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„Ärztezentren sind kein Allheilmittel“

Hausarztmangel im Landkreis „Ärztezentren sind kein Allheilmittel“

Auf Initiative der Linken hielt der Kreistag eine Aktuelle Stunde zur medizinischen Versorgung ab. Anlass war die Situation in Dautphetal, wo zwei Hausärzte ihre Praxen 2018 schließen und bisher keine Nachfolger haben.

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Eine Hausärztin untersucht in ihrer Praxis einen Patienten. In der Kreispolitik bleibt die drohende hausärztliche Unterversorgung ein heiß diskutiertes Thema, Lösungen werden dringend gesucht.

Quelle: Archivfoto

Marburg. Vom Kreistag erhielt der Kreisausschuss im Februar 2016 den Auftrag zu prüfen, inwieweit die Einrichtung von kreiseigenen Versorgungszentren zur Sicherstellung der ärztlichen Versorgung im ländlichen Raum des Kreises beitragen könne. Dreizehn Monate später, im März dieses Jahres, richtet der Kreisausschuss dann eine Anhörung mit Vertretern des kommunalen Ärztezentrums Büsum aus. Als Experten waren auch heimische Ärztesprecher und der Vorstandsvorsitzende der Kassenärztlichen Vereinigung Hessen (KV), Frank Dastych, vertreten. Kreistagsvorsitzender Detlef Ruffert, die Fraktionsvorsitzenden und alle Bürgermeister verfolgten die Anhörung der Fachleute mit.

Faktencheck

In der Bedarfsplanung teilt die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) den Landkreis in fünf sogenannte Mittelbereiche ein. Freie Hausarztsitze registriert die KV derzeit nur im Mittelbereich Biedenkopf, dort sind es 5,5 Hausarztsitze, und im  Mittelbereich Stadtallendorf, wo derzeit eine neue Niederlassung möglich wäre. In den Mittelbereichen Gladenbach, Marburg und in Kirchhain gibt es laut KV derzeit keine freien Sitze. 

Die KV fördert die Ansiedlung von Hausärzten, wenn eine Unterversorgung droht. Im Mittelbereich Biedenkopf bietet sie für 3,5 Arztsitze und in Stadtallendorf für einen Arztsitz einen Niederlassungs-­Anreiz von jeweils bis zu 66.000 Euro. Als derzeit größtes Problem bewertet die KV die Überalterung der niedergelassenen Hausärzte. Das Durchschnittsalter der Hausärzte im Landkreis liegt bei etwa 55 Jahren. Im mittleren und westlichen Teil des Landkreises dominiert ein Altersdurchschnitt zwischen 55 und 60 Jahren. Noch beurteilt die KV die hausärztliche Versorgung im Landkreis als gut. Doch müssen bis 2020 voraussichtlich für bis zu 43 Sitze Nachfolger gefunden werden.

Quelle: Dossier zur Anhörung des Kreisausschusses mit dem Ärztezentrum Büsum und der Kassenärztlichen Vereinigung, verfasst von Dr. Birgit Wollenberg, Leiterin des Fachbereichs Gesundheit beim Landkreis, und Rolf Reul, Mitarbeiter des Fachbereichs Gesundheit.

Auch deshalb regte Die Linke am Freitag im Kreistag eine Aktuelle Stunde zur medizinischen Versorgung an. Es sei eine gute Gelegenheit, die Erkenntnisse aus der Anhörung mit den Ärzten aus Büsum öffentlich im Kreistag zu behandeln. Für die Linken drängte Dr. Ingeborg Cernaj darauf, dass der Landkreis nun handeln und ein Versorgungszentrum bauen müsse. „Das Worst-Case-Szenario ist in Dautphetal eingetreten, die Landrätin ist am Zug“, sagte Cernaj und verwies darauf, dass die Situation in Büsum vor dem Bau des dortigen kommunalen Ärztezentrums so gewesen sei wie aktuell in Dautphetal.

Harald Althaus (SPD) sah das anders. Die Situation in Dautphetal sei keineswegs überraschend für SPD und CDU. Man sei vorausschauend gewesen, habe die Möglichkeiten eines MVZ erörtert und komme zu dem Schluss, dass dies „kein Allheilmittel“ sei. Neben dem hohen Haftungsrisiko, dass der Kreis beim Bau und Betrieb eines MVZ tragen müsse, käme hinzu, dass ein Versorgungszentrum die Zentralisierung von Arztsitzen noch weiter fördern würde, dass Praxen in der Fläche dadurch zunehmend verloren gingen. „Nur in Zusammenarbeit mit Ärzten und der Kassenärztlichen Vereinigung können wir eine Lösung finden“, sagte Althaus und nahm Bezug auf die Bedarfsplanung der KV. So möge die Versorgung in den fünf Mittelbereichen, in die der Landkreis eingeteilt ist, rechnerisch noch funktionieren, aber nicht auf der Gemeindeebene. Wetter und Rauschenberg kämen auf einen hausärztlichen Versorgungsgrad von 74 Prozent, Amöneburg erreiche nur 34 Prozent. Die Mittelbereiche als Planungsgröße seien gefährlich, sie spiegelten den tatsächlichen Bedarf nicht wider, warnte Althaus.

Auch Werner Waßmuth, CDU-Fraktionsvorsitzender, kritisierte die Bedarfsplanung der KV. „Insgesamt gelten wir als überversorgt in Marburg-Biedenkopf, aber die Situation vor Ort wird völlig anders bewertet.“ Die KV müsse darauf achten, dass die Versorgungsdichte in der Stadt und auf dem Land gleich gut seien. Gegenwärtig gelinge es nicht, junge Mediziner für die Arbeit in Landarztpraxen zu gewinnen. Deshalb müsse die Niederlassungspolitik neu geregelt werden, sagte Waßmuth und ging zugleich davon aus, dass es innerhalb der nächsten Jahre nicht gelingen werde, den Mangel zu beseitigen, „auch, weil es zu wenig Studienplätze gibt“.

„Die dezentrale Versorgung muss der Weg sein“

Bernd Schmidt (FW), Kreistagsmitglied und Bürgermeister von Dautphetal, beschäftigt sich aufgrund der Situation in seiner Gemeinde derzeit besonders intensiv mit der hausärztlichen Versorgung. „Jetzt haben wir nur noch ein Jahr Zeit. Ein medizinisches Versorgungszentrum ist keine Lösung, die dezentrale Versorgung muss der Weg sein“, erteilte auch er dem Vorschlag der Linken nach dem sofortigen Bau eines Versorgungszentrums eine Absage. Er setze für Dautphetal auf eine Lösung im Zusammenspiel von Kreis, Ärzteschaft und Kommunen. Vor allem müsse die Vorstellung von der Arbeit als Hausarzt verändert werden, fand Schmidt.

Die Rede sei stets von unregelmäßigen Arbeitszeiten und von übermäßiger Belastung. Fakt sei, dass feste Sprechstunden auch eine geregelte Arbeitszeit ermöglichten, Hausbesuche fänden kaum noch statt. „Und manche Ärzte haben ihre Praxis auf dem Land und wohnen in der Stadt, es gibt ja keine Residenzpflicht – es spricht nichts dagegen, zu pendeln, wenn junge Ärzte lieber in der Stadt leben wollen“, betonte er und wünschte sich, dass angehenden Medizinern mehr Praktika bei Hausärzten ermöglicht würden. „Dann könnten sie feststellen, dass der Dienst in einer Hausarztpraxis vielleicht auch attraktiver ist als 36- bis 48-Stunden-Schichten im Krankenhaus.“

Finanzielle Anreize für künftige Landärzte

Professor Ulrich Mueller (FDP) gab zu bedenken, dass man einst, mit dem Wegfall der Dorfläden, ähnliche Diskussionen über den Einzelhandel geführt habe. „Der politische Einfluss ist gering“, beurteilte er die Situation und regte an: „Wenn wir die Ärzte nicht zur Landbevölkerung bringen können, müssen wir über bessere Möglichkeiten nachdenken, die Patienten auf dem Land zu den Ärzten in die Stadt zu bringen.“ „Wir sollten weiter beraten und die ärztliche Versorgung nicht durch Versorgungszentren noch weiter konzentrieren“, sagte Landrätin Kirsten Fründt (SPD). An Die Linke gewandt hielt Fründt fest: „Ich finde es nicht gut, dem Kreis zu unterstellen, er täte nichts, es wurde schon unglaublich viel getan.“

Als Beispiel nannte die Landrätin Projekte der Arbeitsgruppe „Medizinische Versorgung im Landkreis“, das für die Einrichtung eines Kurrikulums Primärmedizin gesorgt habe, „wodurch junge Mediziner finanzielle Anreize bekommen, wenn sie ihr praktisches Jahr bei einem Landarzt machen“. Es gebe ein Weiterbildungsverbund für Landärzte am UKGM – und auch am DRK-Krankenhaus in Biedenkopf soll ein solcher Verbund noch entstehen, um die Attraktivität der Landarztarbeit jungen Medizinern näherzubringen, sagte Fründt. Sie nahm zugleich die heimischen Bundestagsabgeordneten Sören Bartol (SPD) und Dr. Stefan Heck (CDU) sowie die Landtagsabgeordnete Angelika Löber (SPD) – alle auch Mitglieder des Kreistags – in die Pflicht.

Fründts Auftrag an die Abgeordneten: Man möge in der Bundes- und Landespolitik Einfluss nehmen auf die Gestaltung der Mittelbereiche bei der KV, damit die ärztliche Unterversorgung auf dem Land behoben werden könne.

von Carina Becker-Werner

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