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Ärzte-Bereitschaft zieht auf Lahnberge

Gesundheit Ärzte-Bereitschaft zieht auf Lahnberge

Der Ärztliche Bereitschaftsdienst ist ab 4. Juli auf den Lahnbergen beheimatet. Der Standort Universitätsklinikum Gießen-Marburg (UKGM) löst das Diakoniekrankenhaus Wehrda ab. Die Notaufnahme bleibt künftig Schwerverletzten vorbehalten, alle anderen werden zuerst von den Allgemeinmedizinern untersucht.

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Die Allgemeinmediziner Dr. Barbara Froehlich und Hans-Helmut Meiß (Vordergrund) organisieren den Ärztlichen Bereitschaftsdienst, der ab 4. Juli (19 Uhr) am UKGM, kurz hinter dem Osteingang beheimatet ist. Foto: Björn Wisker

Marburg. Ab kommenden Dienstag (4. Juli, 19 Uhr) wird der Ärztliche Bereitschaftsdienst nicht mehr in Wehrda sondern nahe des Osteingangs des Klinikums arbeiten. Künftig werden dort nach Sprechstunden-Ende der Hausärzte im Landkreis zwei bis drei niedergelassene Mediziner die Patienten versorgen. Das teilte die Kassenärztliche Vereinigung Hessen (KV) gestern mit. Mit dem Umzug von Wehrda auf die Lahnberge trage man den – aus KV-Daten ermittelten – Patientenströmen Rechnung, die immer häufiger mit Ohren- und Mandelschmerzen oder einem grippalen Infekt“ statt des Diakoniekrankenhauses die Universitätsklinik aufsuchen.

Die Erstuntersuchung durch einen der zwei Bereitschaftsärzte nahe des Osteingangs ist ab 4. Juli der Behandlung in der Notaufnahme vorgeschaltet. Ziel dieser Umstrukturierung ist es nach Angaben des Universitätsklinikums, zu filtern, welcher Patient welche medizinische Behandlung benötigt. „Die Notaufnahme ist für die Not da, etwa für ­Opfer von Verkehrsunfällen, und nicht als Ersatz-Arztpraxis“, sagt Dr. Sylvia Heinis, UKGM-Verwaltungsleiterin. Jeder Patient, der gehfähig, nicht mit Rettungswagen oder Überweisung ins Klinikum eingeliefert werde - egal welchen Eingang er benutze - lande ab Juli zu den Öffnungszeiten zuerst beim ÄBD (siehe Infokasten).

"Deutlich unter einer Stunde"

„Dieser Schritt, die Etablierung des ÄBD am Klinikum ist ein logischer und sinnvoller Schritt in einer seit langem laufenden Entwicklung“, sagt Anna Roth, Kassenärztliche Vereinigung (KV). Ziel sei es, mit der Ansiedelung der Bereitschaftsärzte am Lahnberge-Krankenhaus in unmittelbarer Nähe zur Notaufnahme, „stabile und verlässliche Strukturen für Patienten und Ärzte gleichermaßen“ zu schaffen. Entscheidend für die Abkehr von Wehrda sei das am UKGM deutlich höhere Patientenaufkommen. „Die Menschen strömen vermehrt zur Uniklinik als zur Diakonie.“

Der ÄBD war seit 2013 in Wehrda, zuvor in Cappel angesiedelt. Dr. Barbara Froehlich, ÄBD-Obfrau, rechnet nach dem Umzug ab 4. Juli mit einem Anstieg, einer Verdoppelung der Behandlungszahlen. Schon zuletzt am Diakoniekrankenhaus seien innerhalb weniger Stunden Dutzende Patienten gekommen, „der Andrang ist kaum zu bewältigen, oft werden dort wichtige ärztliche Kapazitäten blockiert“, sagt sie. Die Wartezeiten lagen am Standort Wehrda laut Froehlich trotzdem bei „deutlich unter einer Stunde“, in der UKGM-Notaufnahme seien es häufig eher drei bis vier Stunden. „Dieser Schritt ist ein Quantensprung für die Versorgung der Menschen in der Region“, sagt Professor Harald Renz, Ärztlicher Direktor am Uniklinikum. Die Notaufnahme werde „überschwemmt“ von Patienten, die „in Hausarztpraxen besser aufgehoben wären“. Die Verknüpfung zwischen Unimedizin und niedergelassenen Ärzten sei lange ausgeblieben, doch von dem Schritt werde jeder profitieren, wie die 2016 eingerichtete Kinder- und Jugend-Ärztebereitschaft beweise.

Etwa zehn Prozent aller Behandelten, so hat es die KV ermittelt, seien „echte Notfälle“. Sechs statt wie bisher drei Räume stehen dem ÄBD zur Verfügung, die technische Ausstattung sei so, wie bei jedem Hausarzt üblich. Man arbeite und organisiere sich jedoch unabhängig vom Klinikum, erläutert Dr. Hans-Helmut Meiß, ÄBD-Obmann. „Das sind getrennte Systeme, wir sind die ersten medizinischen Ansprechpartner und diejenigen, die bei Bedarf zu den nahen Fachärzten überweisen.“

Gladenbacher sammelten 6.357 Unterschriften

85 Ärzte im Landkreis sind Teil des Bereitschaftsdiensts, rund 250 weitere lassen sich gegen Bezahlung vertreten. Und Parkplätze für Hilfesuchende gebe­ es laut UKGM genug, da der ÄBD meist zu Zeiten arbeite, in denen die Parkdecks nicht ausgelastet seien - und eine grundsätzliche Erweiterung der Stellflächen am Lahnbergeklinikum sei bereits in Planung, erläutert Dr. Sylvia Heinis.

Hintergrund: Einst organisierten Ärzte im Landkreis die Bereitschaftsdienste untereinander, danach übernahm die Kassenärztliche Vereinigung (KV) die Koordinierung und organisierte um. 2013 fiel die Entscheidung, die Bereitschaftszentren Gladenbach, Biedenkopf und Stadtallendorf zu schließen, nach Marburg zu verlegen. Die Konsequenz: längere Fahrtwege für Patienten. Die Gladenbacher sammelten damals 6357 Unterschriften ­gegen die Standortschließung - erfolglos. Die KV zeigte sich damals überzeugt, dass sich „die ambulante Versorgung außerhalb der sprechstundenfreien Zeiten verbessern“, weil sie sich dann auf mehrere Ärzte mit unterschiedlichen Aufgaben verteile. Es werde „vermieden, dass Patienten abends, nachts oder am Wochenende keine Praxis aufsuchen können, weil der Bereitschaftsarzt gerade zu einem Hausbesuch unterwegs ist“. Marburg ist eines von mittlerweile 67 Bereitschaftszentren in Hessen.

Grundsätzlich: Der ÄBD grenzt sich von der notärztlichen Versorgung, erreichbar über Telefonnummer 112, ab: Bei starken Herzbeschwerden, Bewusstlosigkeit, schweren Verbrennungen oder anderen akut lebensbedrohlichen Symptomen sollen Patienten sofort den Rettungsdienst anfordern - nur so könne Hilfe innerhalb kürzester Zeit garantiert werden.

  • Die Telefonnummer des Ärztlichen Bereitschaftsdiensts lautet: 116117

von Björn Wisker

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