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Aus dem Labor ins zweite Leben

Beagles Aus dem Labor ins zweite Leben

Egal ob Medikamente oder Parasitenmittel: Bevor sie eingesetzt werden, müssen sie getestet werden. Fast immer werden dafür Beagles genommen. Marion Weigel ermöglicht ehemaligen Labortieren ein zweites Leben.

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Mit Frauchen Marion Weigel tollen Buddy, Georgia und Mikey (von links) gern im Garten herum.

Quelle: Maren Schultz

Hatzfeld. Wer zu Marion Weigel will, muss nicht lange suchen. Am Gartentor weist ein Schild darauf hin, dass hier nicht nur Menschen wohnen. In den Fenstern kleben gebastelte Hundeköpfe. Und ab und zu klettert auch mal ein echter Vierbeiner auf die Fensterbank und schaut hinaus. Kein Wunder: Marion Weigel und ihre Tochter Victoria leben mit ihren drei Beagles Buddy, Georgia und Mikey sowie Pflegehund Wanja zusammen.

In Marburg geboren wohnt die 47-Jährige heute kurz hinter der Kreisgrenze in Hatzfeld-Holzhausen und arbeitet als Polizistin in Biedenkopf. Ihre Freizeit jedoch hat sie den kleinen gefleckten Hunden verschrieben. Sie ist aktives Team-Mitglied im Verein Laborbeaglehilfe, bietet Pflegestellen für Tiere an, die gerade aus Versuchslaboren entlassen wurden und sucht neue Besitzer.

Seit Juli gibt es eine Entlassungswelle

Der Verein Laborbeaglehilfe kooperiert mit knapp zehn Instituten in Deutschland, die Beagle in ihren Laboren für Tierversuche halten. Welche Unternehmen das sind, und was genau an den Tieren getestet wird - in diesen Fragen hat sich der Verein zur Verschwiegenheit verpflichtet. „Es sind Pharmaunternehmen“, sagt Weigel. „Getestet werden Medikamente, Impfstoffe, Parasitenmittel und OP-Methoden, aber auch für die Weiterentwicklung der Krebstherapie, Orthopädie und Zahnmedizin werden Beagles eingesetzt.“ Manche Hunde würden aber auch nur in Kontrollgruppen gehalten.

Die Tiere, die die Labore abgeben, sind meist zwischen zwei und vier Jahre alt. „Manchmal sind aber auch Welpen oder sehr alte Tiere dabei“, sagt Weigel. Seit Juli sind deutschlandweit 35 Hunde aus Laboren abgegeben worden - eine wahre Entlassungswelle. „Die meisten haben wir schon vermittelt. Aber dass so viele Beagles auf einmal freigegeben werden, das ist schon ungewöhnlich.“ Und deswegen werden jetzt viele neue Hundebesitzer gesucht.

Doch wer sich für einen Laborbeagle entscheidet, sollte wissen, auf was er sich einlässt. Die Tiere sind weder stubenrein, noch können sie an der Leine gehen. „In den meisten Fällen lernen sie das aber sehr schnell“, beruhigt Weigel. Normal sei, dass die Tiere so gut wie nichts kennen, was sie in ihrem neuen Leben erwartet: kein Gras, keinen Regen oder Wind, keine Autos, keine anderen Tiere. „Beagles sind aber von Natur aus Optimisten“, erklärt Weigel. „Sie passen sich schnell an eine neue Umgebung an.“

90 Prozent aller Hunde in Labors sind Beagles

Doch ausgerechnet ihr Optimismus ist es, der Beagles zu der Hunderasse für Tierversuche schlechthin macht. 90 Prozent der rund 6000 zugelassenen Laborhunde in Deutschland sind Beagles (Zahlen aus 2011). „Beagle erwarten nur Gutes. Das ist eine ideale Voraussetzung für den Einsatz in Laboren“, so Weigel. Außerdem seien sie als Meutehunde gut in Gruppen zu halten. „Durch ihre geringe Größe bleiben auch die Futterkosten in Grenzen - was aber nicht heißt, dass Beagles nicht verfressen sind. Ganz im Gegenteil.“

Was zunächst nach einem unkomplizierten Familienhund klingt, hat aber auch seine Tücken. „Ja, Beagle sind kinderlieb und kommen auch mit anderen Haustieren klar. Sie sind neugierig und freundlich, verspielt und intelligent. Aber...“ - Weigel holt tief Luft: „Sie sind keine Anfängerhunde.“ Ihr ausgeprägter Jagdtrieb erfordere eine konsequente Erziehung.

„Wenn Beagles nicht beschäftigt werden, beschäftigen sie sich selbst“, sagt Weigel. „Meistens, indem sie irgend etwas kaputt machen.“ Nur mit langen Spaziergängen und geistiger Beschäftigung wie Suchspielen und Tricks könne man erreichen, dass der Hund zwischen durch auch mal Ruhe gebe.

Marion Weigel und ihre Beagles sind mittlerweile auch über Hatzfeld hinaus bekannt. Die Leute wissen, dass Weigel für die Laborbeaglehilfe arbeitet und häufig Pflegehunde hat, die gerade aus einem Labor entlassen wurden. „Oft waren die Menschen überrascht, dass die Hunde nicht völlig am Ende sind“, erinnert sie sich. Viele Menschen glauben, dass die Tiere in den Labors qualvoll zu Tode gefoltert würden. „Sicher“, sagt Weigel, „viele Beagles bleiben auch bis zu ihrem Tod dort. Doch aus den Tieren, die freigegeben werden, kann man fast immer noch einen normalen Familienhund machen.“

Bestes Beispiel dafür ist Weigels Hundedame Georgia. Die ersten eineinhalb Jahre ihres Lebens verbrachte sie in einem Labor - und ist heute genauso freundlich, neugierig und umgänglich wie ihre Freundin Buddy, die Weigel als Welpe von einem Züchter gekauft hat.

Hintergrund

  • Der Verein Laborbeaglehilfe wurde 2007 in Langgöns gegründet, hat seinen Sitz aber mittlerweile im nordrhein-westfälischen Verl.
  • Neben Laborbeaglen vermittelt er auch sogenannte Vermehrerhunde  – Tiere aus dubiosen Massenzuchten – sowie Jagdhunde aus dem Ausland.
  • 1500 Tiere hat der Verein seit seiner Gründung vermittelt. Der Verein betont, dass seine Mitglieder keine militanten Tierschützer seien, sondern es vor allem um eine Zusammenarbeit mit den Laboren gehe, um den Tieren nach ihrer Entlassung ein zweites Leben zu ermöglichen.
  • Deswegen will der Verein auch nicht über Sinn oder Unsinn von Tierversuchen diskutieren, die vom Gesetzgeber vorgeschrieben sind. Je nach Alter des Tieres wird bei Vermittlung eine Schutzgebühr zwischen 100 und 300 Euro fällig.
  • Weitere Informationen unter  www.laborbeaglehilfe.de

von Maren Schultz

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