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Aus Schandfleck wird Schmuckstück

Sanierung der Fronhof-Fachwerkhäuser Aus Schandfleck wird Schmuckstück

Die Sanierung der Fronhof-Fachwerkhäuser steht vor dem Abschluss. Ab Februar wird die Otto-
Ubbelohde-Schule die 
Gebäude vor allem für die Mittagsbetreuung der bis zu 250 Jungen und 
Mädchen nutzen.

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Einst Schandfleck, nun auf dem Weg zum Schmuckstück: Das ehemalige Werkstattgebäude auf dem Hofgelände am Fronhof.

Quelle: Björn Wisker

Marburg. Grundschüler lernen in geschichtsträchtigen Gebäuden: Mehr als zwei Millionen Euro hat der Magistrat nach eigenen Angaben in den Umbau und die Neugestaltung des Fronhof-Geländes an der Universitätsstraße investiert.

Die nun mit Stegen und Durchgängen verbundenen Gebäude beherbergen auf rund 700 Quadratmetern mehrere Lern- und Gruppenräume, 
eine Bibliothek sowie die Essensausgabe samt Speisesälen. Ziel der Schule ist es, dass die Mittagsbetreuung Anfang Februar aus ihren Zimmern in der angrenzenden Universitäts-
straße 4 umziehen wird. 
„Eine gewöhnliche Aufgabe war es nicht, diese alten Häuser in Funktionsgebäude für Schulzwecke umzuabauen“, sagt Thomas Oesterle, Marburger Architekt, der auf die Sanierung historischer Gebäude spezialisiert ist.

Alte Holzkonstruktionen
 sind erhalten worden

Die Fronhof-Fachwerk-
 häuser sind 1686 (Scheune) und 1899 (Pferde- und Kuhstall) errichtet worden. Die beiden ehemaligen von der Straßenseite kaum sichtbaren Werkstattgebäude sind Teil des Fronhofs, der seit dem Jahr 1200 als landgräfliche Hofanlage nachgewiesen ist. Laut Bauamt stellen die Gebäude, mit dem Verweis auf den Denkmalschutz, ein „im Kernstadtbereich selten gewordenes geschichtliches Zeugnis“ dar.

Deshalb wollten Oesterle und die Handwerker so viele Besonderheiten wie möglich erhalten. Das gelang etwa mit vielen jahrhundertealten Holzbalken – darunter die sogenannten Sprengwerkkonstruktionen im Dachgeschoss – Eisenstangen oder der preußischen Kappendecke, die aufgehübscht und in die Raumnutzung integriert worden sind, erläutert Johann Oesterle, ebenfalls am Sanierungs-Projekt beteiligter Architekt.

Auch einige Kratzputz-
Elemente an der Fachwerkfassade konnten trotz des fortgeschrittenen Gebäude-Verfalls gerettet werden. Sie seien die einzigen gewesen, die noch restaurierbar waren – andere, die „maximal noch schemenhaft zu erkennen gewesen sind“, seien für Denkmalschützer dokumentiert worden.

Bei dem Areal habe es sich nach Angaben der Stadt um 
eines mit „erheblichem städtebaulichen wie architektonischem Modernisierungspotenzial“ gehandelt. Das ist der Grund, wieso die Stadt aus der Fronhof-Remisen-Sanierung ein überregional beachtetes Projekt gemacht hat. Und dieses ist laut Thomas Oesterle „ziemlich einzigartig“ – gerade bezogen auf Energieaspekte.

Schulleiter: „Das sind
nötige Verbesserungen“

Sowohl die Architekten als auch städtische Denkmalschützer hätten angesichts der hohen energetischen Anforderungen an die künftige Nutzung der historischen Gebäude „manches Mal schlucken müssen“, sagt Thomas Oesterle. So seien etwa Solarzellen an Fachwerkhäusern 
zwar „optisch gewöhnungsbedürftig“ – Handwerker installierten diese auf die Dächer der beiden angebauten Wintergärten. Jedoch würden die Photovoltaik ebenso wie die spezielle Dämmung bei der Energieeffizienz der Häuser helfen.

„Einige nötige Verbesserungen bringt das für uns, vor allem haben die improvisierten Essensräume nun ausgedient“, sagt Udo Damtsheuser, Leiter der Otto-Ubbelohde-
Schule (OUS). „Zudem entsteht ein ganz anderes Lernumfeld für die Schüler“ – auch durch eine neue, wesentlich größere Bibliothek. Der Schule fehlt es speziell an Gemeinschaftsräumen – „in unseren größten wird es schnell eng, da müssen manchmal einige auf dem Boden sitzen“, sagt Damtsheuser. Die zusammenhängenden Fachwerkhäuser würden nun etwas Abhilfe schaffen. An der OUS werden derzeit 250 Schüler von der ersten bis zur sechsten Klasse unterrichtet.

Das Hofgelände ist im Zuge der Sanierung ebenfalls umgestaltet worden – und enthält einen Hinweis auf die Tätigkeit des Schul-Namensgebers: Ein Weg im Muster von Otto Ubbelohdes Pinselstrich ist in den Boden eingelassen, führt zu einem Rondell, das einen Farbtopf darstellen soll, vor dem Backstein-Erweiterungs-Bau.

Hintergrund der Umbauten, deren baurechtliche Planungen vor mehr als zehn Jahren begannen, sind sowohl die künftige Umgestaltung des nahen Allianz-Hauses (Gutenberg-Centers) als auch die Nutzung des Savigny-Hauses (Fachbereich Jura). Jedoch befindet sich die sogenannte Gemeinbedarfsfläche nicht in städtischem Besitz, es gab daher mehrere Rechtsstreits mit einem Eigentümer. Gerichte urteilten unterschiedlich, weshalb der vom Stadtparlament 2003 beschlossene Bebauungsplan jahrelang nicht umgesetzt werden konnte.

von Björn Wisker

 
Der Namensgeber
Otto Ubbelohde wurde 1867 in einem Haus neben der Elisabethkirche geboren. Er besuchte das Philippinum, lebte später in Weimar, München und Worpswede. Er kehrte um 1900 in den Landkreis zurück, wohnte in Goßfelden. In der Gemeinde ist ebenfalls eine Schule nach ihm benannt. Er wurde vor allem wegen seiner 450 Bilder, die er zu den Märchen der Gebrüder Grimm zeichnete, berühmt. Er starb 1922, wurde in Goßfelden beerdigt.
 
Marode Mauern, fragiles Fachwerk: Das ehemalige Werkstattgebäude vor Beginn der Sanierung. Archivfoto
 
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