unternehmensverbände der Informations- und Kommunikations­technologie (IKT) vertreten.

„E-Health“ wurde 2010 gegründet und hat seitdem neben anderen Projekten das Deutsche Telemedizinportal ins Leben gerufen, welches den Austausch von Informationen zu Projekten im Bereich Tele­medizin ­
ermöglicht. Momentan steht das Thema Datensicherheit in tele­medizinischen Projekten im Vordergrund.

Eine andere Marburger Fachärztin für Allgemeinmedizin, Dr. Barbara Froehlich, teilt Kretschmanns Sichtweise größtenteils und hat ebenfalls nicht vor, ihre Patienten über das Internet zu behandeln. Doch sie sieht einen anderen Vorteil an Video-Sprechstunden: „In Ländern wie Australien, in denen es diese Sprechstunden schon gibt, leben Menschen oft viel weiter weg von der nächsten Arztpraxis.“ In solchen Fällen kann ärztliche Beratung über Video Leben retten. Man müsse auch keine mehrstündigen Fahrten auf sich nehmen, um eine einfache Wunde zu ver­pflegen, meint die Allgemeinmedizinerin.

Joachim März, Facharzt für Allgemeinmedizin in Stadtallendorf, denkt, dass die meisten Fälle über Video geklärt werden könnten. Es gehe oft nur um „Anfragen oder Fragestellungen“, doch es bestehe noch Bedarf, eine sichere Verbindung zwischen Arzt und Patient zu gewährleisten, die Datenmissbrauch verhindert.

Auch das System der Krankenkarten und die allgemeine rechtliche Lage würde es Medizinern noch erschweren, diese neue Art, mit Patienten zu kommunizieren, flächendeckend einzuführen.

Der Frankfurter Internist Pavel Khaykin ist überzeugt von Video-Sprechstunden. Seit Anfang August bietet er diesen Service an: „Aber bisher gab es noch keine einzige Anfrage.“ ­Khaykin und eine Handvoll weiterer ­Mediziner verschiedener Fachrichtungen in Hessen bieten ­ihre ­Video-Sprechstunden über eigene Online-Portale an. Es ­gehe um sensible Daten, daher könne man nicht einfach Programme wie Skype oder Face­time verwenden, erklärt Dr. Khaykin. Ärzte, die diesen Service anbieten, müssen diese Übertragungen speziell verschlüsseln, dürfen sie nicht aufzeichnen und benötigen außerdem eine schriftliche Einwilligung des Patienten.

Die Landesärzte­kammer Hessen ist ebenfalls ­offen für Video-Sprechstunden. Sie seien jedoch nicht für alles geeignet, sondern vor allem für die „Überwachung chronisch Kranker, bei Wundkontrollen oder Ersteinschätzung“.

Patienten ausschließlich aus der Ferne zu behandeln, sei dagegen laut Berufsordnung nicht erlaubt, betont Kammer-Präsident Gottfried von Knoblauch zu Hatzbach: „Wenn ein Arzt seine Patienten dagegen kennt und sie etwa bei leichten Erkrankungen oder Routinefällen telemedizinisch behandelt, dann sind die bequemen, schnellen und effizienten Informations- und Kommunikationsprozesse ausdrücklich zu begrüßen.“ Auch der Kammerpräsident geht davon aus, „dass diese Angebote weiter zunehmen“.

von Daniel Burket und unserer Agentur

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr