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Todesgefahr in Wald und Stall

Schweinepest Todesgefahr in Wald und Stall

Experten sind sich sicher: Die Frage ist nicht, ob die Afrikanische Schweinepest in Deutschland ankommt, sondern wann. Diese Einschätzung des Bundesforschungsinstituts für Tiergesundheit teilen hiesige Fachleute.

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Im Kreis Marburg-Biedenkopf leben rund 30 000 Schweine in landwirtschaftlichen Betrieben. Bei einer Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest wären die Hausschweinbestände bedroht. Von dem Virus werden Wildschweine befallen, doch es könnte auch auf Hausschweine übergreifen.

Quelle: Nadine Weigel

Marburg. So stützt sich auch Tierarzt Dirk Behnke auf die Prognose des Friedrich-Loeffler-Instituts, wenn man ihn nach seiner Einschätzung zur weiteren Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest fragt. „Alle Veterinärämter in Hessen sind mit Notfallkoffern ausgerüstet“, berichtet der Fachdienstleiter Veterinärwesen und Verbraucherschutz beim Landkreis Marburg-Biedenkopf. Schutzkleidung, Desinfektionsmittel, Warnschilder, außerdem Material, um Proben von möglicherweise mit dem Virus infizierten Schweinen zu nehmen, gehören zu dieser Ausrüstung ( Foto: Thorsten Richter).

Im Ernstfall stünden einem Krisenstab zudem Zelte zur Verfügung, in denen kontaminierte Gegenstände und Fahrzeuge desinfiziert werden könnten, falls das Virus im Landkreis auftreten sollte. „Was die Verbreitung angeht, ist die größte Unsicherheit immer der Mensch“, erklärt der Veterinär und erinnert an die Vogelgrippe, die 2016 auch im Landkreis ankam. „Tierhalter vergessen, die Kleidung oder die Schuhe zu wechseln – und schon gelangt das ­Virus von draußen in den Stall“, nennt er ein Beispiel.

Die große Gefahr: Speisereste

Die Afrikanische Schweinepest breitet sich über Reisebewegungen kontaminierter Fahrzeuge weiter aus, zudem über die Warenströme. „Deshalb weisen Plakate auch überall darauf hin, dass die Leute ihre Essensreste ordnungsgemäß entsorgen sollen“, führt Behnke auf. Denn das Virus kann von Wildschweinen an Hausschweine übertragen werden, wenn das Schwarzwild damit in Berührung kommt.

Die Erreger könnten beispielsweise in gepökeltem Schinken bis zu sechs Wochen überleben, bis zu sechs Monate in tiefgekühltem Fleisch, sagt Behnke. Die Möglichkeiten der Ausbreitung sind somit vielfältig. Und die Folgen sind verheerend. Alarmstufe Rot tritt ein, wenn befallene Wildschweine tot im Wald aufgefunden werden. „Ist ein Tier infiziert, erliegt es in weniger Tagen der Krankheit“, sagt der Tierarzt und spricht von Grippesymptomen wie Husten, Schnupfen, hohes Fieber und Durchfall. Tupferproben von toten Wildschweinen im heimischen Wald würden bereits regelmäßig genommen. „Die Jäger sind mit dem Material ausgestattet und geben solche Proben auch hier ab. Außerdem testen wir auch Wildschweine, die bei Verkehrsunfällen getötet werden.“  

Erkrankte Mastschweine müssen gekeult werden

Über das Zentrallager für Tierseuchenbekämpfung in Wetzlar können die Veterinäre im Fall eines Ausbruchs beispielsweise auf Desinfektionsschleusen und Elektrozangen zurückgreifen, falls Schweine eingefangen und getötet werden müssen, erklärt Behnke. Denn das würde einen Ausbruch unweigerlich mit sich bringen: „Ist ein Bestand von der Afrikanischen Schweinepest befallen, dann müssen alle Tiere gekeult werden, um eine weitere Ausbreitung zu verhindern, auch schon im Verdachtsfall“, erklärt der Veterinär. Es gibt keinen Impfstoff gegen die Seuche.

 Zwar könnten sich Menschen nicht mit dem Virus infizieren, „doch die Krankheit würde sich unweigerlich weiter ausbreiten, wenn das Fleisch nicht vernichtet würde“, stellt Behnke klar. Die Schweinehalter werden in solchen Fällen durch die Seuchenkasse entschädigt.

Jagd aufs Wildschwein: Steigende Abschusszahlen

Schweinemäster Heinrich Fritz-Emmerich aus Leiden­hofen macht sich um seinen Bestand von rund 500 Schweinen nur indirekt Sorgen. „Wir halten die Hygienevorschriften genau ein, ich kann mir nicht vorstellen, dass das Virus bei uns in den Stall gelangt“, sagt der 49-Jährige und schildert, dass alle, die den Stall betreten, grundsätzlich zuvor ihre Kleidung und die Schuhe wechseln müssen. Unruhig wird Fritz-Emmerich vor allem, wenn er ans Image von Schweinefleisch denkt. „Ich bin mir sicher, dass die Schweinepest hier ankommt – und dann werden die Leute kein Schweinefleisch mehr essen wollen.“ Die unweigerliche Folge: Preisverfall. „Eine schlimme Sache für Mastbetriebe, denen dann die Existenzgrundlage wegbrechen kann“, befürchtet der Schweinemäster.

Indes versuchen Forstbehörden und Jägerschaft schon seit Jahren, einer weiteren Ausbreitung der Schweinepest vorzubeugen, in dem sie die Schwarzwildbestände minimieren ( Foto: Horst Ossinger). Nach dem Motto: Um so weniger Wildschweine, um so geringer die Chancen einer weiteren Verbreitung des Virus. Darüber berichtet Bernd Wegener, kommissarischer Leiter des Forstamts Kirchhain. Schlechte Zeiten für Wildschweine, könnte man sagen, denn mit Ausnahme der sogenannten führenden Bachen, sprich: der Muttertiere mit Nachwuchs, sind inzwischen alle Wildschweine zum Abschuss freigegeben. Also auch stärkere Keiler, die sonst nur  gegen ein zusätzliches Entgelt erlegt werden dürfen, erklärt Wegener hinsichtlich der Jagdgesellschaften, die das Forstamt im Staatswald organisiert.

Rund 62 000 Wildschweine in Hessen

Im Forstamtsbezirk Kirchhain, der sich von Marburg über die südlich gelegenen Kommunen bis nach Neustadt ganz im Osten des Landkreises erstreckt, haben die Jäger ihre Abschusszahlen im Staatswald erheblich erhöht. Vom Mai bis Dezember 2017 erlegten sie auf einer Fläche von 4700 Hektar insgesamt 250 Wildschweine. Wegener geht davon aus, dass bis zum Ende des Jagdjahres im April noch weitere 50 geschossene Sauen dazukommen – das wäre dann eine Verdoppelung der Abschusszahl im Vergleich zum Vorjahr, berichtet er.
In der aktuellen Saison erlegten Jäger im gesamten hessischen Staatswald während der von Hessenforst organisierten Jagdgesellschaften bislang 9640 Wildschweine. In der Vorjahressaison waren es nur 7600 Tiere, nennt Wegener die aktuellen Vergleichszahlen für das hiesige Bundesland.

In Hessen gibt es laut Umweltministerium derzeit rund 62 000 Wildschweine, von denen etwa 52 000 Frischlinge verschiedener Altersklassen sind.

Die Forstbehörden setzen auf die höheren Abschusszahlen, doch aufgrund der Jagdgesellschaften sieht Wegener darin auch eine Gefahr für eine weitere Ausbreitung der Afrikanischen Schweinepest. „Schließlich haben wir regelmäßig auch Gäste aus dem Ausland mit dabei – und Jäger können das Virus über ihre Kleidung natürlich auch von einem Wald in einen anderen bringen“, gibt der Forstamtsleiter zu bedenken.

Wohin mit all dem Wildschweinbraten?

Im Forstamt fragt man sich indes: Wohin mit all dem Wildschweinbraten? Das Amt setzt seine Ware an Händler, Metzger und die Gastronomie ab. „Die Bestände sind allerdings schon relativ voll – wir versuchen, die Privatabnehmer jetzt mit besseren Angeboten anzulocken“, berichtet Wegener.

von Carina Becker-Werner

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