Volltextsuche über das Angebot:

18 ° / 8 ° Regenschauer

Navigation:
Aus Fernost auf die Märchenstraße

Brüder Grimm / Otto Ubbelohde Aus Fernost auf die Märchenstraße

Einmal im Jahr beschäftigt sich eine japanische Forschergruppe vor Ort mit den Gebrüdern Grimm. Ein fester Programmpunkt der Märchenexperten: Der Landkreis und Otto Ubbelohde.

Voriger Artikel
Jugendliche schießen auf Stadtbus
Nächster Artikel
Blühende Wiesen statt karger Rasenflächen

Hinter jeder der 444 Zeichnungen von Otto Ubbelohde im Kreishaus steckt eine Geschichte. Professor Dr. Toshio Ozaka kennt sie und auch die dargestellten Orte aus dem Landkreis bis ins letzte Detail.

Quelle: Andreas Arlt

Marburg. Wenn Dr. Toshio Ozawa vor den einzelnen Zeichnungen von Otto Ubbelohde steht und auf japanisch beschreibt, was sich hinter den Bildern für Geschichten verbergen, sorgt er bei den 30 Personen in seinem Hintergrund für kollektive „Aaaaah“- und „Ooooooh“-Ausrufe. Der Professor ist selbst fasziniert von den Märchenbildern des gebürtigen Marburger Malers und Zeichners, der durch die Illustrationen zu den Kinder- und Hausmärchen der Gebrüder Grimm weltberühmt wurde. „Die Erzählweise der Märchen findet sich auch in den Bildern wieder. Durch Konkretes wird eine Fantasiewelt geschaffen“, beschreibt Ozawa eigentliche einen Widerspruch, den ihn aber seit der ersten Begegnung mit den Zeichnungen in seinen Bann zieht.

Das war Anfang der 70er Jahre, als der Germanist, der fließend deutsch spricht, zwei Jahre als Gastprofessor an der Phillipps-Universität Marburg lehrte. Promoviert hat der Japaner über die Gebrüder Grimm. „Die Erzählweise ist die gleiche, wie auch in japanischen Märchen“, sagt Ozawa. Und auch die Wirkung. Allein durch Worte, alleine durch das Lesen, ohne eine Aufnahme über die Ohren oder andere Sinne, entstünden trotzdem aus dem abstrakten konkrete Bilder in der Fantasie.

Und das nicht nur bei ihm, den Millionen Kindern, die Grimms Märchen weltweit gelesen haben. Das Interesse wird auch im fernen Japan geweckt. „Vielleicht liegt es auch daran, dass die Gebrüder Grimm als Buch verfügbar waren, noch bevor viele japanische Volksmärchen zu Papier gebracht wurden“, sagt Dr. Markus Morr, Pressesprecher des Landkreis Marburg-Biedenkopf.

Eine Randerscheinung sind die deutschen Märchen in Japan jedenfalls nicht. Mehr als 3000 Mitglieder zählt die Märchen-Akademie von Ozaka in dem fernöstlichen Land mittlerweile. Ein fester Bestandteil des Unterrichts sind die Gebrüder Grimm und auch regelmäßige Exkursionen nach Deutschland. Einmal pro Jahr brechen dann etwa 30 Akademiemitglieder unter der Leitung von Ozaka auf, um einen Teil der Märchenstraße kennenzulernen. Ein fester Bestandteil der mittlerweile 20 Touren: Die 444 Ubbelohde-Zeichnungen, deren Originale dem Landkreis gehören und als Kopien im zweiten und dritten Stock des Kreishauses ausgestellt sind, das Ubbelohde-Haus in Goßfelden und der Rapunzelturm in Amönau.

Aus der langjährigen Kontaktpflege von Ozaka mit dem Landkreis ist 2001 ein besonderes Projekt entstanden. Die CD-ROM „Otto-Ubbelohdes Illustrationen zu den Kinder- und Hausmärchen der Brüder Grimm“ konnte gemeinsam realisiert werden und erschien in Deutschland sowie in Japan. Wesentlich aufwendiger ist die Ausgabe in Japan in der Kombination von CD-ROM und Begleitbuch erschienen.

von Andreas Arlt

Im Blickpunkt: Toshio Ozawa

Der 1930 geborene Toshio Ozawa hat Germanistik studiert und promovierte 1956 über die Märchen der Brüder Grimm. Später wurde Ozawa Professor für Germanistik, vergleichende Literaturwissenschaften sowie Kinder- und Jugendliteratur. Von 1971 bis 1973 übernahm er eine Gastprofessor in Marburg am Institut für Europäische Ethnologie (Volkskunde). In diesen Jahren lernte Ozawa die Ubbelohde-Illustrationen im Marburger Landratsamt kennen, die seitdem immer wieder Anlaufpunkt seiner Besuche waren. 1992 gründete Ozawa in Japan eine Märchen-Akademie, die mittlerweile rund 3000 Mitglieder zählt. Seit 1994 organisiert er ehrenamtlich jedes Jahr für japanische Märchenforscher eine Exkursion auf den Spuren der Brüder Grimm in Deutschland. 2007 erhielt Ozawa den Europäischen Märchenpreis. Für sein jahrelangen Engagements für die Völkerverständigung wurde Ozawa 2011 der Ehrenbrief des Landes Hessen überreicht.

Voriger Artikel
Nächster Artikel

Auf der Meinungsseite der OP finden Sie Kommentare zu lokalen und regionalen Ereignissen und zum politischen Weltgeschehen. Sportliche "Einwürfe" und lokale Glossen gehören zum meinungsstarken Erscheinungsbild der Oberhessischen Presse. mehr