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Aus Gülle wird Geld für die Dörfer

Energiewende Aus Gülle wird Geld für die Dörfer

„Gerade jetzt? Die Zukunft der Bioenergie ist regional“ Unter diesem Motto fand das sechste Forum der Bioenergie-Region Mittelhessen im Bioenergiedorf Erfurtshausen statt.

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Biomasse als Zukunftsoption für die Dörfer: Mehr als 100 Menschen hörten in Erfurtshausen Referate zu diesem Thema.

Quelle: Heinz-Dieter Henkel

Erfurtshausen. Das schmucke, kleine Bürgerhaus des Amöneburger Stadtteils war mit mehr als 100 Interessierten völlig ausgelastet, als Landrätin Kirsten Fründt nach Besichtigung der Heizzentrale im Ort den zweiten Teil des Forums mit den Referaten eröffnete. Sie betonte, dass sich der Landkreis fest vorgenommen habe, bis zum Jahre 2040 energieautark zu sein. Bürgermeister Michael Richter-Plettenberg versicherte in seinem Grußwort, dass schon aus ökonomischen Gründen die Energiewende nicht zu stoppen sei.

Diplom-Ingenieur Peter Momper berichtete als Referent von der veranstaltenden AC Consult & Engineering, das die Bioenergieregion Mittelhessen mit den Landkreisen Vogelsberg, Gießen und seit 2012 auch Marburg-Biedenkopf fachlich betreut, von dem neuesten Projekt. Dabei geht es darum, Landschaftshecken wieder zu pflegen und den Astschnitt energetisch zu verwerten. In einem Modellprojekt in Lautertal-Eichenrod habe man an einem Heckentag unter naturschutzfachlicher Begleitung die Hecken geschnitten und pro 100 Meter Erträge zwischen 15 Schüttraummetern bei der Niederhecke und bis zu 80 Schüttraummeter bei der Hochhecke mit Baummaterial erzielen können. Bei thermischer Verwertung des Astschnitts könne man einen großen Teil der Kosten für die Heckenpflege wieder zurückbekommen, versicherte Momper.

Rein rechnerisch stecke in einem Kilometer Schnittgut die Energie von rund 2900 Litern Heizöl, womit man ein Einfamilienhaus ein Jahr lang heizen könne. Aktuell seien Geographiestudenten der Uni Marburg dabei, die Hecken im Neustädter Stadtteil Momberg kartographisch aufzunehmen, um einen weiteren Modellversuch zu unternehmen.

Als Hauptredner blickte Professor Peter Heck von Institut für angewandtes Stoffstrommanagement der Hochschule Trier auf die Zukunft der Biomasse im System regionaler Energieversorgung. Die Gewinnung von Biomasse werde auch unter dem Aspekt des Klimawandels die Kulturlandschaft nachhaltig verändern. Er sprach von „Vermaisung“ der Landschaft und erinnerte daran, dass man bereits in früheren Zeiten reichlich Mais zur Schweinemast angebaut habe.

„Biomasse ist gespeicherte Energie“, sagte Heck mit Blick auf deren Nutzung. Deutschland werde man durch Biomasse jedoch nicht alleine Energieunabhängig machen können. Sie habe jedoch eine immense Bedeutung für den ländlichen Raum, insbesondere auch hinsichtlich der Wertschöpfung, die in der Region verbliebe. In seiner Vision müsse Biomasse dann zum Einsatz kommen, wenn Wind und Sonne zur Energiegewinnung nicht ausreichten.

Deutschland importiere pro Jahr fossile Energieträger für rund 100 Milliarden Euro und ignoriere die eigenen Potenziale. Grünschnitt werde derzeit nicht genutzt und müsse kostenaufwendig entsorgt werden. „Kompostierung ist kostenträchtige Vernichtung von Energie“, formulierte Heck drastisch.

Während man Gülle zur Gasgewinnung bereits vereinzelt nutze, habe man sich bisher an die Biomasse aus den Kläranlagen noch nicht herangetraut, sprach er eine weitere mögliche Energiequelle an.

Technisch sei die Energiewende ohne Weiteres möglich, fasste Heck zusammen. Derzeit habe sie aber ein Finanzierungsproblem, wetterte er in Richtung Berlin.

Nachdem Bernd Riehl von der Energiegenossenschaft Erfurtshausen über den aktuellen Stand und die weiteren Vorhaben informiert hatte, zeichnete die Bioenergie-Region Mittelhessen vier neue Partner der Region mit Urkunden für ihre Ideen und Konzepte zur Nutzung erneuerbarer Energien aus: neben der Erfurtshäuser Energiegenossenschaft auch den Lohraer Unternehmer Hans-Georg Hof für sein Projekt, mit selbstgepressten Strohballen Teile des Unternehmens zu heizen, Christian Schneider für seine Idee aus dem Abfallprodukt Holzspäne für Grill- oder Kaminanzünder zu verwenden und die Landwirte Marcus und Dietmar Klos für ihre Kooperation mit den Stadtwerken Gießen zu Nutzung der Abwärme ihrer Biogasanlage.

von Heinz-Dieter Henkel

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