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Aus Mangel an Zuwendung auf Schnäppchenjagd

Vortrag über Messies Aus Mangel an Zuwendung auf Schnäppchenjagd

„Die Trennung von einem Gegenstand ruft bei Messies Verlassenheitsgefühle hervor“, sagt der Psychoanalytiker Rainer Reh­berger. Beim Sammeln ­käme es den Erkrankten nicht auf die Art der ­Gegenstände an.

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Der Psychoanalytiker Rainer Rehberger praktiziert am Bodensee und hielt einen Vortrag im Marburger Rathaus.

Quelle: Freya Altmüller

Marburg. Der am Bodensee niedergelassene Arzt für Psychotherapeutische und Innere Medizin hat bereits mit rund 100 Messies in Gruppen- und Einzelbehandlung zusammengearbeitet. In einem Vortrag zur inneren Wirklichkeit von Messies im überfüllten Rathaussaal sprach er von seinen Erfahrungen.

Das Syndrom sei nicht als eigenständiges Krankheitsbild anerkannt, hatte eingangs Freya Wenzel-Voß vom Arbeitskreis Marburger Psychoanalytiker erklärt, der den Abend veranstaltete. Rehberger zufolge leiden Betroffene in der Regel unter fünf bis sechs unterschiedlichen Störungen.

In der Arbeit mit seinen Patienten konzentrierte sich der Psychoanalytiker auf deren frühe Kindheit. In Babytagebüchern las er nach, was die Mütter der Betroffenen über diese Zeit notiert hatten.

Sie wurden zum Essen, auf der Toilette oder im Bett gefesselt, es mangelte ihnen an menschlicher Nähe, weil sie beispielsweise zum Schlafen ins Wohnzimmer „abgeschoben“ wurden.

„Gefühl der Leere wird ein Stück weit unterdrückt“

Um den Schmerz und die Trauer darüber nicht zu spüren, könnten Kinder schon im Alter von einem Jahr lernen, ihre Gefühle zu unterdrücken und sich zu verschließen. Zu ihrer Mutter bauten sie dann eine sogenannte unsicher-vermeidende Bindung auf, bei der sie zwar keinen Schmerz, aber Stress empfänden.

Den Mangel an guter Zuwendung versuchten Betroffene, mit dem zwanghaften Kaufen von Schnäppchen auszugleichen. „Das Gefühl der Leere und Verlassenheit wird dadurch ein Stück weit unterdrückt“, sagte der Psychoanalytiker - eine Erfahrung, die aber immer wieder wiederholt werden müsse.

In der Therapie versuche er, mit den Patienten einen Zugang zu Schmerz und Trauer zu finden, betonte der Psychoanalytiker.

Vielen helfe es auch einfach, zu hören, dass sie sich für ihren Schmerz und den Zustand ihrer Wohnung nicht schämen müssten, weil es ja gute Gründe dafür gebe. Denn die Sammlung von Gegenständen sei für Betroffene wie ein Schutz gegen ihre depressive Verfassung, eine „Notlösung“.

von Freya Altmüller

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